Forscher warnen vor Stärkung von Fossilenergie durch Krisen

17. Oktober 2022, Laxenburg
Kohle, Öl und Gas als Krisengewinner
 - Neurath, APA/AFP

Die durch die Covid-Krise und den Ukraine-Krieg verursachten vielfältigen gesellschaftspolitischen Veränderungen haben bisher zu keinen nennenswerten Verbesserungen in Sachen Klimaschutz und nachhaltiger Energiegewinnung geführt. So hätten die Neuinvestitionen in „grüne“ Energieprojekte im Vergleich zum Stand vor der Pandemie in Europa sogar um zehn bis 15 Prozent abgenommen, monieren Forscher im Fachblatt „Energies“. Sie warnen vor einer Stärkung von Fossilenergie-Industrie.

Das knapp 20 Wissenschafter umfassende Team um Erstautor Behnam Zakeri vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien hat einige kürzlich veröffentlichte Studien zum Einfluss der beiden großen Krisen der vergangenen Jahre auf die Energiewende analysiert und zusätzlich mit Experten aus dem Feld gesprochen, wie die Wissenschafter in ihrer Arbeit schreiben. Obwohl die Corona-Krise etwa gezeigt habe, dass durchaus tiefgreifende Änderungen in unserem Arbeits-, Reise- und Konsumverhalten möglich sind und der Ukraine-Krieg die massiven Abhängigkeiten von Lieferungen günstiger fossiler Energieträger offenlegt, wurden die sich daraus ergebenden Chancen auf Veränderungen im Energiesektor großteils nicht genutzt, heißt es.

Regierungen auf der ganzen Welt würden kaum daran gehen, das System längerfristig in Richtung mehr Nachhaltigkeit umzubauen, sondern vielmehr auf kurzfristige Lösungen und riskante Alternativen setzen, heißt es am Montag in einer IIASA-Aussendung. Trotz kurzfristiger Steigerungen bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen würden die Investitionen in den Sektor in Europa zurückgehen. Dagegen werde vor allem die etablierte Energieindustrie unterstützt, die Erschließung etwa neuer Gasfelder im Mittelmeer oder im Nahen Osten vorangetrieben und neue Versorgungswege mit fossilen Brennstoffen forciert, monieren die Wissenschafter.

Die gestiegenen Preise kämen Unternehmen zugute und würden zusätzliche Projekte rentabel erscheinen lassen, die es vorher nicht waren. Solche Investitionen könnten wiederum zu gefährlichen „Lock-in-Effekten“ führen, da derart aufgebaute Infrastrukturen dann auch längerfristig genutzt würden, anstatt dass lokale, erneuerbare Energiequellen ausgebaut werden.

Letztlich könnte die Fossilenergie-Industrie aus den multiplen Krisen unserer Zeit sogar gestärkt hervorgehen, befürchten die Forscher. Das gesteigerte Bewusstsein in der öffentlichen Meinung dahingehend, dass es Veränderungen im Energiesektor braucht, drohe zu verpuffen und zur „verpassten Gelegenheit“ für eine ambitionierte klimafreundliche Energiewende zu werden. „Ohne Druck auf die politischen Entscheidungsträger, die Nutzung von solchen Brennstoffen auslaufen zu lassen, anstatt neue Lieferrouten dafür zu erschließen, wird sich die öffentliche Meinung gegenüber solchen Energiequellen kaum in eine klimafreundliche Energiewende ummünzen lassen“, so Zakeri. Die Wissenschafter plädieren in ihrem Beitrag daher für ein Überdenken des Konsums, der Infrastruktur, der Mobilität und der Städteplanung und für den Ausbau von dezentralen, regionalen Energiesystemen.

(S E R V I C E – https://doi.org/10.3390/en15176114 )

APA

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