Medienexperte Blau sieht Klimawandel als Vorstellungskrise

15. Mai 2024, Wien
Wolfgang Blau im APA-Interview
 - Wien, APA/EVA MANHART

Der menschengemachte Klimawandel ist für den Medienexperten Wolfgang Blau eine „Krise der Vorstellungskraft, aber nicht nur im Negativen, auch im Positiven“. Der nötige Umbau der Gesellschaft und Industrie hin zu einer klimafreundlichen Lebensweise könne „viel Schönes“ hervorbringen. Um diese Szenarien aufzuzeigen, sei auch der Journalismus gefragt, wie es Dienstagabend in der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hieß.

Der Medienmanager („Zeit Online“, „Guardian“) und Mitgründer des Oxford Climate Journalism Network kam als erster Vortragender der Hugo-Portisch-Lectures in die Bundeshauptstadt. Der Deutsche Blau sprach über die Verantwortung der Medien im Kontext von Klimakrise und Aktivismus. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Presseclub Concordia statt.

Die Klimakrise stellt alle Lebensbereiche vor Herausforderungen. Für Blau heißt das für Medienschaffende, die Dimension der Klimakrise in jedem Themenbereich zu integrieren: „Bis hin zu dem Punkt, dass das Wort Klimajournalismus seine Bedeutung verliert“, so der Experte im APA-Interview. Blau kann sich auch eine Annäherung zu dem nötigen Diskurs durch die Kunst vorstellen, ganz besonders in Wien.

Redakteurinnen und Redakteure sollten die Dimension der menschengemachten Erderwärmung noch viel mehr in den Vordergrund stellen, auch bei Themen, die auf den ersten Blick möglicherweise weiter entfernt liegen. Dabei gehe es um Mode- und Lifestyleberichterstattung genauso wie bei Artikeln und Beiträgen über Gesundheit, Reisen, Immobilien oder Versicherungen. Dabei gelte, die klassischen W-Fragen im Journalismus – Was? Wer? Wo? Wann? Wie? – um die K-Frage zu ergänzen, und bei jedem Thema die Klimarelevanz herauszuarbeiten. „Das hat einerseits mit Training in der Redaktion zu tun, aber auch mit den Chefredaktionen selbst. Die Führungsebene muss dabei mit im Boot sein“, so Blau.

Und bei alledem müssten Lösungen aufgezeigt werden: „Es geht nicht darum, das Thema schöner oder hoffnungsvoller darzustellen als es ist, aber auch nicht die bereits vorhandenen Gründe zur Hoffnung zu verschweigen. Denn es gibt Lösungsansätze. Mir fällt zunehmend auf, dass Nachrichtenorganisationen das positive Tempo der Energiewende eigentlich nicht abbilden“, sagte der ehemalige Präsident des Verlagshauses Conde Nast International. Als Beispiel nannte er den Preisverfall etwa bei Solartechnologie.

Diskussionen mit Leugnern, die den menschengemachten Klimawandel abstreiten oder verharmlosen wollen, sollte nicht zu viel Bedeutung zugemessen werden. Bei dieser Rückschau falle unter den Tisch, „wie wenig Zeit uns eigentlich noch bleibt“, so der Berater des UNO-Klimareferats UNFCCC. Um eine fundierte gesellschaftliche Übereinkunft zu den wissenschaftlichen bewiesenen Auswirkungen des Klimawandels führen zu können, müsse das Grundwissen zu der Thematik erhöht werden.

Die Dringlichkeit für Veränderungen herauszuarbeiten, sei fundamentale Aufgabe des Journalismus. So mache es auch enorme Unterschiede, ob wir vom Erreichen des 1,5- oder des 2-Grad-Ziels sprechen. Die Effekte auf die Insektenwelt, die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen, der Anstieg des Meeresspiegel oder die Häufigkeit von Hitzewellen: Mit jedem Zehntel Grad würden die Folgen schlimmer. „Die Zunahme der negativen Auswirkungen verläuft großteils nicht linear. Wir haben viel weniger Zeit, als wir meinen und der Kampf um jedes Zehntel Grad lohnt sich. Das fehlt weitgehend in der öffentlichen Debatte“, so der Berater Blau.

Für die Aktionen von Klimaaktivistinnen und -aktivisten, die den öffentlichen Diskurs zur Zeit oftmals prägen, hat Blau – mit Einschränkungen – Verständnis. „Das Unterbrechen des öffentlichen Friedens gehört zum Aktivismus. Das wurde auch bei vielen früheren Errungenschaften von Bürgerrechten, die wir heute nicht missen mögen, verwendet.“ Als Beispiel nannte Blau etwa die Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien mit passivem Widerstand wie mit Störungen offizieller Veranstaltungen für ein allgemeines Frauenwahlrecht eintraten.

Doch die Methoden einiger Aktionen sind laut Blau nicht immer zielführend: „Auch ich bin selbst gelegentlich genervt, wenn Kunstwerke mit Farbe beworfen werden, ich halte das nicht für die beste Protestform. Ich finde auch, dass es sich verbraucht. Es sendet zudem verwirrende visuelle Signale, für all jene, die nur das Foto sehen. Angriffe auf die Kunst werden eigentlich eher totalitären Kräften zugerechnet.“

Das Ansehen von Klimajournalisten habe sich in den vergangenen Jahren aber nach skeptischer Betrachtung der Kollegenschaft innerhalb von Organisationen zum Positiven gewandelt. Blau vergleicht die Entwicklung mit jener von Digitaljournalisten: Während zu Beginn nur einzelne Expertinnen und Experten in den Newsrooms gesessen sind, müsse inzwischen jeder firm in diesem Bereich sein und die Kenntnisse gelten als Grundvoraussetzung für Führungspositionen. „Wir sehen auch, dass einige der wirtschaftlich erfolgreichsten Medien der Welt, wie Bloomberg, die Financial Times oder die New York Times ihre Klimaberichterstattung stark ausgebaut haben. Das ist auch ein guter Anreiz für Abonnenten.“

APA

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