Als Chef der Wiener Stadtwerke ist Peter Weinelt gefordert, mitzuhelfen, die Bundeshauptstadt in vergleichsweise kurzer Zeit klimafit zu machen. Einiges bleibt noch zu tun.
Bei klarer Sicht sieht man vom 25. Stock des Orbi-Tower in Wien-Erdberg, der Chefetage von Österreichs größtem Infrastrukturdienstleister Wiener Stadtwerke, bis zum Schneeberg; bei dichtem Nebel kann man kaum den Nachbarturm erkennen, wo Wien Energie sitzt. Beim Interview zum Jahreswechsel mit Generaldirektor Peter Weinelt war DER STANDARD an ganz anderen Dingen und Sichtweisen interessiert.
STANDARD: Wien will bis 2040 klimaneutral werden, so wie Österreich insgesamt. Was sind die größten Hindernisse, dass die Stadt noch nicht weiter ist auf dem Weg dorthin?
Weinelt: Als Stadtwerke-Gruppe mit Wien Energie sind wir, denke ich, sehr weit gekommen. Mit dem Beschluss des Elektrizitätswirtschaftsgesetzes (ElWG) ist jetzt zusätzlich ein Meilenstein in die richtige Richtung gesetzt, wiewohl noch manche Dinge per Verordnung zu regeln sind. Wir haben im August die Firma ImWind gekauft. Damit machen wir einen großen Sprung vorwärts, was die erneuerbare Stromerzeugung betrifft.
STANDARD: Was hat Sie gehindert, früher und stärker das Erneuerbaren-Segment auszubauen? ImWind haben Sie gekauft, bevor das ElWG beschlossen war. An dem Gesetz kann es also nicht gelegen haben.
Weinelt: Wir haben immer stark investiert. Wien wird bis 2040 voraussichtlich noch einmal so stark wachsen wie Linz heute Einwohner hat. Das muss entsprechend gut vorbereitet werden. Alle brauchen Strom, sauberen Strom. Viele werden auch Fernwärme haben wollen. Jahrelange Vorarbeit war nötig, bis es zur ersten Tiefengeothermie-Bohrung in Wien-Aspern gekommen ist. Damit können in einem ersten Schritt 20.000 Wohnungen mit Wärme versorgt werden. Wir gehen diesen Weg konsequent weiter.
STANDARD: Ist die angestrebte Klimaneutralität bis 2040 realistisch? Schließlich sind es nur mehr 15 Jahre.
Weinelt: In meiner Rolle als CEO ist ganz klar verankert, dass man sich konkrete Ziele setzen muss. Deshalb bleiben wir dabei, auch wenn es sportlich ist. Ich bin mir sicher, dass es 2040 in Wien auch noch den einen oder anderen Koksofen geben wird. In der Gesamtenergie- und Emissionsbilanz ist das überschaubar und vertretbar.
STANDARD: Wie viel Prozent des aktuellen Energieportfolios stammen real aus erneuerbaren Quellen – ohne Bilanztricks oder Herkunftszertifikate?
Weinelt: Der Anteil erneuerbarer Stromerzeugung an der Gesamterzeugung von Wien Energie lag im Geschäftsjahr 2024 bei rund 32 Prozent, also einem Drittel. Durch den Kauf von ImWind wird sich der Prozentsatz 2026 natürlich erhöhen und den Strombedarf von 950.000 Wiener Durchschnittshaushalten decken.
STANDARD: Wien Energie, das Herzstück der Stadtwerke, lässt sich die Übernahme des Erneuerbaren-Erzeugers ImWind dem Vernehmen nach knapp eine Milliarde Euro kosten. Das ist viel Geld. Ist es auch gut investiertes Geld?
Weinelt: Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, dazu kann ich nichts sagen. Man muss sich aber fragen, was die Alternative ist. Die Gaskraftwerke in Wien (Simmering, Donaustadt; Anm.) sind in die Jahre gekommen. Würden wir mit der Stromproduktion weitermachen wie bisher, müssten wir auch investieren – 800 Millionen bis eine Milliarde pro Kraftwerksblock. Bei dieser Rechnung ist noch kein Gas eingekauft, und auch die Kosten für CO2 sind noch nicht berücksichtigt.
STANDARD: Sie sind also überzeugt, dass der Kauf von ImWind ein guter Deal ist?
Weinelt: Absolut. Wir machen uns ein Stück weit unabhängig von der Geopolitik und den hohen Gaspreisen. Beim Hausbau kommt es auch darauf an, dass das Fundament gut gemacht ist. Das haben wir, übertragen auf die Stromproduktion, mit dem Kauf von ImWind getan. Wir haben den Keller gebaut und sind im ersten Stock angelangt. Aber einiges bleibt noch zu tun.
