APG-Vorstand: Stromversorgung nicht so sicher wie früher

7. September 2022, Wien
Stromnetze als "ungeliebtes Kind"
 - Thal Assling, APA/EXPA/JFK

Österreichs Stromversorgung ist im internationalen Vergleich sehr sicher, aber nicht so sicher wie früher. Man sei in die Energiewende „mit Ideologie und Euphorie“ hineingegangen, sagt der Technik-Vorstand des Übertragungsnetzbetreibers APG, Gerhard Christiner. Aber man habe nicht die nötigen Begleitmaßnahmen getroffen und den Netzausbau vernachlässigt. Ein Blackout sei wahrscheinlicher geworden, könnte aber auch rascher in den Griff bekommen werden als noch vor zehn Jahren.

„Wir haben seit den 50-er Jahren keinen Blackout in Österreich gehabt“, betonte der Wissenschafter Jaro Krieger-Lamina von der TU Wien. Pro Jahr gebe es in Österreich nur 40 Minuten kundenseitige Stromunterbrechung, davon 26 Minuten ungeplant, sagte Krieger-Lamina am Dienstagabend bei einem Symposium zum Thema „Blackout und Versorgungssicherheit“.

Die Einschätzung, dass Österreichs Stromsystem so sicher sei, teilt Christiner nicht ganz. „Weil ein sicheres Stromsystem würde selbsttragend sicher sein, intrinsisch sicher sein. Das waren wir einmal, das sind wir nicht mehr.“ Die Engpassmanagement-Kosten, also Eingriffe, um das System sicher zu machen, würden mittlerweile rund 480 Mio. Euro betragen. „Der Strommarkt definiert den Kraftwerkseinsatz, wir korrigieren ihn danach, wir haben Überlastungen in den Netzen. Das heißt, da explodieren uns auch die Kosten“, sagte der APG-Vorstand.

Ein Energiesystem, das in Zukunft auf 100 Prozent Erneuerbaren fußen soll, müsse ganz anders konstruiert sein, sagte Christiner. „Dieser Plan, wie das zu passieren hat, den gibt es nicht. Wir sind in diese Energiewende hineingegangen mit einer großen Ideologie und auch einer großen Euphorie, Dinge zu machen“, am liebsten hätte man alle thermischen Kraftwerke möglichst bald abgeschaltet. „Nur, wir haben nicht die ganzen Begleitmaßnahmen getroffen, die dafür notwendig sind.“ Daher sei man nicht mehr so sicher wie früher.

Für die aktuell sehr hohen Strompreise sei nicht nur die Gaskrise verantwortlich, „es ist auch bereits einer Verknappung am Strommarkt geschuldet“. Man habe die Erneuerbaren ausgebaut, aber „die Stromnetze waren nicht im Fokus, das war das ungeliebte Kind“. Die teure Rechnung dafür bezahle man jetzt. In Österreich sei der Strom mittlerweile deutlich teurer als in Deutschland, „weil wir nicht die Leitungen haben“.

Die Minimierung der Netzkosten sei seit 20 Jahren ein Dogma, Effizienz stehe im Vordergrund, „Sicherheitskriterien werden zunehmend an den Rand geschoben“.

Sollte es tatsächlich zu einem großflächigen Stromausfall kommen, also einem Blackout, sei man heute aber in der Lage, das Stromnetz viel rascher wieder aufzubauen, als das früher der Fall gewesen wäre, so die Experten. Während man vor zehn Jahren noch dachte, dass es Wochen dauern könnte, bis alles wieder läuft, spricht man heute von Stunden. „Wir haben schwarzstart-fähige Kraftwerke, das sind im speziellen die Pumpspeicher-Kraftwerke in Österreich, die ohne Strom hochgefahren werden können“, erklärte Christiner. Das Hochfahren der Stromnetze werde regelmäßig am Simulator geübt. „Die beste Gruppe schafft das in zehn Stunden. Es kann aber auch 25 bis 30 Stunden dauern, bis wir das gesamte österreichische Netz wieder aufgebaut haben.“

APA

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