
Die Vorgabe der EU, den Energieverbrauch von Gebäuden zu senken, könnte in Zukunft immer häufiger an spezialisierte Energieplattformen delegiert werden.
Die Herausforderung
Die Herausforderung im Immobiliensektor besteht darin, hohe Energie-und Betriebskosten im Bestand sowie den Ressourcenverbrauch beim Neubau künftig so gering wie möglich zu halten. Der Erkenntnis zum Trotz, dass Investitionen in die Energieeffizienz langfristig sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Vorteile bringen, sind Immobilienentwickler-und -bestandshalter mit dieser komplexen Aufgabe oftmals überfordert -und auf der Suche nach externen Lösungsanbietern.
Mögliche Lösungen
Energieeffizienz ist das zentrale Schlagwort, wenn die Immobilienwirtschaft den Transformationsprozess ernst nimmt und das Ziel der CO -Neutralität erreichen will. Auf den Handlungsbedarf hat man innerhalb der EU reagiert. Im April wurden die neuen Vorgaben zur Energieeffizienz von Gebäuden beschlossen. Die Rechtsvorschriften bilden den Rahmen für die Mitgliedstaaten zur Verringerung der Emissionen und des Energieverbrauchs von Gebäuden in der gesamten EU, von Wohnungen und Arbeitsplätzen bis hin zu Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden.
NULLEMISSION & RENOVIERUNG.
Für Neubauten werden künftig Nullemissionsgebäude zum neuen Standard. Die verschärfte Richtlinie enthält Bestimmungen, um schrittweise den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen von der Beheizung in Gebäuden und den Ausbau von Solarkraftwerken zu fördern. Im Fokus steht neben dem Neubau vor allem die Energieeffizienz von Bestandsbauten. „Renovierungen sind Investitionen in eine bessere Zukunft“, brachte es Kadri Simson, bis Ende EU-Kommissarin für Energie, auf den Punkt. Im Rahmen des Zieles, die Energiearmut zu bekämpfen, müssen laut Simson die Finanzierungsmaßnahmen Anreize für Renovierungen schaffen und insbesondere auf schutzbedürftige Kunden und Gebäude mit der schlechtesten Energieeffizienz ausgerichtet sein. Einig sind sich die EU-Experten, dass Investitionen in die Energieeffizienz langfristig wirtschaftliche Vorteile bringen, indem sie die Energiekosten senken, die Immobilienwerte steigern und neue Arbeitsplätze schaffen. Gesamt betrachtet geht es Europa nicht zuletzt um Energieunabhängigkeit. Durch die Reduzierung des Energieverbrauchs in Gebäuden will die EU ihre Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern und die Energiesicherheit erhöhen.
UMBAUEN IM BESTAND.
„Durch die Kombination aus ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorteilen ist die Renovierung bestehender Gebäude eine der Schlüsselstrategien für eine nachhaltige Zukunft“, sagt Veronika Hamminger, Project Manager Renovation bei Umdasch Group Ventures. „Neue Technologien, Materialien und Bauweisen eröffnen zahlreiche Möglichkeiten, Gebäude nicht nur zu erhalten, sondern auch ihre Nutzung anzupassen und sie auf innovative Weise zu transformieren“, weist Hamminger auf aktuelle Entwicklungen hin. Als eine der spannendsten Entwicklungen im Bereich der Umnutzung erachtet die Fachfrau die Anpassung von Gebäuden an neue Lebens-und Arbeitsmodelle. Brachliegende Bürogebäude werden zunehmend in Wohn-und Arbeitsräume umgewandelt, die den modernen Anforderungen an Flexibilität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft gerecht werden. Besonders in Städten, in denen der Wohnraum knapp ist, bietet die Umnutzung von Bestandsgebäuden eine nachhaltige und ressourcenschonende Alternative zum Neubau.
ENERGIEVERLUSTE MINIMIEREN.
Möglichkeiten, durch energetische Sanierung Energieverluste zu minimieren, gibt es jedenfalls genug. Bei der Fassade kann der Einsatz eines Wärmedämmverbundsystems zur Verbesserung des Wärmedurchgangskoeffizienten führen. Im Dachbereich verringert der Austausch oder Neueinbau von Dachdämmung (entweder der obersten Geschoßdecke oder im Bereich der Sparren) den Wärmeverlust im beheizten Raum. Auch die Dachziegelwahl spielt eine Rolle, da Ziegel Emissionswerte aufnehmen und Schadstoffe herausfiltern können, die bei Regen abgespült werden. Bei Fenstern und Türen empfehlen Fachleute eine moderne Verglasung mit einem k-Wert von ,, bei der Heizungsanlage den Austausch gegen eine Wärmepumpe. Zusätzliche Unterstützung durch eine Photovoltaikanlage reduziert zudem den Bedarf an Fremdemissionsverursachern (z. B. Kraftwerke). Die Heizkörper sollten in der Folge an das System angepasst werden. Wählt man einen kleineren Querschnitt von Heizungsleitungen bei gleichzeitiger reduzierter Vorlauftemperatur sind weitere Emissionseinsparungen möglich.
„Wie viel Geld und auch Energie man am Ende durch Maßnahmen einsparen kann, hängt von verschiedensten Faktoren ab“, betont Christoph Hermes, Project Manager der General-Contracting-Einheit bei umdasch The Store Makers. Die Palette der Parameter reicht vom energetischen Zustand des zu sanierenden Gebäudes über Förderprogramme und Zinskonditionen am Kapitalmarkt (Stichwort Wirtschaftlichkeit) und die fachgerechte Ausführung der Maßnahmen (evtl. durch regionale Fachbetriebe) bis hin zur Definition des gewünschten Effizienzstandards. Von Bedeutung ist es laut Hermes, bei allen Maßnahmen der energetischen Sanierung immer eine ganzheitliche Betrachtungsweise an den Tag zu legen. Nur dann wirken die einzelnen Maßnahmen im Verbund.