STANDARD: Trotzdem fragen sich manche, was da gekauft wurde, um so viel Geld.
Weinelt: Erstens bestehende Standorte, die schon in Betrieb sind, dazu eine große Pipeline an Projekten, die noch umzusetzen sind. Im Endausbau kommen wir so auf über 300 Standorte – Wind, Solar und Wasserkraft. Das hat einen Wert.
STANDARD: Die Anlagen, die Sie übernommen haben, gehören – weil fremdfinanziert – größtenteils Banken.
Weinelt: Wenn man einen Kredit mitübernimmt, wird dieser vom Kaufpreis abgezogen, wir zahlen ja nicht doppelt. Sicher ist, dass die Wiener Stadtwerke mit ihrem Doppel-A-Rating wesentlich günstigere Finanzierungskonditionen bekommen als andere Energieversorger. Wir haben auch die finanzielle Kraft, das eine oder andere vorzeitig zurückzuzahlen. In Zukunft geht es darum, bei bestehenden Windkraftstandorten zur Stärkung der Resilienz Photovoltaik nachzurüsten und auch Speicher zu bauen. Bundesweit sollte es Ziel sein, Österreich wieder zu einem Nettostromexporteur zu machen.
STANDARD: Warum?
Weinelt: Weil wir dann den Nachteil beim Strompreis wegbekommen, den wir seit der Auftrennung der gemeinsamen Strompreiszone mit Deutschland zum 1. Oktober 2018 haben. Schätzungen zufolge macht das 600 Millionen Euro im Jahr aus, was vor allem für die im Wettbewerb stehende Industrie ein großer Nachteil ist. Indem wir die Netzinfrastruktur ausbauen und selbst genug erneuerbaren Strom im Inland erzeugen, müssen wir weniger von der teureren Energie importieren.
STANDARD: Die Wiener Stadtwerke sind ein großer Arbeitgeber, stehen aber wie andere Unternehmen vor einer Pensionierungswelle. Wie wollen Sie entstehende Lücken füllen?
Weinelt: Wir sind gut darauf vorbereitet, etwa durch eine konsequente Lehrlingsausbildung. Vor zehn Jahren hatten wir 90 bis 95 Lehrlinge in zehn Berufen, die jedes Jahr neu angefangen haben; in diesem Herbst haben 235 Lehrlinge in 21 Berufen ihre Ausbildung bei uns begonnen. Darauf bin ich schon stolz.
STANDARD: Wie viele Lehrlinge beschäftigen Sie konzernweit?
Weinelt: Unter den rund 18.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Wiener Stadtwerke sind über 700 Lehrlinge. Acht von zehn arbeiten nach Abschluss ihrer Ausbildung in Betrieben der Stadtwerke weiter. Darüber hinaus haben wir viele verschiedene Arbeitszeitmodelle, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein in einer Zeit, in der Mitarbeitende immer häufiger den Arbeitsplatz wechseln. Die jüngste Mitarbeiterbefragung vom November dieses Jahres stellt uns auch sehr gute Werte aus, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft.
STANDARD: Warum investiert Wien weiter in Gasinfrastruktur, obwohl feststeht, dass Gas ein Auslaufmodell ist?
Weinelt: Es gibt klare Sicherheitsvorgaben, wir wollen da kein Risiko eingehen. So investieren wir Jahr für Jahr einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag in Regelstationen und das Leitungsnetz, damit alles sicher bleibt. Wichtig ist nun, Lösungen zu finden, wie man in Zukunft geordnet Leitungen stilllegen kann. Ob ein Kunde oder 100 – der Aufwand bleibt derselbe.
STANDARD: Sie erwarten, dass das neue Gaswirtschaftsgesetz Anleitungen gibt?
Weinelt: Ja. Wir müssen sehr geordnet vorgehen. Es gibt zurzeit in Deutschland eine engagierte Diskussion um die Frage, wie lange im Voraus ein Kunde informiert werden muss, dass eine Gasleitung stillgelegt wird. In ersten Entwürfen ist von zehn Jahren die Rede. Der Ausstieg aus Gas ist alles andere als trivial und muss gut vorbereitet werden.
Peter Weinelt (59) ist seit Anfang 2024 Generaldirektor der Wiener Stadtwerke GmbH. Der aus dem Waldviertel stammende studierte Elektrotechniker (TU Wien) ist mehr als 30 Jahre in der Energiebranche tätig und war zuvor unter anderem Geschäftsführer von Wienstrom und Wiener Netze. 2016 wurde Weinelt in den Vorstand der Wiener Stadtwerke berufen. Zur Gruppe gehören u. a. Wien Energie, Wiener Netze, Wiener Linien, Wiener Lokalbahnen, Wipark, Friedhöfe Wien.
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