APG-Vorstand sieht Merit-Order-System nicht als überholt

2. September 2022, Wien
Energiepreise könnten im Winter nochmals deutlich steigen
 - Wien, APA/THEMENBILD

Der Vorstand der Austrian Power Grid (APG), Gerhard Christiner, sieht das Merit-Order-System zur Strompreis-Berechnung nicht als überholt an, sieht aber angesichts der hohen Preise die Politik in der Pflicht. „Natürlich, wenn man jetzt diese extremen Preise sieht, dann ist die Politik gefordert zu handeln. Man muss aber aufpassen und sich gut überlegen, wie man hier eingreift. Sonst richtet man noch größeren Schaden an“, sagte Christiner am Freitag zum „Kurier“.

Christiner weist aber auch darauf hin, dass das Merit-Order-System „nach oben keine Grenzen“ kenne. Daher könnte der Energiepreis in den kommenden Monaten noch einmal deutlich zulegen, sollte es zu einer „extremen Verknappung“ im Winter kommen, so der APG-Chef. Dass Strom und Gas im Winter knapp werden könnten, sei eine Sorge der APG. „Die Preisausschläge an den Strombörsen sind auch ein solches Knappheitssignal“, sagte Christiner am Freitag zu den „Salzburger Nachrichten“. Der Winter werde jedenfalls eine große Herausforderung für ganz Europa.

Im Zuge der Causa Wien Energie sowie der massiv steigenden Preise für Gas und Strom ist in den vergangenen Tagen und Wochen der Ruf nach einer Änderung des Systems laut geworden. Unter anderem bezeichnete ÖBB-Chef Andreas Matthä das System als „nicht mehr zeitgemäß“.

Auch der Präsident der Wirtschaftskammer (WKÖ), Harald Mahrer, sprach sich am Freitag gegenüber der „Kleinen Zeitung“ kritisch gegenüber der Merit-Order aus. „Die Preisfindung am Markt findet nicht mehr unter normalen Gegebenheiten statt, Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen“, so Mahrer. Es brauche ein Design, dass den „Strompreis wieder vernünftig definiert.“ Dafür brauche es entweder einen neuen „Algorithmus, wie die Preisfindung an der Strombörse stattfindet“ oder man müsse wie Spanien und Portugal einen Gaspreis festsetzen und die Differenz zum Marktpreis subventionieren.

Bei der Merit-Order bestimmt das teuerste Kraftwerk den Preis für Strom. Das heißt es werden die Kraftwerke der Reihe nach zugeschaltet, bis der entsprechende Bedarf gedeckt ist. Zuerst wird das günstigste Kraftwerk eingeschaltet, dann das zweitgünstigste, und so weiter, bis letztlich genügend Strom zur Verfügung steht.

Das letzte zugeschaltete Kraftwerk ist demnach das teuerste, derzeit sind es Gaskraftwerke. Damit hat der Betreiber des günstigsten Kraftwerkes den höchsten Gewinn. Das System hat dazu beigetragen, dass die Wien Energie vergangene Woche in eine finanzielle Notlage geraten ist. Durch einen massiven Strompreisanstieg hat die nötige Liquidität für stark gestiegene Sicherheitsleistungen am Terminmarkt für Strom gefehlt und das Unternehmen musste um Hilfe des Bundes bitten.

Dass andere Energieversorger in die gleichen Schwierigkeiten wie die Wien Energie geraten könnten, glaubt Christiner nicht. „Ich glaube, wir haben in Österreich nicht so viele Unternehmen, die diese Volumina am Strommarkt bewegen“, sagte der APG-Chef.

APA

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