ENERGIEPLATTFORMEN BOOMEN.
Die langfristige Rentabilität von Investitionen in die Energieeffizienz scheint in Anbetracht permanent steigender Energiepreise außer Frage zu stehen. Alle Faktoren im Blick zu haben und die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen, ist aber zugleich ein Unterfangen, dass einige Bestandhalter überfordert, vor allem wenn die Vorarbeit einer gründlichen Analyse von Status quo und Zukunftsopportunitäten nicht ordentlich geleistet wird. Bindet das Kerngeschäft von Bestandshaltern und Entwicklern die Personalkapazitäten, kann beim Themenkreis der Energieeffizienz -insbesondere was die diffizile Frage der effizienten Beschaffung, Nutzung und Abrechnung von Energie betrifft -externe, professionelle Unterstützung eingeholt werden. An Optionen herrscht kein Mangel, die Zahl der sogenannten Energieplattformen, die sich dieser Herausforderung verschreiben, wächst beständig. „Wir reduzieren den CO -Ausstoß von Bestandsimmobilien. Unkompliziert, investitionsfrei und TÜVzertifiziert“ so oder so ähnlich lautet das Service-Angebot der Spezialisten am Markt, wie etwa Aedifion, Paul Tech, Recognizer, Green Fusion, Metr oder Meteo Viva.
KI IM EINSATZ.
Am Start ist dabei modernste Technologie, in Form von smarten Paketen aus Software und Service. Gesorgt wird zum Beispiel für Konnektivität und Datenverfügbarkeit, auf Wunsch in jedem Gebäude des Bestandportfolios. Für die Datenverarbeitung werden Tools der künstlichen Intelligenz herangezogen. Selbstständig lernende Algorithmen sollen Einsparpotenziale erkennen und die eingesetzte Hardware regeln. Wenn die Anlagedaten in ein Dashboard einfließen und einen digitalen Zwilling erzeugen, können die Kunden ihre Einsparungen in Echtzeit prüfen. Alle Daten, Dienstleister und Anlagen im Blick zu haben, soll dabei helfen, ineffiziente Vorgänge zu identifizieren und im Einklang mit der unternehmenseigenen ESG-Strategie zu beheben -idealerweise proaktiv, sprich bevor Ineffizienzen überhaupt auftreten. Die Energieplattformen versprechen, mit dem Bündel an Maßnahmen ein optimal gesteuertes Immobilienportfolio zu generieren, die Betriebskosten signifikant zu senken und die Energiekosten und CO -Steuern um bis zu Prozent reduzieren zu können.
OPTIMIERTE BÜROIMMOBILIEN.
Intelligente digitale Lösungen für einen effizienten Betrieb bieten sich unter anderem bei Büro-und Verwaltungsimmobilien an, die aufgrund ihrer großen Anzahl und hohen Nutzeranforderungen für knapp ein Drittel des Gesamtenergieverbrauchs im Gewerbe-, Handels-und Dienstleistungssektor verantwortlich sind. „Um die Energieeffizienz von Büroimmobilien zu steigern, ist nicht unbedingt eine kostenintensive Sanierung der Gebäudehülle notwendig, denn der erste Ansatzpunkt sollte im Betrieb der technischen Gebäudeausrüstung liegen“, betont in diesem Zusammenhang Eva Lazarus von der Kölner Energieplattform Aedifion. Entscheidend für die Energieund Kosteneffizienz des Gebäudebetriebs sei die reibungslose Funktion und Abstimmung der Gebäudesysteme (Sanitärsysteme, Mieterstrom, Beleuchtung, Heizung, Lüftung, Kälte, Raumautomatisation etc.). In die Gebäudeleittechnik integrierte Softwarelösungen sammeln und strukturieren Echtzeit-Betriebsdaten, identifizieren Fehlfunktionen und geben Handlungsempfehlungen zur Optimierung. Auf Wunsch regeln vorab konfigurierte KI-Algorithmen den Betrieb autonom, um das Gebäude zu jeder Jahres-und Tageszeit wirtschaftlich und nutzerorientiert zu betreiben. „Neben der Anlagenoptimierung ist die Einbindung der Gebäudenutzer ein wichtiger Faktor. Mithilfe der in unserer Cloud-Plattform strukturierten Echtzeitdaten können sie laufend über ihren Energieverbrauch informiert werden und erhalten Tipps zur weiteren Verbrauchsreduzierung, etwa in Büros, Konferenzräumen und Sanitäranlagen“, erklärt Lazarus. Die Praxis zeige: Ein KI-optimierter Anlagenbetrieb per Cloud-Plattform kann erhebliche Einsparungen bewirken, für umfassende Datentransparenz sorgen und nebenbei auch das Betreiberpersonal entlasten.
Drei Thesen für die Zukunft
Die energetische Renovierung bestehender Gebäude avanciert zur Schlüsselstrategie für eine nachhaltige Immobilienzukunft. z Aufgaben zum Thema der Energieeffizienz werden zunehmend an spezialisierte Energieplattformen ausgelagert. z Anwendungen der künstlichen Intelligenz sind künftig für einen optimierten Anlagenbetrieb nicht mehr wegzudenken.
Die Presse