Balkonkraftwerke auf dem Vormarsch

29. August 2022, Graz/Wien
Balkonkraftwerke kann man ohne viel Aufwand an die eigene Steckdose anschließen
 - Wien, APA/EET GMBH

In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge bereits bis zu einer halben Million installierte Mini-Solaranlagen. Für Österreich gibt es keine aktuellen Angaben, man kann aber davon ausgehen, dass die Zahl hierzulande jedenfalls fünfstellig ist. Die so genannten Balkonkraftwerke – Photovoltaik-Anlagen, die man zum Beispiel auf dem eigenen Balkon installieren kann und ohne viel Aufwand an die eigene Steckdose anschließt – erleben zurzeit einen regelrechten Boom.

Die Hersteller sind vielfach ausverkauft. Überall muss mit längeren Lieferzeiten gerechnet werden. Dass der Trend in allernächster Zeit abflacht, ist nicht absehbar. Schwer zu erklären ist der Run auf die Mini-PV-Anlagen nicht: Die steigenden Energiepreise, die Klimakrise, mit der die Menschen praktisch täglich konfrontiert werden, die Angst vor Blackouts sind nur drei der naheliegendsten Argumente, die die Anschaffung einer Anlage, mit der man autonom Energie erzeugen kann, attraktiv erscheinen lassen. Und dafür muss man nicht einmal besonders tief in Tasche gegriffen werden: Balkonkraftwerke gibt es bereits ab 450 Euro. Zudem gibt es vielfach Fördermöglichkeiten. Die Stadt Graz etwa zahlt für die Anschaffung einer „Kleinst-Photovoltaikanlage“ für den Balkon 60 Prozent der Anschaffungskosten, bis zur Höhe von 600 Euro.

Dazu kommt, dass die Rahmenbedingungen in Österreich insgesamt besonders günstig sind. Während in vielen Ländern auch für das Anschließen einer noch so kleinen PV-Anlage sämtliche Vorschriften Auflagen für die Erzeugung von Energie gelten, dürfen hierzulande Balkonkraftwerke mit einer Einspeisesleistung von bis zu 800 Watt unter bestimmten Prämissen im Prinzip von jedermann verwendet werden. Das Gerät muss lediglich über eine feste Verbindung ins Netz integriert sein und beim Netzbetreiber angemeldet werden.

Einer der Pioniere bei der Herstellung von Mini-PV-Anlagen ist die Grazer Firma EET. Im Mai 2017 von drei Studenten der TU-Graz gegründet hat sich das Unternehmen vom Start-Up in einem Incubator-Programm auf ein Unternehmen mit 38 Mitarbeitern und mehreren Millionen Umsatz gemausert. Bis Jahresende will man weitere zwölf Personen anstellen. Zuletzt verkaufte EET im Monat rund 1.000 PV-Anlagen. Derzeit müssen sich Kunden aber gedulden. Während man auf die kleinsten Balkonkraftwerke (370 Watt) rund acht Wochen warten muss, beträgt die Lieferzeit bei größeren Anlagen, etwa solche mit eigenem Speicher, über ein halbes Jahr. Bei der Wiener Firma base.energy sieht die Situation ähnlich aus. base.energy-Geschäftsführer Simon Niederkircher rechnet damit, dass sich die derzeitige Nachfrage auf hohem Niveau einpendeln wird: „Mittlerweile wissen viel mehr Leute Bescheid, was ein Balkonkraftwerk überhaupt ist. Und die Energiepreissituation tut ein Übriges. Die Leute sagen, wenn nicht jetzt, wann dann?“

Mit kleinen Balkonkraftwerken kann man in der Regel die Grundlast eines durchschnittlichen Haushalts decken. „Das sind so zwischen 100 und 300 Watt“, erklärt Jan Senn, Verkaufsleiter bei EET in Graz. Wenn das Balkonkraftwerk mehr Strom erzeugt, als im Haushalt gerade gebraucht wird, das sei aber in der Regel nicht viel, dann werde dies an das Netz verschenkt. Eine Gegenverrechnung zahle sich bei diesen Mengen nicht aus.

Sinnvoll sei die Anschaffung eines derartigen Mini-Kraftwerks allemal, bekräftigt Christian Ofenheusle, der Betreiber von machdeinenstrom.de, der deutschen Nutzerplattform für Balkonkraftwerksbetreiber. In Deutschland amortisiere sich ein Balkonkraftwerk innerhalb von sechs bis sieben Jahren, für Österreich sei das wegen der sehr unterschiedlichen Strompreise nicht so leicht zu sagen. Ökologisch gesehen gehe die Amortisation in Deutschland sogar noch schneller: Bis der durch die Herstellung der Mini-PV-Anlage erzeugte CO2-Fußabdruck geringer sei als jener des ersparten Stroms aus dem Netz. Das liege am deutschen Strommix, der noch immer einen relativ hohen Anteil Kohleenergie enthält. Weil Österreich „schon wesentlich weiter ist, mit der Energiewende“ dauere es hier ebenfalls länger, bis sich ein Balkonkraftwerk ökologisch rechnet. Problematisch werde es aber erst, wenn es länger dauere als 30 Jahre, die Lebensdauer eines Balkonkraftwerks, so Ofenheusle.

Derzeit werden kaputte oder verbrauchte Solaranlagen im Idealfall über Recyclinghöfe fachgerecht entsorgt. Bei EET macht man sich aber schon Gedanken über die Zukunft, wenn die eigenen erzeugten Balkonkraftwerke an den Rand ihrer Lebensdauer kommen. EET gibt auf alle seine Geräte eine 80-Prozent Leistungsgarantie für 25 Jahre. „Wir überlegen uns derzeit, wie wir das machen können. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, aber wir werden die Anlagen zurücknehmen und so gut wie möglich wieder verwenden“, gibt Senn den Kurs in Richtung Kreislaufwirtschaft bei den Balkonkraftwerken vor.

Obwohl in Österreich die Rechtslage bezüglich der Balkonkraftwerke eindeutig erscheint, herrscht mancherorts offenbar noch Verwirrung: „Es gibt ein paar Netzbetreiber, die sagen, es ist nicht möglich, Balkonkraftwerke anzuschließen“, sagt Alfons Haber, Vorstand bei E-Control, der für die Strom- und Gaswirtschaft zuständigen Regulierungsbehörde in Österreich. Daher plant die E-Control Anfang September eine Veröffentlichung auf ihrer Homepage, mit der sie über die geltenden Rahmenbedingungen Klarheit schaffen will. Darin will sich die E-Control auch zu Balkonkraftwerken positionieren: „Wir werden etwa darauf hinweisen, dass das eine Möglichkeit ist, den Energieverbrauch aus dem öffentlichen Netz einzuschränken, und auf die Kostenersparnis“, so Haber.

APA

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