Wie weit wir von den Klimazielen weg sind

25. Jänner 2023

Analyse. Das von Krieg und Krise geprägte vergangene Jahr hat uns dem 1,5-Grad-Ziel nicht näher gebracht. Immerhin steigt die Nutzung erneuerbarer Energien an. Österreich könnte weit mehr tun

Im vergangenen Jahr sah man an einer ganzen Reihe von Ereignissen, wie sehr die Klimakrise das Leben von Menschen rund um den Globus beeinträchtigt. Es gab lange anhaltende Dürreperioden, gigantische Waldbrände, Flutkatastrophen und Hitzewellen. Dennoch wird weiterhin zu wenig getan, um das große Ziel zu erreichen. Laut Pariser Klimaabkommen sollte die Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre bis 2100 um nicht mehr als 1,5 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Zeiten ansteigen. Aktuell stehen wir bereits bei 1,2 Grad. Wenn es mit derzeitigen politischen Maßnahmen so weitergeht, landen wir bei 2,7 Grad. Die Folge wäre eine Kettenreaktion,
die sich nicht mehr stoppen lässt, Artensterben, weltweite Nahrungsmittelknappheit und immer schwerere Naturkatastrophen.

„Wahnsinn“

Seit Jänner 2022 gibt es für den Klimaschutz erschwerte Bedingungen: Russlands Invasion der Ukraine, Energiekrise und Teuerungswelle. In diesem Umfeld verliert man die Klimaziele leichter aus den Augen. „Emissionsseitig war es kein erfreuliches Jahr“, sagt Klimatologe Harald Rieder, Obmann des Climate Change Centre Austria. „Nach dem Einbruch durch die Covid-Pandemie ist der Treibhausgasausstoß wieder nach oben geschnellt.“

In der internationalen Zusammenarbeit habe es kaum Fortschritte gegeben, sagt Reinhard Steurer, Experte für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur. „Die Klimakonferenz COP27 in Ägypten ist in Bezug auf Emissionssenkungen komplett gescheitert. Die COP28 in den Vereinigten Arabischen Emiraten dieses Jahr wird vom Ex-Chef einer Ölfirma geleitet. Das drückt ziemlich gut den Wahnsinn aus, in dem wir uns bewegen.“

Im vergangenen Jahr hat es aber auch positive Entwicklungen gegeben. Die Kapazität erneuerbarer Energien ist um acht Prozent gestiegen. Die bisherige Abhängigkeit von Russland motiviere viele Staaten zu einer stärkeren Dekarbonisierung.

Bei Österreichs Klimaschutz gibt es Licht und Schatten. Im Climate Change Performance Index, einer von Forschungsinstituten erstellten internationalen Rangliste, klettert Österreich fünf Plätze hoch auf Rang 32. Hauptgründe dafür sind die Einführung einer CO₂-Bepreisung sowie das Klimaticket.

Es geht zu wenig voran

Kritisiert werden nicht umgesetzte Klimaschutzgesetze und Fracking-Überlegungen. „Fracking ist kein Weg zur Lösung“, sagt Rieder. „Auch wenn vereinzelt ,grünes Fracking’ propagiert wird, ist auch dieses ökologisch bedenklich. Keine Art von Fracking wird uns klimaneutralen Treibstoff zur Verfügung stellen.“ Dringend gebraucht werde das Klimaschutzgesetz, das klarstelle, welche Emissionsreduktionen in welchen Sektoren bis zu welchem Zeitpunkt durchzuführen seien. Man warte schon zu lange darauf.

Eine große Baustelle im Land ist der Verkehrssektor. Elektroautos setzen sich nur langsam durch, der Staat vergibt weiterhin klimaschädliche Förderungen wie die Pendlerpauschale, Tempolimits bleiben unangetastet. Beim Ausbau erneuerbarer Energien geht in Österreich zu wenig voran. Dazu ein Vergleich: In Österreich wurden im vergangenen Jahr 68 neue Windkraftanlagen mit einer Leistung von 289 Megawatt errichtet. Finnland (5,5 Mio. Einwohner) hat im selben Zeitraum 427 Windräder mit einer Leistung von rund 2.430 Megawatt errichtet.

Die Zustimmung für erneuerbare Energien ist im Land eigentlich sehr hoch. Das Verlangen nach mehr erneuerbarer Energie hängt jedoch möglicherweise auch mit wenig Anpassungsbereitschaft in der Bevölkerung zusammen. Zwei Drittel akzeptieren angeblich persönliche Einschränkungen, aber nur die Hälfte will ihren Stromverbrauch senken.
Laut Steurer seien Aktionen von Klimaaktivisten berechtigt: „Der Alarm, den sie auslösen, sollte allen zu denken geben. Die Lage ist ernst.“

Kurier

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