ÖBB-Chef Matthä: Strompreisfindung nicht mehr zeitgemäß

24. August 2022, Wien/Alpbach
ÖBB-CEO Andreas Matthä
 - Wien, APA/TOBIAS STEINMAURER

Die ÖBB sind einer der größten Stromverbraucher Österreichs. Mit rund 2,2 TWh ist der Durst nach Strom jährlich etwa gleich groß wie jener von Linz. Nur logisch, dass die Bahn angesichts horrender Energiepreise versucht, immer mehr Strom selbst zu produzieren. Das bekräftigte ÖBB-Chef Andreas Matthä am Rande des Forum Alpbach. Er kritisierte aber auch das Merit-Order-Prinzip, das den Strompreis festlegt, als „nicht mehr zeitgemäß“ und wünscht sich mehr Energie-Förderungen.

Das Merit-Order Prinzip besagt, dass sich der Strompreis am teuersten Erzeuger orientiert. Das sind jetzt Gaskraftwerke – und Gas ist wegen der geopolitischen Entwicklungen Mangelware und daher extrem teuer geworden. In der ersten Phase der Strommarktliberalisierung habe das Prinzip auch seine Berechtigung gehabt, so der Bahnchef. Aber: „In der aktuellen Situation ist dieses System nicht mehr zeitgemäß.“ Denn inzwischen würde viel mehr Strom aus Erneuerbaren erzeugt. Das sei am Anfang der Liberalisierung noch nicht der Fall gewesen.

Mit dem Jahresverbrauch von 2,2 TWh ist es kein Wunder, dass der Strompreis die ÖBB besonders umtreibt. Sie haben voriges Jahr in eigenen (Wasser-)Kraftwerken aber rund 750 GWh Strom erzeugt. Das ergab eine Eigenproduktion, die immerhin mehr als ein Drittel des Jahresbedarfs deckte. „Weitere 450 GWh unseres Jahresbedarfs werden durch langfristige Partnerverträge (mit dem Verbund, Anm.) aus Wasserkraft abgedeckt“, sagte der oberste Eisenbahner.

Damit bleiben derzeit aber immer noch etwas mehr als 40 Prozent Bahnstrombedarf, den die ÖBB vom Markt decken. „Diese Lücke versuchen wir in den nächsten Jahren durch den Ausbau unserer Eigenproduktion und durch neue Partnerschaften deutlich zu verkleinern“, sagte Matthä.

Die Bahn nimmt dafür wie berichtet bis 2030 eine gute Milliarde Euro in die Hand. Die Eigenproduktion soll um etwa 270 GWh jährlich steigen. Dabei geht es rein um erneuerbare Energieträger – Wasser, Sonne und Wind. Dabei geht es nicht nur um die Produktion von Bahnstrom mit 16,7 Hz, sondern auch um 50-Hz-Strom zur Versorgung von Betriebsgebäuden und Bahnhöfen.

„Das heißt, wir versuchen unseren Bedarf an Bahnstrom zu einem Gutteil selbst beziehungsweise gemeinsam mit Partnern zu produzieren“, so der ÖBB-Chef in Alpbach in Tirol. „Das macht das Bahnsystem unabhängiger und stärker – und es entlastet den Strommarkt. Denn jede Kilowattstunde erneuerbarer Energie, die wir nicht aus dem öffentlichen Netz brauchen, steht für Haushalte oder für die Industrie zur Verfügung.“

Matthä brachte aber auch ein „Aber“: „Das Bahnstromsystem ist als ’nicht öffentliches Stromnetz‘ derzeit aufgrund der Renewable Energy Directive und des Erneuerbaren Ausbau-Gesetzes von Förderungen für ausgenommen.“ Dies sei „problematisch“ und gehe „an der Realität vorbei“. Schließlich sei der grüne 16,7-Hz-Strom für alle Bahnunternehmen im ÖBB-Netz verfügbar. Zudem würden Millionen Passagiere und Güter klimafreundlich transportiert und die ÖBB seien mit dem Bahnstromnetz „ein wichtiger öffentlicher Leistungsträger“.

„Mit mehr Investitionsförderungen für Bahnstromanlagen könnten wir unseren aktuell geplanten Zuwachs in der Eigenerzeugung von 125 MWp aus Photovoltaik und Wind bis 2030 verdreifachen auf 375 MWp“, rief Matthä nach mehr Förderungen. Dafür brauche es eine Investitionsförderung für die ersten 2 MWp bei Photovoltaik und für Windkraftanlagen mit bis zu 5 MW.

APA

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