Europa wird noch lange am Gashahn hängen

21. März 2025

Trotz der Investitionen in erneuerbare Energien kommt Europa noch lange nicht ohne Gas aus, zeigt ein Blick nach Norwegen, Österreichs wichtigstem Lieferanten.

Schutzanzug, Schutzschuhe, Helm mit Schutzbrille, dicke Schutzhandschuhe, eine eigene Sicherheitsschulung samt Test im Vorfeld. Auf den ersten Blick wirken die Sicherheitsvorkehrungen für den Besuch des Flüssiggas-Terminals Øra, eine gute Autostunde südlich von Oslo, übertrieben. Doch das mit viel Energie auf minus 160 Grad heruntergekühlte und damit um das 600-Fache geschrumpfte Erdgas kann schwerste Hautverletzungen verursachen, sollte es beim Entladen vom Transportschiff oder Beladen von Lkw austreten. LNG (Liquefied Natural Gas) ist im öl- und gasreichsten Land in Europa ein Randthema. Betreiber dieses und weiterer Terminals ist das finnische Energieunternehmen Gasum, das damit Abnehmer per Lkw versorgt oder das LNG regasifiziert über Rohrleitungen an die umliegende Industrie verteilt.

Das LNG kommt vom Weltmarkt; man stelle sicher, dass es sich nicht um russisches Gas handle, sagt Terminalmanager Kenneth Olsen. Der neue Schwerpunkt liege auf Biogas, um Kunden, die Schiffe und Schwerlaster einsetzen, zu helfen, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, Norwegen kommt fast ohne Gas aus. Im Land dominiert Strom, gerade bei Heizungen. 30 Prozent aller Autos fahren bereits elektrisch, in Oslo rund die Hälfte. Was an Erdgas aus den Tiefen der Nordsee gefördert wird, geht über ein dichtes Pipelinenetz ins Vereinigte Königreich, nach Belgien, Frankreich und Deutschland – und von dort weiter nach Österreich. Norwegen ist seit dem Auslaufen des Transits von russischem Gas durch die Ukraine der wichtigste Gaslieferant – nicht nur der OMV, die dort selbst fördert, sondern auch der Wien Energie.

Der städtische Versorger mit zwei Mill. Haushaltskunden deckt seit heuer etwa 80 Prozent seines Gasverbrauchs von 12 bis 15 Terawattstunden (TWh) mit norwegischem Erdgas ab, der Rest kommt aus Algerien. Vergangenen Herbst hat Wien Energie beschlossen, auf russisches Gas zu verzichten. Für nächstes Jahr werde wieder nur dezidiert nicht russisches Gas gekauft. Auch wenn es mehr kostet, wie Geschäftsführer Michael Strebl bei einem Lokalaugenschein in Oslo versichert.

Bis 2040 will Österreichs größter Landesversorger komplett aus herkömmlichem Erdgas aussteigen. Der Strom- und Wärmebedarf Wiens soll dann je zu einem Viertel mit Müllverbrennung, Geothermie, Großwärmepumpen und Biogas bzw. Wasserstoff gedeckt werden, lautet der ambitionierte Plan.

Vegard Wiik Vollset vom norwegischen Energie-Analysehaus Rystad hält die volle Abnabelung von Erdgas auch in Europa und auch bis 2050 für unrealistisch – trotz aller Anstrengungen beim Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung. „Wir sehen keinen Weg, Energiesicherheit in Europa ohne Gas zu garantieren“, lautet sein nüchterner Befund. Denn die Wasserstofferzeugung könne nicht auf das Niveau gebracht werden, das notwendig wäre. Letztlich werde das in Österreich umstrittene Speichern von CO2 (Carbon Capture and Storage, CCS) billiger sein als Wasserstoff.

Auch beim Abscheiden und Einlagern schädlicher Treibhausgase in den Boden ist Norwegen Vorreiter – und Profiteur. Das Land vergibt bereits Lizenzen für die künftige Einspeicherung in ausgebeuteten Gasfeldern weit draußen in der Nordsee. OMV hat zwei erworben. In Norwegen sei das eine von allen Parteien anerkannte Technologie, sagt Stefan Pehringer, Österreichs Botschafter in Norwegen. Das gelte auch für Norwegens Weg, weiter Öl und Gas vom Kontinentalschelf zu fördern und zu verkaufen und so die Transformation zu einer klimafreundlichen Energiewelt zu sichern – und damit den Reichtum des Landes. Norwegen speist mit den Einnahmen aus Öl und Gas, Lizenzen und Steuern den legendären Pensionsfonds der Regierung, der mittlerweile auf umgerechnet 1,62 Billionen Euro angewachsen ist.

In Österreich ist die CO2-Speicherung derzeit verboten. Die neue Regierung will das ändern, nicht zuletzt um kaum vermeidbare Emissionen, etwa bei der Müllverbrennung, aus der Atmosphäre zu bekommen. Auch die Wien Energie forscht dazu. In Oslo will der städtische Versorger Hafslund 2030 eine CO2-Abscheideanlage im Industriemaßstab in Betrieb nehmen.

Die Gaspreise dürften in naher Zukunft eher steigen, sagt Rystad-Gasexperte Christoph Halser, nicht zuletzt weil die Füllstände der Gasspeicher wegen der aktuellen Kältephase sinken und Europa stärker von teurem LNG abhängt. Die Hoffnung, dass die Ostseepipeline Nord Stream rasch wieder läuft, russisches Gas wieder durch die Ukraine fließt oder die EU-Sanktionen fallen, hält er für verfrüht. Ein Gasüberangebot sieht er frühestens 2029 – daran änderten auch Ansagen von US-Präsident Donald Trump nichts. Laut Halsers Prognose wird Erdgas in Europa 2030 und 2040 zwar nicht mehr drei Mal so viel, aber noch immer doppelt so viel kosten wie in den USA. Das könnte die Strompreise mitziehen, weil Gaskraftwerke, auch wenn sie nur wenige Stunden laufen, weiter preissetzend sind – und damit die Debatte über die drohende Deindustrialisierung weiter antreiben. Strom wird „von einem wichtigen zu einem sehr wichtigen Teil der Energieversorgung“, sagt Vollset. Europas Stromverbrauch werde bis 2050 um 84 Prozent steigen, vor allem durch die Elektrifizierung des Verkehrs – aber weniger stark, als die EU vorhersagt. Die neue Energiewelt werde vom Sonnenstromausbau geprägt, vor allem in Asien, vorausgesetzt China schafft den Abschied von Kohle. In Europa werde Wind offshore dominieren.

Darauf setzt auch der norwegische Stromriese Statkraft mit 7000 Mitarbeitern, 10,5 Mrd. Euro Umsatz und Anlagen in 20 Ländern. Mit einer Erzeugungskapazität von 21 Gigawatt und einer jährlichen Erzeugung von knapp 62 Terawattstunden (TWh), 97 Prozent davon aus Wasser-, Wind-, Sonnenkraft und Biomasse, ist Statkraft der größte Ökostromerzeuger weltweit. Und es wird weiter ausgebaut. 2,5 Mrd. Euro werden jährlich investiert, sagt Henrik Sætness, zuständig für Unternehmensentwicklung, der größte Teil davon in Norwegen und unter anderem in Windparks auf dem offenen Meer.

von Monika Graf Fredrikstad

Salzburger Nachrichten