Die letzten deutschen AKW gehen am Samstag vom Netz

14. April 2023, Berlin
Archivbild von Isar 2 - Essenbach, APA/dpa

Am Samstag gehen die letzten drei verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Damit endet ein Zeitalter. Und die Atomkraft hat gesellschaftlich und politisch immer wieder für Debatten gesorgt. Selbst einen Tag vor dem wohl endgültigen Atomausstieg stemmte sich die Union noch mal gegen die Abschaltung der letzten Kraftwerke. „Morgen ist ein schlechter Tag; es ist ein schwarzer Tag für Deutschland“, sagte CDU-Chef Friedrich Merz am Freitag dem Hörfunksender NDR Info.

Die Meiler Isar 2 in Bayern, Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg hätten eigentlich schon Ende vergangenen Jahres vom Netz gehen sollen. Wegen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der dadurch ausgelösten Energiekrise beschloss die Koalition von SPD, Grünen und FDP im vergangenen Jahr jedoch, die drei letzten Kraftwerke über den Winter weiterlaufen zu lassen. Am Samstag sollen sie nun endgültig heruntergefahren werden. Damit endet nach mehr als 60 Jahren die Stromgewinnung aus Atomkraft in Deutschland. Als erstes kommerzielles Kernkraftwerk war der Meiler im unterfränkischen Kahl in Bayern im November 1960 in Betrieb gegangen.

Die FDP monierte ebenfalls gegen die Abschaltung und pochte darauf, dass nukleare Energie nachhaltig und gut für das Klima sei. Nach Ansicht von Umweltministerin Steffi Lemke ist Atomkraft jedoch keine gute Option für die Klimarettung. „Denn sie ist zu teuer, zu langsam, zu gefährlich und wegen des enormen Kühlwasserbedarfs nicht robust gegen die Klimakrise“, sagte die Grünen-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. „Atomkraft ist weder CO2-frei noch ist sie die CO2-ärmste Art der Energieerzeugung. Denn gerade die energieintensive Brennstofferzeugung ist klimaschädlich.“ Hinzu kämen massive Umweltschäden und soziale Folgen beim Uranabbau.

Gegnerinnen und Gegner der Atomkraft verweisen zudem auf den verbleibenden Atommüll. Und noch gibt es kein Endlager.

Während die Debatte politisch während der vergangenen Tage immer wieder schwelte, haben sich die Betreiber lange im Voraus auf den Stichtag vorbereitet. Am Samstag wird die Leistung der Reaktoren kontinuierlich abgesenkt. Danach wird der Generator vom Stromnetz gekommen und der Reaktor komplett abgeschaltet.

Der Abschaltvorgang funktioniere wie bei den regelmäßigen Überprüfungen, erläuterte der Kraftwerksleiter des bayrischen Meilers Isar 2, Carsten Müller. Nach der Netztrennung werde der Reaktor heruntergefahren, sagte Müller. „Das dauert etwa eine Viertelstunde.“ Die Abschaltung des letzten Werks wird kurz vor Mitternacht erwartet, welches das letzte sein wird, ist unklar.

Sind die Meiler erst mal vom Netz, wird es aus Sicht der energieintensiven Industrie zu einer Verknappung des Stromangebotes kommen. „Sich nur auf Stromimporte aus dem europäischen Ausland zu verlassen, ist hochriskant“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft, Christian Seyfert. Wenn die Abschaltungen der Kernenergie langfristig ohne Kollateralschäden überstanden werden sollten, müssten die notwendigen Maßnahmen zu Ausbau und Flexibilisierung der Netze schneller vorangebracht werden. „Jede weitere regelbare Kraftwerksleistung, die vom Netz genommen wird, treibt die Preise und schwächt den Standort Deutschland.“

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bekräftige jedoch, dass die Energieversorgungssicherheit in Deutschland auch nach dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke gewährleistet bleibe. Vor allem der massive Ausbau der erneuerbaren Energien sorge für Sicherheit.

„Im Nachhinein betrachtet war die Laufzeitverlängerung ein schlechter Deal“, sagte Carolin Dähling von der Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy am Freitag in Berlin. „Wir haben sehr geringe Preiseinsparungen durch die Atomkraftwerke, wir haben sehr geringe Gaseinsparungen und wir haben eine geringe Reduktion der CO2-Emissionen.“

APA/dpa

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