Der Weg der Pellets

16. November 2022

Der Raubbau in rumänischen Wäldern zeigt auf, unter welchem Druck der Wald in ganz Europa steht. Er wird immer stärker genutzt. Kein Problem – und sogar notwendig, sagen die einen. Zerstörung von Lebensräumen und wichtigen CO2-Senken, kontern die anderen.„Wenn die Nachfrage in ganz Europa steigt, wird es knapp. Wir können nachwachsende Rohstoffe nicht beliebig produzieren.“

Die Szenen erinnern an einen Kriminalfilm: Polizisten springen über Zäune, brechen Türen auf, halten vorbeifahrende Lkws an und befragen Mitarbeiter, die schon früh am Morgen Baumstämme abladen. Dutzende weitere Beamte hören Telefongespräche ab, dringen in Wälder vor und kontrollieren Dokumente und Genehmigungen von Holzarbeitern. Die Bilder, Videos und Beschreibungen der Aktionen laden die rumänischen Beamten wenig später auf Facebook hoch.
Das Ergebnis der Untersuchungen der Polizei in den vergangenen Wochen und Monaten: Für mehr als 93.000 Kubikmeter Holz aus Rumänien fehlen legale Dokumente, 20.000 Kubikmeter Holz wurden illegal abgeholzt, gegen mehr als 2000 Personen wird ermittelt, 18 Laptops, 62 Mobiltelefone, illegal besessene Waffen und Munition und 87.000 Euro wurden beschlagnahmt. In den kontrollierten Holzlagern lagen zum Teil hunderte Kubikmeter mehr an Rundholz, Briketts und Pellets, als schriftlich von den Unternehmen festgehalten wurde. Es besteht zudem der Verdacht auf Geldwäsche und Steuerhinterziehung, teilte die rumänische Polizei dem STANDARD auf Anfrage mit.

Spuren nach Österreich

Dass Wälder in Rumänien illegaler der Abholzung zum Opfer fallen, ist nicht neu. Seit Jahren beklagen Umweltschützer den Raubbau an vielen der ältesten Wälder und Naturschutzgebiete Europas. Mit der Energiekrise und der wachsenden Nachfrage nach Brennholz und Pellets könnte sich die Abholzung weiter zuspitzen, befürchten viele.
Dabei führen die Spuren immer wieder auch nach Österreich. Allein im vergangenen Jahr wurden in Österreich 1,19 Millionen Tonnen Pellets verbraucht, rund 120.000 Tonnen Pellets hat das Land aus Rumänien importiert (siehe Grafik). Ein Teil des Imports ist auf österreichische Holzunternehmen zurückzuführen, die in Rumänien produzieren und Holzprodukte nach Österreich transportieren.

Dass illegal geschlägertes und nicht nachhaltiges Holz aus dem Ausland auch in heimischen Kaminen und Öfen landet, sei nicht auszuschließen, sagt Karlheinz Erb, Nachhaltigkeitsforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien, zum STANDARD. Österreich habe in den vergangenen Jahren mehr und mehr Holzmaterial aus dem Ausland importiert. Doch herauszufinden, wo genau eine bestimmte Holzernte herkommt und wo sie hinführt, sei extrem schwierig. Die Holzhandels- und Verarbeitungsketten seien global verzahnt und äußerst komplex. Österreich spielt dabei eine bedeutsame Rolle: So ist das kleine Land der weltweit zweitgrößte Importeur von Rundholz.

Dass es der Holzindustrie Europas an Transparenz fehlt, zeigt auch eine Studie der Europäischen Kommission von 2021. Bei rund zwanzig Prozent des Holzes, das in der EU zwischen 2009 und 2015 zur Herstellung von Produkten oder zur Energieproduktion verwendet wurde, konnten die Forschenden keinen genauen Herkunftsort festmachen. In den vergangenen zwanzig Jahren habe sich die Nutzung von Holz zum Heizen mehr als verdoppelt. Gleichzeitig seien viele Wälder Europas bereits heute in keinem guten Zustand, schreiben die Forschenden.

