Am Beginn einer wesentlichen Wende

31. Jänner 2024

Chancen. Das Erneuerbare-Gas-Gesetz (EGG) für Biomethan aus Biogas und Holzgas sowie erneuerbaren Wasserstoff befindet sich in Planung. Warum es sehnlichst erwartet wird und im Biogas großes Potenzial steckt

Die Themen Energiewende und Kreislaufwirtschaft sind zentrale Bausteine hin zu einer nachhaltigeren Wirtschafts- und Lebensweise. Vorhandene Ressourcen sollen dabei bestmöglich verwertet beziehungsweise wiederverwertet werden. Am besten auch unser Müll.

Denn laut aktuellem Bundesabfallwirtschaftsplan gehen jährlich 700.000 Tonnen biogene Abfälle verloren. Abfälle, die wiederverwertet und in Energie, genauer gesagt in Biomethan, umgewandelt werden könnten. „Würden die 700.000 Tonnen biogene Abfälle nicht im Restmüll landen, sondern getrennt gesammelt und einer entsprechenden Verwertung zugeführt werden, könnte damit ein Gaskraftwerk mit einer Leistung von 250 MWel rund einen Monat mit erneuerbarem Gas betrieben werden (z. B. zur Deckung der Winterlast) und somit einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung der Winterstrom-Lücke leisten“, sagt Franz Kirchmeyr vom Kompost & Biogas Verband Österreich.

Energie aus Abfällen

Reststoffe, organische Abfälle, Stallmist, Stroh sowie Bio- und Grünschnittabfälle werden für die Biogas-Produktion verwendet und in Biogasanlagen zu Grünem Gas vergoren. Auch Abfälle aus Großküchen und Industrien können so genutzt werden. Nach der Reinigung wird aus dem Biogas in den entsprechenden Anlagen Biomethan. Dieses verfügt über die gleichen Eigenschaften wie Erdgas, ist jedoch eine zu 100 Prozent erneuerbare Energie. Eingespeist ins Erdgasnetz kann es zur Erzeugung von Strom, Wärme beziehungsweise Kälte, als Kraftstoff und als Erdgassubstitut verwendet werden. Neben dem energiereichen Gas entsteht in der Biogasanlage ein Gärprodukt, das als wertvoller Dünger wieder ausgebracht werden kann. Zudem lässt es sich in den dafür vorgesehenen Gasspeichern problemlos speichern und steht somit immer zur Verfügung, wenn es gebraucht wird.

Aktuelle Lage

Österreichweit sind laut den Angaben des Kompost & Biogas Verbandes Österreich derzeit rund 270 Biogasanlagen mit einer installierten elektrischen Leistung von 84 MW und einer jährlichen Strom-Einspeisemenge von 550 GWh in Betrieb. Sie versorgen damit mehr als 170.000 Haushalte ganzjährig mit erneuerbarem Strom und ersetzen zusätzlich umgerechnet 40 Mio. Liter Heizöl durch die anfallende Wärme. Kirchmeyr: „Aktuell speisen 15 Biogasanlagen Biomethan mit einer jährlichen Gesamtenergiemenge von 140 GWh ins Erdgasnetz ein. Aber die ins Netz eingespeiste Menge von Biomethan in Österreich beläuft sich derzeit nur auf 0,2 Prozent.“ Das soll sich bald ändern. Neben den bereits genannten Vorteilen fördert die heimische Produktion von Biogas auch die regionale Wertschöpfung und Beschäftigung vor Ort. Zudem ist Biogas CO₂-neutral.

Das große Warten

Aktuell ist das Erneuerbare-Gas-Gesetz (EGG) für Biomethan aus Biogas und Holzgas sowie erneuerbaren Wasserstoff in Planung, das eine Quotenverpflichtung für Energieversorger vorsieht. Damit soll ein Markt aufgebaut werden, der die heimische Produktion von zumindest 7,5 TWh erneuerbaren Gasen (entspricht rund 700 Mio. m3 Biomethan) bis 2030 bewerkstelligen soll. Die Einspeisung von Biomethan in das Gasnetz liegt auch deswegen auf oberster Priorität, da diese Technologie unter den bestehenden Möglichkeiten am schnellsten verfügbar ist. Der Vorteil des sukzessiven Ausbaus der Biomethaneinspeisung ist insbesondere die Übertragungskapazität des Gasnetzes. Während die höchste Last, die über die Stromnetze übertragen wird, bei rund 11 GW liegt, beträgt die derzeitige Höchstlast im Gasnetz etwa das 2,5-Fache. Klingt alles sehr gut und plausibel. Das Problem: Anlagenbetreiber und Händler warten alle darauf, dass das neue Gesetz beschlossen wird, denn ein genauer Entwurf liegt bereits vor. „Es wurde nun über ein Jahr verhandelt. Es wird Zeit, dass das Gesetz beschlossen wird. Alle warten darauf“, sagt Kirchmeyr.

