Mit dem Sauger zur grünen Null

9. Feber 2024

Mit dem kürzlich vorgestellten Klimaziel für 2040 will die EU-Kommission erstmals in großem Maßstab auf technische CO₂-Entnahme setzen. Diese ist umstritten, wenig erprobt – aber wohl trotzdem notwendig.

Die EU hat auf ihrem Weg in eine CO₂-neutrale Zukunft ein neues Zwischenziel. Bereits zehn Jahre vor dem angepeilten Jahr der Klimaneutralität 2050 sollen die Treibhausgas-Emissionen bereits um 90 Prozent geringer ausfallen als im Jahr 1990. So sieht es zumindest ein Plan vor, den die EU-Kommission am Dienstag präsentiert hat. Bisher ist er nur ein Vorschlag, der noch mit dem EU-Parlament und dem Rat abgestimmt werden muss.

Auch ist noch offen, wie das Ziel für 2040 genau erreicht werden soll. Denn konkrete Reduktionsziele für die einzelnen Sektoren nennt der Plan nicht. Ziemlich konkret wird die EU-Kommission aber bei der CO₂-Entfernung aus der Atmosphäre. Denn bei den 90 Prozent handelt es sich um einen Nettowert – es zählen also die Emissionen minus das CO₂, das in Senken wieder gebunden wird.

Diese können einerseits natürlich sein. Wälder, intakte Moore oder Humusböden speichern große Mengen Kohlenstoff. In den Fokus geraten mit dem Plan der Kommission für ein „industrielles Kohlenstoff-Management“ aber nun auch technische Lösungen wie die CO₂-Abscheidung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, kurz CCS).

Bisher liefern vor allem Wälder

Insgesamt sollen dadurch bis zum Jahr 2030 rund 50 Millionen Tonnen CO₂ gespeichert werden. Für das Jahr 2040 rechnet die EU-Kommission bereits mit 280 Millionen Tonnen, im Jahr 2050 mit 450 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Die jährlichen CO₂-Emissionen Österreichs liegen bei etwa 70 Millionen Tonnen.

Diese Zahlen kann man getrost als ambitioniert bezeichnen. Derzeit werden weltweit jährlich rund zwei Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid wieder aus der Atmosphäre entnommen. Mehr als 99,9 Prozent davon entfallen auf natürliche Senken wie Wälder. Nur rund ein Tausendstel der CO₂-Entnahme entfällt auf neue Verfahren.
Viele Umweltschutzorganisationen und Fachleute sehen in solchen Technologien deshalb eine Scheinlösung, die vor allem dazu diene, die Verminderung von Emissionen immer weiter in die Zukunft zu verschieben.

Man dürfe allerdings nicht alle technischen Verfahren zur CO₂-Entnahme in einen Topf werfen, sagt Karl Steiniger vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz. „Die Frage muss immer lauten: Woher kommt das CO₂, und was passiert damit?“, sagt der Klimaökonom.

Tief verpresst oder gut genutzt

Weiterhin Kohlekraftwerke zu betreiben und dort CO₂ abzuscheiden ergebe „natürlich keinen Sinn“. Sehr wohl könnte CCS aber dort eingesetzt werden, wo sich Emissionen kaum vermeiden ließen, etwa in der Zementindustrie. Bei den dort ablaufenden chemischen Prozessen fällt immer CO₂ an – selbst wenn die Anlage komplett mit erneuerbaren Energien betrieben wird.

Doch wohin mit dem aufgefangenen CO₂? Einerseits könnte es in tiefe Gesteinsschichten geleitet werden, wo es mineralisiert der Atmosphäre dauerhaft fernbleibt. Doch oft ist es sinnvoller, das CO₂ zu Kunst- oder Treibstoffen weiterzuverarbeiten – zumindest solange noch Plastik und Benzin aus Öl und Gas produziert werden. Diese könnten durch die neuen, aus eingefangenem CO₂ produzierten Produkte ersetzt werden. Unterm Strich wird dabei zwar kein Kohlenstoff aus der Atmosphäre entnommen, aber zumindest werden Emissionen eingespart und das CO₂ teilweise im Kreis geführt.

