Frankreich muss Strom kaufen

6. September 2022, Paris

Immer mehr AKWs fallen aus, Sorge wegen Preisen

Der Ausfall von gleich mehreren Atomkraftwerken (AKWs) hat in Frankreich Befürchtungen hinsichtlich einer mangelnden Stromversorgung im Winter ausgelöst. Auch als Stromlieferant für Nachbarstaaten wie Deutschland könnte das Land ausfallen. Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2012 ist Frankreich beim Strom zum Nettoimporteur geworden, wie aus Daten des Beratungsunternehmens Enappsys hervorgeht.


Die Produktion der Kernkraftwerke ist auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren gefallen. Der Zeitpunkt könnte kaum schlechter sein, kämpfen doch Länder wie Deutschland, Italien oder Polen ohnehin schon mit den Auswirkungen der Gaslieferkürzungen Russlands.


Die 56 Kernkraftwerke sind das Rückgrat der Stromversorgung in Frankreich. Rund 70 Prozent des Bedarfs werden durch sie gedeckt. Eine Welle von Reparaturen und überfälligen Wartungsarbeiten hat die Stromproduktion allerdings sinken und Preise steigen lassen. Hinzu kommt, dass einige zur Kühlung an Flüssen liegende Meiler in diesem von Hitzewellen geprägten Sommer ihre Produktion drosseln müssen, um die Gewässer nicht zusätzlich zu erwärmen. Ende August waren nach Daten des AKW-Betreibers EdF knapp 30 Prozent der Kernkraftkapazitäten nicht am Netz.
Die Strompreise in Frankreich sind deshalb mit mehr als 1000 Euro je Megawattstunde auf Rekordkurs. Vor einem Jahr lagen sie noch bei etwa 70 Euro je Megawattstunde. „Die explodierenden Stromkosten sind eine Gefahr für die Wirtschaft“, sagt Norbert Rücker, Leiter Economics & Next Generation beim Bankhaus Julius Baer. Die Lage der Kernkraftwerke in Frankreich könne eine größere Herausforderung werden als Russlands Kürzungen der Gaslieferungen.


Die Planungen des Elektrizitätskonzerns EdF sehen vor, dass bis Dezember die Stromproduktion der Atomkraftwerke auf rund 50 Gigawatt täglich steigt – von derzeit 27 Gigawatt. Einige Experten schätzen dies als zu optimistisch ein. In einem durchschnittlichen Jahr produzieren die Atomkraftwerke des Landes rund 400 Terawattstunden Strom. Etwa zehn Prozent davon gehen in warmen Monaten ins Ausland. An kalten Wintertagen importiert Frankreich Strom, insbesondere aus Deutschland.

Der Standard

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