Interview. Der Österreicher Christoph Brabec forscht in Deutschland an der nächsten Solar-Generation. Damit würden die Karten am Markt neu gemischt, sagt er und warnt: Europa habe schon zu viele Technologien leichtfertig aufgegeben.
Die Presse: Solarenergie boomt. So sehr, dass viele Regierungen bereits auf die Bremse steigen, um die Stromnetze zu entlasten. Wie viel Solar verträgt das Energiesystem?
Christoph Brabec: Wir reden von einer sehr reifen Technologie. Die ersten Solarzellen wurden 1954 produziert, seither ist die Technologie alle 20, 25 Jahre um den Faktor 1000 gewachsen. Solarpaneele auf Basis von Silizium sind heute in vielen Ländern die mit Abstand günstigste Form, Energie zu erzeugen. Scheinbar unüberwindbare Hürden für die Solartechnologie wurden in den 70 Jahren immer wieder gefunden. In den späten 1980er-Jahren hat die damalige deutsche Umweltministerin Angela Merkel noch erklärt, dass erneuerbare Energien nie mehr als 0,001 Prozent zur Stromversorgung beitragen könnten. Dann hieß es, das Netz verträgt maximal drei Prozent Solarenergie. Heute sind wir bei 30 bis 40 Prozent und der Anteil wächst weiter. Natürlich gibt es Herausforderungen, aber in meinen Augen gibt es kein Limit.
Dennoch wird die rasante Energiewende der vergangenen Jahre– gerade nach dem Blackout in Spanien – eher gezügelt.
Die Energiewende ist mehr als eine einfache Umstellung der Energieversorgung. Unsere Gesellschaft ist es seit mehr als 1000 Jahren gewöhnt, Wärme oder Energie durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas zu erhalten. Jetzt probieren wir, dieses gesamte Energiesystem innerhalb von 30 Jahren, 40 Jahren, komplett auf Erneuerbare umzustellen. Das ist keine Transformation, das ist eine Revolution. Und deswegen knirscht es auch ständig an allen Ecken und Enden, weil wir in unserer Gesellschaft solche schnellen Wandel üblicherweise gar nicht bewältigen können.
Dieses „Knirschen“ äußert sich durch hohe Umstellungskosten ebenso wie durch eine häufigere Instabilität in der Versorgung. Wie lässt sich das lösen?
Wir sehen schon, welche technischen Lösungen sich dafür anbieten. Ich gehe davon aus, dass jedes Land seinen eigenen Weg wählen wird. Der Netzausbau ist eine Lösung. Oder die Unterstützung der volatilen Energieerzeugung der Erneuerbaren mit Speichern. Das können Batterien sein oder Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe. Da gibt es viele Möglichkeiten.
Ist es für die Staaten überhaupt notwendig, sich zu entscheiden oder könnten sie nicht einfach auf Technologieoffenheit setzen und den Markt entscheiden lassen?
Auch Technologieoffenheit hat einen Preis. Wir vergleichen Technologien mit ganz unterschiedlichen Zeitlinien. Photovoltaik und Windenergie gibt es jetzt. Batteriespeicher gibt es jetzt. Synthetische Kraftstoffe verstehen wir, aber es gibt sie noch nicht am Massenmarkt. Grüner Wasserstoff ist mit unseren Methoden noch viel zu teuer. Das wird günstiger werden, aber nicht heute.
Und darauf zu warten, lohnt sich nicht?
Die Schwierigkeit, die wir haben ist, dass wir Entscheidungen brauchen. Natürlich gibt es diese Phase, in der man alle möglichen Technologien testen muss, um den idealen Mix zu finden. Aber wir haben das Problem, dass man Technologieoffenheit missbraucht, um Zeit zu schinden. Die Politik setzt heute gerne auf Lösungen, von denen wir wissen, dass sie erst in 20, 30 Jahren massenmarktfähig sind. Kernfusion ist so ein Beispiel. Das ist eine großartige Technologie. Ich bin mir sicher, das wird kommen. Aber eben erst irgendwann. Das heißt, wir müssen Entscheidungen treffen. Und deswegen knirscht es.