Die Ziele

Der Entwurf des Erneuerbaren-Gas-Gesetzes setzt sich zum Ziel, im Jahr 2030 7,7 % der verkauften Gasmenge und mindestens 7,5 TWh durch erneuerbare Gase aus Österreich zu substituieren. Dafür werden Versorger, die Endverbraucher in Österreich entgeltlich beliefern, zu folgender Grün-Gas-Quote verpflichtet:
2024: 0,7 %
2025: 1,05 %
2026: 1,75 %
2027: 2,8 %
2028: 4,2 %
2029: 5,95 %
2030: 7,7 %

(Anmerkung: Stand kurz vor Redaktionsschluss. Die genauen Quoten befinden sich in Verhandlung) Erreicht ein Versorger die vorgegebene Grün-Gas-Quote nicht, muss er für die Fehlmenge eine Ausgleichszahlung entrichten. Von 2025 bis 2027 beträgt diese 18 Cent pro kWh und ab dem Jahr 2027 20 Cent pro kWh. Dieser Wert kann im Einvernehmen der zuständigen Ministerien weiter angehoben werden. Die so eingenommenen finanziellen Mittel sollen für die Erneuerbaren-Förderung eingesetzt werden. „Viele Anlagenbetreiber überlegen, wie sie in einen Umbau investieren werden. Manche haben bereits einen Genehmigungsprozess eingeleitet. Aber Verträge gibt es eben erst, wenn das Gesetz beschlossen ist“, sagt Kirchmeyr.

Die Quotenziele sind laut dem Experten jedenfalls realistisch: „Auch wenn viel Anlagen jetzt noch nicht in Betrieb sind, wir werden diese Quoten in den nächsten Jahren erfüllen können. Und vor allem ist das aus nationaler Sicht eine wesentliche Chance, neben erneuerbaren Strom auch erneuerbare Gase in den Kreislauf zu bringen und damit die Versorgungssicherheit sowie die Unabhängigkeit zu erhöhen.“ Damit der Markt dafür in Bewegung kommt und beteiligte Betriebe wie Händler agieren können, braucht es aber Planungssicherheit. „Es wurde genug verhandelt und diskutiert. Es muss endlich gehandelt werden.“ Künftig, so ist Kirchmeyr des Weiteren überzeugt, braucht es auch eine begleitende Forschungsstrategie. „Diese ist notwendig, um vor allem im Bereich Biomethan aus Vergärung, Holzgas sowie erneuerbarer Wasserstoff weitere Erkenntnisse zu gewinnen und die Technologie voranzutreiben.

Potenzial nutzen

Ein hohes Biogaspotenzial aus landwirtschaftlichen Reststoffen weisen diejenigen Gemeinden auf, die zu den Ackerbauregionen Österreichs zählen. Auch in Grünlandgebieten ist durch die Nutztierhaltung ein dementsprechendes Biogasproduktionspotenzial vornehmlich durch Vergärung von Wirtschaftsdüngern vorhanden. Allerdings ist das spezifische Produktionspotenzial niedriger als in Ackerbaugebieten. Insgesamt liegt das technische Potenzial bei beachtlichen 3,0 Mrd. m3 Biogas oder 1,5 Mrd. m3 Biomethan. 280 Gemeinden eignen sich laut Kompost & Biogas Verband für Biomethaneinspeisung. Allerdings kann nicht überall Biomethan in das Gasnetz eingespeist werden. Einerseits, weil keine Gasleitung in unmittelbarer Nähe ist. Und andererseits, weil der Rohstoff nicht ausreicht.

Insgesamt können in rund 280 Gemeinden 650 Mio. m3 Biomethan oder knapp die Hälfte des technischen Biogaspotenzials in das Gasnetz eingespeist werden. Das größte Biomethaneinspeisepotenzial liegt mit 350 Mio. m3 in Niederösterreich, gefolgt von Oberösterreich mit 200 Mio. m3. Auch in der Steiermark, dem Burgenland und in Kärnten gibt es Gemeinden, die für die Biomethaneinspeisung geeignet sind. Jetzt braucht es nur noch den Beschluss des EGG, um das Potenzial der erneuerbaren Gase nutzen zu können.

Kurier

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