Deutschland und die Atomkraft – Am 15. April ist Schluss

3. April 2023, Aachen

Zwischen Martinslaternen und Schlafsäcken lagert im Keller von Familie Hermens in Aachen die Ausrüstung für den Super-Gau. In Plastikbehältern mit dem Atomzeichen – einem kleinen schwarzen Kreis auf neongelbem Grund, umgeben von drei schwarzen Flügeln – befinden sich säuberlich verpackt 25 Schutzanzüge, dazu Atemschutzmasken und Jodtabletten. Auch Lebensmittelvorräte für zwei Wochen werden immer wieder aufgefüllt.

Dass am 15. April die letzten drei deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden, wird daran nichts ändern. Denn das weniger als 60 Kilometer von Aachen entfernte Kernkraftwerk Tihange in Belgien bleibt weiter in Betrieb.

„Wir sind keine Prepper-Familie“, betont Bauingenieur Gereon Hermens – in Anspielung auf Leute, die ständig das Schlimmste befürchten und sich dementsprechend einbunkern. „Aber wir haben uns eben gefragt: Was ist, wenn wirklich was passiert? Würden wir dann nicht sagen: „Hätten wir uns doch mal rechtzeitig Schutzanzüge besorgt!““ Seine Frau und er haben sogar einen kleinen Notfallplan ausgearbeitet: Wenn Tihange in die Luft fliegt, würden die drei Kinder aus der Schule in Papas Büro in der Innenstadt kommen und von dort mit ihm auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren. Dort würden sie dann erst mal für zwei Wochen im Haus bleiben, um dem radioaktiven Regen – dem Fallout – zu entgehen. Die Kinder haben darauf bestanden, dass im Fall der Fälle auch die Meerschweinchen aus dem Garten reingeholt werden.

Gereon Hermens ist in gewisser Weise symptomatisch für den deutschen Atomausstieg, der sich auf die Formel bringen lässt: „Wir sind raus – aber wir sind auch die einzigen.“ Die Sache ist deshalb noch nicht ausgestanden. Können die Deutschen überhaupt jemals mit der Atomkraft abschließen? Seit Jahrzehnten hat sie die Geschichte der Bundesrepublik entscheidend geprägt.

Vereinfacht könnte man sagen, dass die Deutschen mit der Atom-Kontroverse den bürgerlichen Protest einstudiert haben. Klar, große Demos gab es auch vorher schon, etwa gegen den Vietnamkrieg. Doch in der Anti-Atomkraft-Bewegung fanden erstmals breite Schichten der Bevölkerung zusammen. Das aus Dänemark importierte Logo „Atomkraft? Nein danke!“ mit lachender roter Sonne wurde zum wohl bekanntesten Aufkleber einer ganzen Generation. „Die Kontroverse über die Kernenergie war die größte öffentliche Kontroverse in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik“, sagt der Umwelthistoriker Joachim Radkau, Autor des Standardwerks „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft“ (1983).

So brachte der geplante Bau eines Kernreaktors im badischen Wyhl Mitte der 70er Jahre sowohl linke Freiburger Studenten als auch konservativ eingestellte Winzer und Bauern auf die Beine. Es existierten dort auch enge Verbindungen zur französischen Anti-Atomkraft-Bewegung, die Jahre früher entstanden war. „In Frankreich war der militärisch-industrielle Komplex aber einfach zu stark“, sagt Radkau. „Da wurden Demonstrationen noch viel brutaler niedergeknüppelt als bei uns.“

Die damaligen Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten waren heftig. Beide Seiten gingen von der Prämisse aus, dass es hier nicht nur um eine Energiefrage ging, sondern um die Zukunft der jungen deutschen Demokratie. „Die Atomkraft bedingt den Polizeistaat“, war eine bekannte Aussage der Grünen-Mitbegründerin Petra Kelly. Umgekehrt sahen manche Politiker die Großdemos in einer Linie mit dem RAF-Terror, der zu dieser Zeit seinen Höhepunkt erreichte.

