Energie -von der stabilen Größe zur Unbekannten

2. März 2023

Klimaziele und Preissprünge wirken sich dramatisch auf den Energiemarkt aus. Welche Folgeimplikationen hat das für Industrieunternehmen?

Energie hat sich im vergangenen Jahr vom kaum beachteten Produktionsfaktor zu einem wesentlichen Querschnittsthema für Industrie, Versorger und Privatkunden entwickelt. Nicht nur, dass sich Österreich zum Ziel gesetzt hat, bis 2030 ausschließlich Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. In den letzten 12 Monaten kamen noch starke Verwerfungen und große Unsicherheit an den Energiemärkten hinzu -die Preisniveaus für Öl, Gas und Strom schwankten in bisher nicht erlebtem Ausmaß. Während der Strom-Großhandelspreis vor zwei Jahren noch bei rund 50 EUR je MWh lag (Base, Day-Ahead), stieg der Preis im September letzten Jahres auf über 760 EUR je MWh an, um danach wieder deutlich zu fallen und sich aktuell auf ein Niveau von etwa 140 EUR je MWh einzupendeln -das ist aber immer noch rund dreimal so hoch wie zu Beginn dieser Entwicklung. Auch ein Blick auf die Futures-Preise lässt zumindest bis Ende 2024 aktuell keine preisliche Entspannung erwarten. Die Gaspreise reagierten ähnlich stark: Lag der Preis vor zwei Jahren bei ca. 20 EUR/MWh, notiert die MWh nach einem zwischenzeitlichen Hoch von über 270 EUR/MWh Ende August 2022 aktuell bei rund 60 EUR/MWh (TTF, Month Ahead). Das bisher in großem Umfang aus Russland bezogene Gas muss inzwischen zum großen Teil durch (teureres) LNG-Gas und Gas aus anderen Quellen substituiert werden. Die Fragestellungen im Zusammenhang mit der Energieversorgung haben somit wesentlich an Bedeutung gewonnen und stehen im Zentrum unternehmerischer Entscheidungen. Sowohl Energieversorger als auch Industrie sind davon betroffen.

Energiebranche im Umbruch. Galten Energieversorger vor Jahren noch als stabile und leicht planbare Unternehmen, ist die Branche durch die Ziele zur Erreichung der Klimaneutralität nun gezwungen, ihre Geschäftsmodelle anzupassen: Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung sind die Schlagworte.

Die Dekarbonisierungsziele sollen entsprechend dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz von 2021 (EAG) mit Investitionen in Stromerzeugung von 27 TWh erreicht werden. Dies stellt die gesamte Branche vor hohe Investitions-und Finanzierungserfordernisse, auch wenn ein Teil dieser Investitionen durch die Unternehmen und Private getragen wird. Die damit einhergehende Dezentralisierung der Stromerzeugung erfordert auch einen massiven Ausbau der Netze sowie der Speichermöglichkeiten. Strom wird nun unabhängig vom Verbrauch dann erzeugt, wenn die Sonne scheint, wenn der Wind weht oder das Wasser fließt.

Hinsichtlich der Speicherung von Strom werden aktuell zahlreiche Technologien entwickelt, Gaskraftwerke als schnell zuschaltbare Großproduzenten von Strom sind allerdings nicht leicht zu ersetzen. Dazu kommt noch die notwendige Umstellung auf Smart Meter und Smart Grids – also intelligente Stromzähler und -netze.

Neben diesen Herausforderungen ist die Branche mit dem hohen und volatilen Preisniveau beschäftigt. Je nach Ausgestaltung der Kundenverträge und abhängig von Geschäftsmodell und dem erfolgreichen Wirtschaften der Energiewirtschaftsabteilungen gehören nicht alle Energieversorger zu den Krisengewinnern. Sie sind durch die Preisentwicklungen mit neuen Herausforderungen hinsichtlich ihrer Finanzlage konfrontiert.

Auswirkungen auf die Industrie. Nicht nur die Energieversorger stehen vor disruptiven Zeiten, auch viele Unternehmen stellen die Energiewende und das aktuelle Preisniveau vor große Herausforderungen. Zahlreiche Unternehmen sehen sich mit wesentlich gestiegenen Produktionskosten konfrontiert, die – sollten sie nicht in den Preisen weitergegeben werden können -zunächst einmal eins zu eins das Ergebnis reduzieren. Dazu gesellen sich Kosten der Dekarbonisierung, eventuelle Kosten von CO2-Zertifikaten und das aktuell steigende Zinsniveau. Auch wenn ein Teil der steigenden Energiekosten durch Energiekostenzuschüsse zumindest vorübergehend kompensiert wird, ist die Gemengelage insbesondere für energieintensive Unternehmen eine herausfordernde.

Mögliche Strategien zur Reduktion der Energiekosten müssen abgewogen werden. Unternehmen stehen diesbezüglich vor einer Vielzahl an Fragestellungen, wie: „Wie viel an Energie kann eingespart werden, ohne die Produktionsprozesse oder das Wohl der Mitarbeitenden zu gefährden?“ oder „Welche Möglichkeiten hinsichtlich Eigenproduktion gibt es bzw. wie kann man Energiegemeinschaften beitreten?“.

Weiters ist es aktuell unabdingbar, den Stromeinkauf zu professionalisieren oder auch (Green) Power Purchase Agreements abzuschließen, durch die sowohl die Energiekosten gesenkt als auch Dekarbonisierungsziele erreicht werden können. Oftmals bleibt allerdings nichts anderes über als bestehende Kundenverträge -möglichst mit einem genauen Nachweis der gestiegenen Energiekosten – nachzuverhandeln.

Alles in allem wird ein entsprechender Umgang mit Energie zum Wettbewerbsvorteil bzw. Energie zu einem Standortkriterium. Sowohl Österreichs ambitionierte Dekarbonisierungsstrategie als auch die aktuelle Volatilität der Energiemärkte stellen die Energieversorger und die Industrie vor vielfältige Herausforderungen. Energie entwickelt sich von einem stabilen, leicht berechenbaren Produktionsfaktor zu einer volatilen, oftmals – hinsichtlich Produktion und Preis -unbekannten Größe. Jene Unternehmen, die damit gut umgehen, haben in den künftigen Jahren sicher Wettbewerbsvorteile.

Christina Khinast-Sittenthaler ist Partnerin bei EY Österreich und leitet das Branchenteam für den Energiemarkt.
Birgit Eglseer ist Senior Managerin bei EY Österreich und auf die Beratung von Energieunternehmen spezialisiert.

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„Ein entsprechender Umgang mit Energie wird zum Wettbewerbsvorteil und Energie zu einem Standortkriterium.“
Birgit Eglseer, Senior Managerin EY Österreich und spezialisiert auf die Beratung von Energieunternehmen
„Es ist unabdingbar, den Stromeinkauf zu professionalisieren oder auch (Green) Power Purchase Agreements abzuschließen.“

Christina Khinast-Sittenthaler, Partnerin EY Österreich und Leiterin Branchenteam Energiemarkt

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