Anders sieht es aus, wenn das eingefangene CO₂ aus der Verbrennung von Biomasse, etwa Holz, stammt. „Da lasse ich die Bäume zuerst das CO₂ aus der Atmosphäre einfangen“, erklärt Steininger. Die gleiche Menge wird beim Verbrennen wieder frei – weshalb Holz als klimaneutral gilt. Wird es allerdings eingefangen und gespeichert oder zu Produkten verarbeitet, sinkt die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre. Der Vorteil: Quasi nebenbei lässt sich dabei Strom oder Wärme gewinnen. Allerdings ist die Menge an verfügbarer Biomasse begrenzt – schließlich soll gleichzeitig ja auch aufgeforstet werden.

Kein Holz braucht man hingegen für das sogenannte Direct Air Capture (DAC), also die direkte Abscheidung von CO₂ aus der Luft. Da das Klimagas in der Atmosphäre aber nur 0,05 Prozent ausmacht, ist das Verfahren viel aufwendiger und frisst enorm viel Energie. Kostenpunkt: derzeit rund 1000 US-Dollar pro Tonne CO₂.

Idee aus Wien

In Wien will man mit Direct Air Capture deshalb dorthin gehen, wo ohnehin Energie verlorengeht. Die Forschungsgruppe DAC Impact an der TU Wien will die Gerätschaften zur CO₂-Abscheidung so klein wie möglich schrumpfen. Der „Dacling“ sollte auf Einkaufszentren, großen Bürokomplexen oder Industriegebäuden zum Einsatz kommen – überall dort, wo Abwärme entsteht, die für die CO₂-Abscheidung genutzt werden könnte.
Vor rund einem Jahr ist der US-amerikanische Investor Peter Relan auf die Forschungsgruppe aufmerksam geworden. Er hat bereits Start-ups wie die Chatplattform Discord großgemacht und hat inzwischen mehrere Millionen Euro in das Wiener CO₂-Projekt investiert. Relan schwebte zu Beginn vor, die Maschinen so klein zu machen wie Kühlschränke, „die jeder bei Walmart kaufen kann, um daheim Direct Air Capture zu betreiben“, erzählt Josef Fuchs vom Projektteam.
Bei der Kühlschrankgröße sei man zwar noch nicht angekommen. Das Ziel für die kommenden Monate laute aber, die Maschine in der Größe eines Standard-Schiffscontainers zu bauen.

Aditya Bhandari, der an der Kommerzialisierung des „Daclings“ arbeitet, ist optimistisch, dass die Kosten von Direct Air Capture bald sinken werden – ähnlich wie bei den erneuerbaren Energien. „Energie ist unser größter Kostenfaktor“, sagt Bhandari. Wenn die Energiekosten weiter fallen, mache das auch den DAC als Ganzes günstiger. Er erwartet in den kommenden fünf bis sieben Jahren große Kostensprünge nach unten.

Kein Gamechanger

Ein echter Gamechanger für die Klimawende seien die CO₂-Speichertechniken aber nicht, sagt Steininger. Denn die unterirdischen Lagerstätten, in denen sich CO₂ speichern ließe, seien ebenso begrenzt wie Kapazitäten für den Bau solcher Anlagen. Diese müssten laut Steiniger ausschließlich für die unvermeidbaren Emissionen reserviert bleiben. „Weiterhin Kohle zu verfeuern und danach auf CO₂-Speicherung zu setzen wäre fatal“, sagt der Klimaökonom. Im Fokus müsse immer die Emissionsvermeidung bleiben.

Trotzdem wird um die CO₂-Speicherung wohl kein Weg herumführen – vor allem wenn das Ziel, die Welt um nicht mehr als 1,5 Grad aufzuheizen, doch noch erreicht werden soll. Denn das sogenannte Overshoot-Szenario des Weltklimarats wird immer unausweichlicher. Dabei steigt die globale Durchschnittstemperatur kurzfristig über 1,5 Grad, bevor sie durch massive negative Emissionen ab 2050 wieder sinkt.

Dass die CO₂-Sauger der Heilsbringer sind, glaubt man selbst beim Wiener Start-up Dac Impact nicht. „Aber wir müssen einfach alles nutzen, was wir haben, um diese Klimakrise zu überwinden“, sagt Fuchs.

Der Standard

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