COP28 – Forscher: Ergebnis mehr politisches Signal

13. Dezember 2023, Wien/Dubai
Forscher sehen keine historische Dimension
 - Dubai, APA/AFP

Österreichische Klimaforschende haben die Zugeständnisse, die das Schlussdokument der UNO-Klimakonferenz in Dubai birgt, vor allem als „politisches Signal“ gewertet. Mitunter auch als Hinweis auf einen anhaltenden „Realitätsverlust“: Die COP28 stehe keinesfalls für einen historischen Durchbruch, sagte Experte Reinhard Steurer am Mittwoch der APA. Klimaforscher Daniel Huppmann sprach von einem „wichtigen Kompromiss“, Forscherin Helga Kromp-Kolb von „einem Schritt weiter“.

„Ich halte es für ein wichtiges Signal, dass es einen solchen Kompromiss, als Einigung der internationalen Staatengemeinschaft, in der aktuellen geopolitischen Situation mit multiplen Krisen gibt“, so Daniel Huppmann vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (NÖ). Es sei damit kein historischer Durchbruch gelungen, „aber es wird zumindest das Ziel, die Erderwärmung bis 2050 auf 1,5 Grad zu begrenzen, wiederholt und verstärkt“ – für den Forscher ein wichtiges Signal: „Das Glas ist gleichzeitig halb voll und halb leer.“

Die Interessen seien in den vergangenen Tagen klar zu Tage getreten, so Huppmann: auf der einen Seite mit den USA, China und EU, „die sinnvolle Maßnahmen umsetzen und die Dringlichkeit verstanden haben“ und auf der anderen Seite mit den erdgas- und erdölexportierenden Ländern, die sich ihr Geschäftsmodell nicht kaputt machen lassen wollten und so lange wie möglich verzögerten. Dazwischen seien die Entwicklungsländer, „die in der Zwickmühle stecken“ – die von Auswirkungen des Klimawandels bereits stark betroffen sind, aber gleichzeitig nicht über die finanziellen Mittel für Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen verfügen. In diesem Kontext wertete der Klimaforscher auch den nun initiierten Fonds zum finanziellen Ausgleich von Schäden durch den Klimawandel („Loss and Damage“) – bisher mit etwa rund 700 Millionen Dollar (647,91 Mio. Euro) dotiert – als „wichtiges politisches Signal und Signal der Solidarität“, auch wenn die Dotierung keinesfalls ausreichend sei.

Dass das COP28-Schlussdokument nun zum „Übergang weg von fossilen Energieträgern in den Energiesystemen“ aufruft, ist für Reinhard Steurer von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien, kein Grund zum Feiern: Das sei Ausdruck von einem Ringen um Worte – die Erwähnung des „Phase Out“ und damit des zuvor von mehr als 100 Staaten geforderten klaren Ausstiegs aus fossilen Energieträgern, „ist nicht einmal möglich gewesen“. Mit der aktuellen Kompromissformel habe man den bestehenden „Realitätsverlust, unter dem die Klimakonferenzen seit vielen Jahren leiden,“ nur „von 95 Prozent auf 90 Prozent reduziert“ – das sei aber nach wie vor katastrophal.

Angestrebte Ziele wie eine Verdreifachung der weltweiten Kapazitäten an erneuerbaren Energien bis 2030, wie sie vorgesehen sind, würden ohnehin passieren, „schon alleine, weil die PV-Technologie (Photovoltaik, Anm.) so billig und durchschlagend ist, dass das unabhängig von der COP passiert“, sagte Steurer. Man könne den Weltklimakonferenzen nur einen historischen Anteil an der Entwicklung zurechnen, „weil sie vor Jahren die Zeichen in die Richtung Umstieg auf erneuerbare Energien gesetzt haben“, so der Klimapolitik-Experte.

Steurer sieht die Weltklimakonferenzen „so, wie sie durchgeführt werden, als Teil eines Scheinklimaschutzrituals“, das Problem würde aber jedes Jahr stärker eskalieren: „Was notwendig wäre, wäre eine viel, viel größere Ernsthaftigkeit“, also auch Verhandlungen über Ausstiegsdaten und jährlich zu erreichende Prozentwerte bis hin zu Handelssanktionen bei Nichteinhaltung der Ziele. „Dass sich alle Staaten auf eine härtere Gangart verständigen können, ist nicht absehbar“, aber vielleicht ginge es gruppenweise, so der Experte, als Einigung einer Gruppe von Staaten, die sich zu einer härteren Gangart verpflichteten. Aber auch national sieht er Versäumnisse und Hinweise auf „Scheinklimaschutz“, es sei zu billig, nur die COP zu kritisieren – auch national fehle es an Ernsthaftigkeit.

Das Ergebnis der COP28 wertete die Meteorologin Helga Kromp-Kolb von der Boku Wien als „einen Schritt weiter“, aber „dass er nicht ausreichend ist, liegt auf der Hand“. Ob es besser gewesen wäre, nicht zu unterzeichnen und die COP28 platzen zu lassen, bezweifelte sie aber gegenüber der APA: Es sei immer schwerer, Trümmer wieder aufzugreifen, als von etwas auszugehen, was unbefriedigend ist. Ein guter Ansatz sei, dass nun die Verdreifachung der weltweiten Kapazitäten an erneuerbaren Energien bis 2030 angestrebt werde – „vielleicht geht ja auch noch mehr“. Ein „ebenso wichtiger Schritt“ sei aber auch das nun festgelegte Ziel, die Energieeffizienz im gleichen Zeitraum zu verdoppeln: „Wir dürfen nicht nur darüber reden, wo wir die Energie herbekommen, sondern wofür wir sie verbrauchen bzw. vergeuden.“

Mit Blick auf den Fonds zu „Loss and Damage“ sei es letztlich natürlich wichtig, Ländern zu helfen. Aber das müsse parallel gehen mit einem Ausstieg aus den fossilen Energieträgern. Kromp-Kolb vergleicht dies mit einer überlaufenden Badewanne: „Ich kann natürlich mein Geld bzw. meine Zeit dafür verwenden, das Wasser aufzuwischen oder ich kann die Hähne abdrehen. Ich muss, auch wenn ich die Hähne abdrehe, aufwischen. Aber wenn ich nur aufwische, dann werde ich nicht fertig, da ständig etwas nachrinnt. Es geht schon darum, den Klimawandel einmal einzubremsen – und auch zu helfen.“

Das Schlussdokument der COP28 trage der Dramatik und der Größe der Bedrohung durch die drohende Klimakatastrophe keinesfalls Rechnung, hieß es von Seiten der „Scientists For Future“ in einer Mitteilung. Doch der klare Aufruf zu einem Ausstieg aus fossilen Energien sei ein „sehr wichtiges und längst überfälliges Signal“. Als besorgniserregend wurde aber der Verweis auf Erdgas als vermeintlich klimaschonendere Übergangslösung im Schlussdokument kritisiert. Dabei würde zum wiederholten Male übersehen, „dass Erdgas überwiegend aus Methan besteht, einem vielfach wirkmächtigeren Treibhausgas als CO2“. Gleichzeitig verwies man auf eine im Frühjahr veröffentlichte Stellungnahme von mehr als 150 österreichischen Wissenschaftern, die sich gegen den weiteren Ausbau der Gasinfrastruktur und die weitere Erschließung von Lagerstätten in Österreich oder mit österreichischer Beteiligung ausspricht.

APA

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