Die Tatsache, dass dem Protest der AKW-Gegner langfristig Erfolg beschieden war, widerlegt die These vom Atomstaat denkbar eindeutig. Der 79 Jahre alte Radkau warnt denn auch vor einem Schwarz-weiß-Denken nach dem Motto: hier die Aktivisten, dort die Atomlobby. „Gerade die Ingenieure, die Techniker wussten von Anfang an um die Risiken der Atomkraft, und deshalb gab es gerade auch in der Energiewirtschaft und in Konzernen wie RWE namhafte Skeptiker.“ Zwischen beiden Seiten habe es hinter den Kulissen schon früh Kontakte und Gespräche gegeben.

Radkau hält auch nichts von der These, dass eine zur Hysterie neigende „German Angst“ die deutsche Anti-Atomkraft-Bewegung befeuert habe. „Gerade diejenigen, die sich auskannten, hatten ja Bedenken. Es gab zwar Schlagwörter wie „Atom-Psychose“ und „Atom-Hysterie“ – aber die standen gerade im Gegenteil für eine naive Kernkraft-Begeisterung.“

Die Deutschen übten im Zuge der Atomkraft-Kontroverse nicht nur das Demonstrieren ein, sondern auch viele andere Mobilisierungsformen wie das Abhalten von Bürgerversammlungen und die Einflussnahme auf Verwaltungen über Eingaben sowie Klagen vor Gericht. „Es wird heute zu wenig beachtet, dass Anti-AKW-Aktivisten frühzeitig Rückhalt bei Gerichten fanden“, sagt Radkau und verweist auf das Würgassen-Urteil, das schon 1972 Sicherheit über Wirtschaftlichkeit stellte.

Kaum noch im öffentlichen Bewusstsein ist heute auch, dass an den Protesten von Anfang an auffallend viele Frauen beteiligt waren. Sie trieb oft die Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder an. Berichte über die Folgen des radioaktiven Niederschlags amerikanischer Atombombentests hatten sich eingebrannt. Sie übertrugen das auf die zivile Nutzung der Kernenergie. Gegenpropaganda wie die Walt-Disney-Doku „Unser Freund das Atom“ (1957) änderten daran nichts.

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 bestätigte die Befürchtungen der Atomkraftgegner auf dramatische Weise. Nach den Grünen schrieb sich nun auch die SPD den Atomausstieg auf die Fahnen. Die Proteste gegen das Atommüll-Lager Gorleben in Niedersachsen und die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in Bayern gingen danach noch jahrzehntelang weiter. Blockaden gegen die Castor-Transporte mit Atommüll nach Gorleben kamen dazu. Der beginnende „Klima-Alarm“ wurde von den Atomkraft-Gegnern zunächst für ein Ablenkungsmanöver gehalten. „Erst im Laufe der 90er-Jahre ist es auch mir selber klar geworden, dass man das ernst nehmen musste“, räumt Radkau ein.

2002 beschloss die rot-grüne Bundesregierung ein Ende der Atomstromproduktion nach einer „Regellaufzeit“ von 32 Jahren pro Kraftwerk. Neubauten waren nicht mehr erlaubt. Acht Jahre später verlängerte die CDU/CSU/FDP-Koalition die Laufzeiten wieder, doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 drückte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gegen innerparteiliche Kritik den endgültigen Ausstieg durch. „Das war’s“, sagte sie damals laut „Spiegel“ im Kreis von Vertrauten über die Zukunftsaussichten der Atomenergie.

Für Gereon Hermens, den auf vielfältige Weise bürgerschaftlich engagierten Aachener, ist der Ausstieg überfällig. „Ich finde es frustrierend, dass über einen so langen Zeitraum hinweg ein so unfassbarer Aufwand betrieben werden musste, um die damit verbundenen Gefahren und die Ewigkeitskosten zu erkennen und dann letztlich zu handeln. Jetzt hat es zwar geklappt, und das mag meinerseits mit einer gewissen Erleichterung verbunden sein. Aber Genugtuung empfinde ich nicht.“ Und die Schutzanzüge im Keller? „Davon hoffe ich, dass das die überflüssigste Investition meines Lebens gewesen ist.“

APA/dpa

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