Weltklimarat warnt vor Eskalation der Klimakrise

20. März 2023, Interlaken
Ausgehend von den sechs Teil-Berichten seit 2018 folgt nun der finale Abschluss - Dadri, APA/AFP

Die Risiken und negativen Auswirkungen durch den menschengemachten Klimawandel sind bereits eingetreten, und sie werden mit jedem weiteren Schritt der globalen Erwärmung weiter eskalieren. So die drastische Prognose von Dutzenden Forschenden des Weltklimarats (IPCC). Einige künftige Veränderungen seien unvermeidbar oder gar unumkehrbar, aber mit einer schnellen und nachhaltigen globalen Treibhausgasreduzierung könnten sie begrenzt werden, hieß es im jüngsten Bericht.

Nach sechs Teil-Berichten seit 2018 hat der Weltklimarat am Montag den „Synthesebericht“ veröffentlicht. „Er unterstreicht die Dringlichkeit ehrgeizigerer Maßnahmen“, sagte IPCC-Vorsitzender Hoesung Lee. Fünf Jahre nach der ersten Publikation sei die Herausforderung noch größer. Die Treibhausgasemissionen (THG) würden weiter steigen, doch die aktuellen Pläne seien unzureichend, um den Klimawandel zu bekämpfen, warnte der IPCC. In Zukunft könnte die Klimakrise eskalieren.

Die Emissionen sollten bereits jetzt zurückgehen und müssen bis 2030 um fast die Hälfte gesenkt werden, wenn die Erwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden soll – aus jetziger Sicht würde das Ziel bereits in den 2030er-Jahren überschritten werden, aktuell liege die Erderwärmung bei 1,1 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Auf eine Begrenzung hatte sich die Staatengemeinschaft in den Pariser Klimazielen im Jahr 2015 geeinigt.

Angesichts der eindringlichen Warnungen forderte UN-Generalsekretär António Guterres die reichen Länder auf, ihre Zielmarke für das Erreichen von CO2-Neutralität deutlich vorzuziehen. Um „die Klima-Zeitbombe zu entschärfen“, sei satt 2050 wie in den meisten dieser Nationen eine Zielvorgabe nötig, die „so nah wie möglich an 2040“ sei, erklärte Guterres am Montag in New York. „Die Menschheit steht auf dünnem Eis – und dieses Eis schmilzt schnell“, sagte Guterres in einer Video-Botschaft. Um das Ziel des Pariser Klimaabkommens in Reichweite zu halten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sei ein „Quantensprung bei den Klimamaßnahmen“ in allen Bereichen und in allen Ländern notwendig.

„Klimagerechtigkeit ist von entscheidender Bedeutung, weil diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, unverhältnismäßig stark davon betroffen sind“, wurde Aditi Mukherji, eine von 93 Autorinnen und Autoren des Syntheseberichts, zitiert. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung, bis zu 3,6 Milliarden Menschen, leben demnach in Regionen, die besonders starke Folgen des Klimawandels erleben dürften.

Inhalt der bisherigen Sachstandsberichte waren die zunehmenden Bedrohungen durch den Klimawandel, verursacht durch die vom Menschen in die Atmosphäre emittierten Treibhausgase. Auch beim Synthesebericht war der kritischste Teil der Arbeit jener an der Zusammenfassung. Der Text richtet sich an alle politischen Entscheidungsträger. Dieser abschließende Bericht muss im Konsens von Wissenschaft und Regierungsvertretern verabschiedet werden – vor einer Woche trafen sich die Beteiligten dazu im sonnigen Schweizer Traditionsurlaubsort Interlaken.

Fortgesetzte Emissionen würden dazu führen, dass alle wichtigen Komponenten des Klimasystems weiter beeinträchtigt werden. Mit jedem weiteren Schritt der globalen Erwärmung werden die Veränderungen bei den Extremen weiter zunehmen, heißt es in der „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“. Es wird projiziert, dass eine fortgesetzte globale Erwärmung auf den globalen Wasserkreislauf wirken werde, einschließlich seiner Variabilität. Das bedeutet, dass sich die globalen Monsun-Niederschläge sowie sehr feuchte und sehr trockene Wetter- und Klimaereignisse und Jahreszeiten weiter intensivieren würden. All die genannten Aussagen wurden jeweils mit „hohem Vertrauen“ von den Wissenschaftern quantifiziert.

Der Klimawandel habe bereits die Ernährungssicherheit verringert, die Wasserversorgung beeinträchtigt und behindere die Bemühungen, die UNO-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu erreichen, heißt es in dem Bericht. Die bereits weit verbreiteten negativen Auswirkungen und die damit verbundenen Verluste und Schäden (Loss and Damage), die für Natur und Menschen verursacht wurden, hätten sich zudem ungleich über Systeme, Regionen und Sektoren verteilt. Wirtschaftliche Schäden durch den Klimawandel wurden in Sektoren wie Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Energie und Tourismus festgestellt. In städtischen Gebieten wurden nachteilige Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, den Lebensunterhalt und wichtige Infrastrukturen festgestellt.

Der Weltklimarat wies zudem darauf hin, dass die Erwärmung auch im Falle eines Überschreitens eines bestimmten Niveaus, wie etwa des 1,5-Grad-Ziels, trotzdem schrittweise wieder reduziert werden könnte. Nötig wäre dazu aber ein negativer globaler Netto-CO2-Ausstoß, der nicht nur erreicht, sondern auch aufrechterhalten werden müsste.

Kritik wurde an den derzeitigen globalen Finanzströmen für die Anpassungsmaßnahmen geäußert, diese seien unzureichend und behindern die Umsetzung der Möglichkeiten, und zwar insbesondere in Entwicklungsländern. Der IPCC erinnerte daran, dass reiche Länder ihr Versprechen von 100 Milliarden US-Dollar (rund 94,1 Milliarden Euro) im Jahr für die ärmsten Länder noch nicht umgesetzt haben. Dabei sei global genügend Geld vorhanden, um die klimaschädlichen Treibhausgase zügig zu reduzieren. Regierungen müssten durch Förderung von Projekten und Studien, Subventionen und Rahmenbedingungen für Investoren die richtigen Zeichen setzen. „Der Ball liegt im Feld der Politik“, sagte Mitautor Oliver Geden.

Die historischen kumulierten Netto-CO2-Emissionen von 1850 bis 2019 betrugen 2.400 Gigatonnen CO2 (Schwankungsbreite plus/minus 240 GtCO2). Mehr als die Hälfte davon (58 Prozent) kam in den 140 Jahren bis 1989 zustande. Für die restlichen 42 Prozent brauchte es nur noch die 30 Jahre bis 2019. Im Jahr 2019 waren die atmosphärischen CO2-Konzentrationen so hoch wie seit mindestens zwei Millionen Jahren nicht mehr und die Konzentrationen von Methan wie seit mindestens 800.000 Jahren nicht mehr.

Die durchschnittliche Anstiegsrate des Meeresspiegels betrug zwischen 1901 und 1971 noch 1,3 Millimeter pro Jahr, stieg auf 1,9 (Schwankungsbreite 0,8 bis 2,9) zwischen 1971 und 2006 und weiter ansteigend auf 3,7 (3,2 bis 4,2 mm) pro Jahr zwischen 2006 und 2018. Zudem rief der Weltklimarat in Erinnerung, dass die durchschnittliche globale Oberflächentemperatur seit 1970 so stark gestiegen ist wie in keiner anderen 50-Jahre-Periode seit mindestens 2.000 Jahren.

APA/dpa

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