In Frankreich stößt deutscher Atomausstieg auf Unverständnis

14. April 2023, Paris

In Frankreich stößt der deutsche Atomausstieg weitgehend auf Unverständnis. Mit offener Kritik hält man sich auf Regierungsebene in Paris aber zurück. „Ich respektiere die souveränen Entscheidungen jedes einzelnen Staates, jeder kann seinen Energiemix unabhängig wählen“, sagte Wirtschaftsminister Bruno Le Maire kürzlich in einer ARD-Dokumentation.

„Aber im Gegenzug erwarte ich natürlich auch, dass Deutschland die französischen Entscheidungen, insbesondere die Wahl der Atomenergie, nicht kritisiert.“ Doch hinter den Kulissen fällt die Kritik deutlicher aus, vor allem am Weiterbetrieb der Kohlekraftwerke und dem damit verbundenen CO2-Ausstoß. „Es versteht sich von selbst, dass die Wiederbelebung der fossilen Energien zum Ausgleich für den Atomausstieg nicht im Sinne des Klimaschutzes ist, für den wir in Europa gemeinsam verantwortlich sind“, heißt es in Regierungskreisen in Paris.

Insbesondere die Braunkohle-Kraftwerke werden beim französischen Nachbarn kritisch gesehen. „Sie setzen Schwefelverbindungen frei, die sich auch in anderen europäischen Ländern auswirken“, heißt es.

Energieministerin Agnès Pannier-Runacher verweist gerne darauf, dass Frankreich bei den Treibhausgasen derzeit bei weitem besser dasteht als Deutschland. „Heute emittiert Frankreich 46 Gramm CO2 in seinem Strommix, während Deutschland bei 315 Gramm liegt“, sagte sie kürzlich der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Schließlich mache Kohle in Frankreich nur weniger als ein Prozent des Strommixes aus.

Vor gut einem Jahr hat Präsident Emmanuel Macron eine kräftige Renaissance der Atomkraft in Frankreich eingeleitet. Die Entscheidung seines Vorgängers, den Anteil des Atomstroms auf 50 Prozent herunterzufahren, wurde gekippt. Und in den kommenden Jahren sollen bis zu 14 neue Reaktoren gebaut werden.

Bis zum Ende seiner Amtszeit 2024 will Macron Beton fließen sehen, und zwar für die ersten neuen Atomreaktoren in Penly am Ärmelkanal. Das Parlament verabschiedete ein Gesetz, um den Bau neuer Reaktoren zu beschleunigen.

Kritiker weisen darauf hin, dass dieses Gesetz bereits beschlossen wurde, bevor es überhaupt eine Grundsatzentscheidung über Frankreichs künftigen Strommix gab. Darüber soll erst im Sommer debattiert werden.

Grundsätzlich besteht in Frankreich ein weitgehender Konsens, dass Atomkraft wegen des geringen CO2-Ausstoßes derzeit die beste Lösung in der Energiefrage sei. Selbst bei den Grünen wächst die Zahl derer, die Atomkraft für sinnvoll halten.

Daran hat unter anderen auch der Klima-Lobbyist Jean-Marc Jancovici seinen Anteil, der Atomkraft mit Blick auf die Bedrohung durch die Erderwärmung gerne als „Rettungsboot“ beschreibt.

„Atomkraftgegner sagen, sie wollen das Rettungsboot nicht nehmen, weil das Ruder quietscht“, sagt Jancovici. Dabei sei Deutschland „das beste Beispiel dafür, wie eine Energiewende nicht aussehen sollte“.

Die französische Politik sieht in der Atomkraft auch einen wichtigen Beitrag zur Energiesouveränität. „Es war ein Fehler der deutschen Wirtschaft, sich von Gas abhängig zu machen“, sagt etwa Olivier Marleix, Fraktionsvorsitzender der konservativen Republikaner. Das Abschalten der Atomkraftwerke hält er für einen „Verstoß gegen den gesunden Menschenverstand“.

Greenpeace prangert allerdings an, dass etwa die Hälfte des für die AKW in Frankreich benötigten Urans aus Kasachstan und Usbekistan stamme – und der Transport von dem russischen Unternehmen Rosatom kontrolliert werde.

Wie auch andernorts ist zudem das Problem der radioaktiven Abfälle nicht gelöst. Das Abklingbecken in La Hague ist inzwischen so voll, dass es erweitert werden muss. Die Nutzung eines im lothringischen Bure geplanten Endlagers liegt noch in weiter Ferne.

Aktuell gibt es überdies Probleme mit schadhaften Leitungen, weswegen zahlreiche Atomkraftwerke vom Netz genommen wurden. „Es ist nichts Neues, ein Zeichen von Ermüdung an einem Rohr zu erkennen, man macht es ausfindig und tauscht es aus“, erklärt dazu die Energieministerin lapidar. Der französische Atompark erfülle eben ein „Höchstmaß an Sicherheitsanforderungen“.

Allerdings hatte dies zu einem historischen Tief bei der Stromproduktion in Frankreich geführt, so dass Deutschland und Frankreich einander den Winter über bei der Energieversorgung ausgeholfen haben. Auch dies ist ein Grund, warum sich Frankreich mit öffentlicher Kritik an dem deutschen Atomausstieg zurückhält.

APA/ag

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