Umstrittenes Kraftwerk: Prüfung startet

2. April 2025, Tirol

Die geplante Flutung des Platzertals für die Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal würde nur „geringfügig mehr Strom“ bringen, sagt die Tiwag. Der Fokus liege aber auf Stromspeicherung

Am Montag hat Tirols Landesenergieversorger Tiwag kurzfristig zu einer Pressekonferenz eingeladen. Dabei erklärte Bauvorstand Alexander Speckle: „Wir haben am Vormittag das Projekt Pumpspeicher Versetz eingereicht.“ Dahinter steht die Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal und der Bau eines neuen Stausees im Platzertal.

Zwischen diesem und dem bestehenden, 600 Meter tiefer liegenden Speicher Gepatsch soll nach den Plänen des Unternehmens in Zukunft Wasser je nach Bedarf hin- und hergepumpt werden. So könne man „sehr flexibel Strom speichern bzw. generieren, wenn er benötigt wird“, so Speckle.

Als das Tiwag-Vorhaben 2011 erstmals konkrete Formen annahm, war die Erweiterung noch als riesiger zusätzlicher Stromerzeuger geplant. Dazu wären aber auch Wasserableitungen aus dem Ötztal notwendig gewesen. Acht Jahre wurde mit der Gemeinde Sölden über die Nutzung gestritten, am Ende behielt die Tiwag die Oberhand.
Nach massiven Widerständen aus der Region – und auf Druck von ÖVP-Landeshauptmann Anton Mattle – hat die Tiwag aber vor einem Jahr eingelenkt. Sie verzichtet, zumindest vorerst, auf das Ötztaler Wasser. Speckle will aber nicht ausschließen, dass man diese Pläne wieder aus der Schublade holt.

Projekt geteilt

Vorerst wurde nach einer Überarbeitung des Projekts aber nur der sogenannte Projektteil I bei den Behörden eingereicht – also der Bau eines Speichers im Platzertal und des Pumpspeicherkraftwerks Versetz. Damit würde „nur geringfügig mehr Strom erzeugt“, erklärte der Tiwag-Vorstand auf Nachfrage.

Aber auch in dieser Variante sei das Vorhaben, in das die Tiwag 1,6 Milliarden Euro investieren will, trotzdem wirtschaftlich: „Es rechnet sich in der Form, in der wir es eingereicht haben.“ Statt auf Stromproduktion lege man nun „den Fokus auf die große Batterie“, die durch die Erweiterung entstehen würde.

Neue Zielsetzung

Die Energiewirtschaft habe sich durch den Ausbau von Windkraft und Photovoltaik in den vergangenen drei Jahren „dramatisch verändert“, erklärt Speckle: „Dieses Projekt ist von europäischem Interesse.“ Es gehe um Versorgungssicherheit und Netzstabilität. So könne man etwa untertags Sonnenstrom speichern und abends wieder ins Netz speisen.

Die Gegner – etwa der WWF, Global 2000 oder die Alpenvereine von Österreich und Deutschland – sehen durch das Vorhaben aber in erster Linie das noch von Infrastruktur weitestgehend unberührte Platzertal mit seinen hochalpinen Moorflächen von Zerstörung bedroht.

Naturgefahren

Gewarnt wird auch vor möglichen Naturgefahren, die aus dem Klimawandel resultieren und für den bereits bestehenden Gepatschspeicher und den darunter lebenden Menschen zur Bedrohung werden könnten. Eine Erweiterung des Kraftwerks könne das Risiko noch verschärfen. „Dieses Projekt ist völlig aktualisiert“, hielt Speckle den Bedenken entgegen. Das gelte auch für die Auswirkungen des Klimawandels, versicherte Tiwag-Abteilungsleiter Johann Neuner: „Wir gehen immer von Worst-Case-Szenarien aus.“

Naturschützer warnen, dass durch das Auftauen von Permafrost labile Steinmassen in den Gepatschspeicher oder in möglicherweise aus Gletscherschmelze weiter hinten im Kaunertal entstehende Seen stürzen und so eine Sturzflut auslösen könnten. Einkalkuliert sei auch bei beiden Stauseen, dass die „Gletscher früher oder später alle abschmelzen werden“, so Tiwag-Vorstand Speckle. Aber auch ohne das in der Folge fehlende Schmelzwasser sei die Wirtschaftlichkeit nicht gefährdet: „Wir haben genau ausgerechnet, was das für die Wasserfracht ausmacht.“
Beim Gepatschspeicher etwa würde sich der Jahresabfluss letztlich ohne Gletscherwasser um 15 Prozent reduzieren. Im Gegenzug werde aber im Zuge des Klimawandels der Niederschlag geringfügig zunehmen. „Wir haben die Wirtschaftlichkeit auf dieses Zukunftsszenario ausgelegt.“

Langes Verfahren

Bis eine etwaige Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal realisiert wird, wird aber noch viel Wasser den Inn hinunter fließen. 9.000 Seiten und 440 Pläne wurden von der Tiwag beim Land eingereicht. Sollte es einen positiven Bescheid geben, sind Beschwerden und der weitere Instanzenzug in dem Verfahren vorprogrammiert. „Wir rechnen nicht mit einem Baubeginn vor 2029“, erklärte Neuner. Die Umsetzung soll bis 2034 erfolgen.

Kurier