China scheint weniger Probleme damit zu haben. Dort wird recht ideologiebefreit einfach alles ausgebaut, was Strom erzeugt.
In Asien gibt es eine ganz andere Idee von Technologieoffenheit. Dort wird alles ausprobiert und nach drei bis fünf Jahren wird entschieden, welche neue Technologie groß ausgerollt wird. So etwas gibt es bei uns nicht.
Das Verbrenner-Aus hat die EU aufgeweicht und nach hinten verschoben. Wofür sollte sie sich beim Energiemix entscheiden?
Jedes Land hat andere Voraussetzungen. In Österreich haben wir ja noch immer einen sehr hohen Anteil an Wasserkraft, der grundlastfähig ist. Das ist ein enormer Startvorteil. Wenn wir jetzt etwas machen wollen, können wir eigentlich nur Solar, Wind, Netz und Batterien ausbauen. Die Technologien sind verfügbar und günstig. Wenn wir in zehn Jahren etwas machen wollen, haben wir vielleicht andere Möglichkeiten. Der größte Fehler ist, dass man nichts entscheidet. Auch wenn die Politik sagt, wir brauchen mehr Zeit, wir machen mal fünf Jahre nichts, und wir wollen wieder mehr Erdgas kaufen, ist das eine Entscheidung und besser als nichts zu tun.
Sie forschen an neuen Solartechnologien. Könnte das Europas Chance sein, noch einmal mit China zu konkurrieren oder ist der Zug abgefahren?
Europa hätte seine verlorene Solarindustrie immer zurückholen können. Photovoltaik ist nicht die erste Technologie, die wir aufgegeben haben. Europa war einmal eine Marktmacht bei Mobiltelefonen, im Display Business, in der Elektrochemie, in der PV-Produktion. Das ist alles aufgegeben worden und nach Asien abgewandert. Jetzt kommen wir drauf, dass wir nicht einmal mehr Batterien herstellen können. Ich habe nie verstanden, wie man glauben kann, in einer Technologie wettbewerbsfähig zu bleiben, wenn das Gegenüber seine Produzenten langfristig stützt und wir das nicht tun. Dass es geht, sieht man zum Beispiel an der Türkei. Die hat einen ganz einfachen Zoll auf Importe aus Asien eingeführt und wird nächstes Jahr zu Europas größtem PV-Produzenten aufsteigen.
Noch einmal zu dieser neuen Solar-Technologie. Wäre das eine Möglichkeit, um China einzufangen?
Der nächste Entwicklungsschritt der Siliziumtechnologie ist die sogenannte Stapelzelle. Im Labor ist sie bereits um 20 Prozent effizienter als die heute übliche Solarzelle. Das ist ein gewaltiger Sprung für eine Technologie, die 70 Jahre alt ist. Und es gibt eine europäische Firma, Oxford PV, die diese Stapelzellen bereits produziert und am Markt verkauft. Hält die Technologie ihre Versprechen und kann die Lebensdauer noch erhöht werden, werden wir in fünf Jahren schon diese neuen Solarmodule am Markt haben. Mit jeder neuen Technologie-Generation ergeben sich wieder neue Möglichkeiten, neue Lieferketten. Die Karten werden neu gemischt, das könnte Europas Chance sein, wieder ins Spiel einzusteigen. Aber wenn wir es nicht schaffen, unsere Industrie zu schützen, ist die nächste Technologie dahin.
Schaffen wir es nicht, unsere Industrie zu schützen, ist die nächste Technologie dahin. Christoph Brabec Direktor am Helmholtz-Institut
Zur Person: Christoph Brabec (*1966) ist Direktor am Helmholtz-Institut Erlangen-Nürnberg für Erneuerbare Energien. Der gebürtige Oberösterreicher forscht seit Jahrzehnten an der Weiterentwicklung der Solartechnologie – sowohl im akademischen Bereich, als auch in der Industrie (Siemens und Konarka). Brabec war auf Einladung der DEE der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.
Von Matthias Auer
Die Presse