Besonders schlimm sei die Lage seit vielen Jahren in Rumänien, sagt Ciprian Gal, Waldexperte bei Greenpeace Romania, zum STANDARD. Eine Untersuchung, an der die Organisation beteiligt war, kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte des in Rumänien zu Pellets verarbeiteten Holzes aus Natura-2000-Gebieten stamme. Statt großer Kahlschläge, wie es sie noch vor sechs Jahren gab, würden Unternehmen heute subtiler vorgehen und offizielle Angaben zur Holzentnahme bewusst kleiner darstellen. Die Abholzung sei, selbst in Naturschutzgebieten, oftmals nicht illegal. Eingriffe würden etwa damit gerechtfertigt werden, von Borkenkäfern oder Stürmen beschädigte Bäume zu entfernen – um dann auch andere Bäume in der Umgebung herauszuschneiden, sagt Gal.

Meist Sägenebenprodukte

Dazu nahm die rumänische Polizei in ihren kürzlichen Untersuchungen auch das österreichische Unternehmen Egger unter die Lupe, das im Nordosten Rumäniens ein großes Werk für die Produktion von Span- und OSB-Platten betreibt. Es gebe jedoch keine Vorwürfe oder damit in Zusammenhang stehende Ermittlungen gegen Egger Romania oder deren Mitarbeiter, teilte das Unternehmen mit. Konkret verdächtigen die rumänischen Behörden diverse Holzzulieferer, die unter anderem Egger beliefern. Das Unternehmen habe den Behörden Informationen zu den Geschäftsbeziehungen zur Verfügung gestellt. Sollten sich die Tatvorwürfe gegen die Zulieferer bewahrheiten, werde man sich von diesen lösen.

„Pellets werden in Europa fast ausschließlich aus Sägenebenprodukten hergestellt, im Baltikum teilweise aus minderwertigem Faserholz“, kontert Christian Rakos, Geschäftsführer des Branchenverbands Propellets. Österreich importiere aus Rumänien seines Wissens nach ausschließlich Pellets des österreichischen Holzunternehmens HS Timber, das auch Werke in Rumänien besitzt. Das Unternehmen habe strikteste Maßnahmen gesetzt, um die Nachhaltigkeit der Lieferkette sicherzustellen, betont er. Zudem verarbeite HS Timber nur Sägenebenprodukte zu Pellets.

Laut einer Stellungnahme von HS Timber gegenüber dem STANDARD haben die rumänischen Behörden bei dem Unternehmen um Zugang zu Informationen in Zusammenhang mit Schnittholzlieferanten ersucht. Es habe mit den Behörden eine gute Zusammenarbeit gegeben.

Interne Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass HS Timber mit den im Zentrum der Ermittlungen stehenden Unternehmen bereits seit längerem keine aufrechte Geschäftsbeziehung habe. Bei einem der betroffenen Holzlieferanten habe es bereits vor Jahren Bedenken hinsichtlich dessen Integrität gegeben, weshalb eine Zusammenarbeit seitens des Unternehmens bereits damals ausgeschlossen worden sei. Zusätzlich seien für die anderen Unternehmen umgehend vorsorgliche Suspendierungen ausgesprochen worden, heißt es in der Stellungnahme.

Wie nachhaltig ist Holz als Heizmaterial nun? Laut Waldexperte Erb macht Primärholz, also Holz, das direkt aus den Wäldern entnommen wird, rund ein Drittel der Energie von Holz aus, das hierzulande verfeuert wird. Auch wenn Holz nachwachse, sei es als Brennstoff nicht unbedingt CO2-neutral. Werde beispielsweise zu viel Holz aus Wäldern entnommen, verlieren diese ihre Funktion als CO2-Senke. Zudem habe Holz einen schlechten Emissionskoeffizienten: Es stößt bei der Verbrennung vergleichsweise viele Emissionen pro Energieeinheit aus. In Österreich werde der Wald bereits intensiv genutzt, so der Experte – knapp 90 Prozent des Zuwachses an Holz werden pro Jahr entnommen. Werde noch mehr entnommen, steigen nicht nur die CO2-Emissionen, sondern es leidet dann auch die Biodiversität darunter.

Besser als die Steigerung der Nutzung von Holz als Energiequelle sei es, langlebige Produkte aus Holz zu machen, die das CO2 möglichst lange binden, glaubt Erb. Insgesamt gelte es, weniger Ressourcen, inklusive Holz, zu verbrauchen – und damit die Senke zu erhalten oder zu vergrößern. Einen großen Ausbau der Bioenergie mit Holz hält Erb für wenig sinnvoll.

Produktion steigt

Genau das werde jedoch geschehen, prognostiziert der Branchenverband Propellets. „Wir erwarten in Österreich einen deutlichen Sprung nach oben bei der Produktion von Pellets“, kündigt Rakos an. Werden heuer rund 1,7 Millionen Tonnen Pellets produziert, prognostiziert der Verband, dass bis 2026 schon bis zu 2,6 Millionen Tonnen hergestellt werden. Der Verbrauch werde ebenfalls steigen, jedoch immer unter dem Produktionslevel bleiben, meint Propellets. Heute würden rund 1,2 Millionen Tonnen verbraucht, bis 2026 dürfte die benötigte Menge auf rund 1,9 Millionen Tonnen steigen.

Aus Sicht des Verbands ist das durchaus nachhaltig machbar: Der Anstieg lasse sich zu einem großen Teil aus den Nebenprodukten der heimischen Sägeindustrie decken. So fallen bei der Verarbeitung einer Fichte im Sägewerk rund 40 Prozent Holzschnitzel und Sägespäne an, die zu Pellets weiterverarbeitet werden können, argumentiert Rakos.
Tobias Stern von der Universität Graz sagt zunächst Ähnliches: „Ja, wir können mehr Heizungen mit Holz einbauen.“ Dann relativiert er: „Aber die anderen EU-Länder machen ja dasselbe, und damit wird es irgendwann knapp. Wir können nachwachsende Rohstoffe nicht beliebig produzieren.“

Konsumproblem

Es sei nicht ideal, Holz zu verbrennen, gleichzeitig sei es schon legitim, Abfälle und Reststoffe fürs Heizen zu nutzen, sagt der Wissenschafter. Das gelte umso mehr, weil die Erderhitzung einen massiven Waldumbau nötig mache und dabei zunächst auch mehr Holz anfalle. Die vielen angelegten Fichtenwälder zum Beispiel würden in Zukunft auch in Österreich zunehmend anfälliger für Schädlinge und Waldbrände.

Der wichtigste Punkt an der Debatte, erklärt Stern, sei für ihn: „Die Pellets an sich sind nicht das Problem, sondern unser Gesamtkonsum.“ Würde etwa weniger Fleisch konsumiert werden, könnte global betrachtet so manche Agrarfläche, auf der heute großflächig Soja angebaut wird, wieder aufgeforstet werden. Es sei eine politische Entscheidung, wofür Ressourcen genutzt werden. Fest stehe nur: Die Ressourcen sind endlich.
Die politische Entscheidung dazu wird auch in Brüssel derzeit hitzig debattiert: Dort arbeiten die EU-Institutionen an der Reform der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie. Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien von heute rund 22 Prozent auf 40 Prozent erhöht werden, schlug die EU-Kommission vor.

Umstritten ist, welche Rolle Biomasse beim Erreichen dieses Ziels spielen soll. So steckt die Richtlinie neben den Rahmenbedingungen für Solar- und Windkraft auch ab, inwiefern sich die europäische Energiewende auf Biomasse stützen darf.

In der aktuellen Regelung gilt die Verbrennung von Holz als Quelle erneuerbarer Energie. In dem neuen Gesetzesvorschlag sieht die EU-Kommission nun aber vor, Primärbiomasse aus der Erneuerbare-Energien-Richtlinie zu streichen. Die Auflagen für die Nutzung von Holz für die Energiegewinnung sollen strenger werden.
Wie die Richtlinie am Ende aussieht, wird derzeit verhandelt. Vertreterinnen und Vertreter des EU-Parlaments und der Mitgliedsstaaten treffen sich kommenden Dienstag zu dem sogenannten Trilog.

Welche Kompromisse dort gefunden werden, wird wohl mitbeeinflussen, welche Rolle die Wälder in der Energiegewinnung künftig spielen. Wie sehr die Wälder heute schon unter Druck stehen, könne am Raubbau an den Wäldern in Rumänien abgelesen werden, sagt Stern: „Unsere Wälder sind besser geschützt.“

von Tobias Stern, Universität Graz

Der Standard

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