Das Wiener Stromnetz gilt als eines der sichersten Europas, dennoch warnen Fachleute vor einem falschen Gefühl der Sicherheit. Internationale Blackouts zeigen, wie schnell Systeme kippen können.
Erst wenn der Strom einmal ausfällt, wird deutlich, wie automatisiert man im Alltag immer wieder dieselben Lichtschalter betätigt. Auch wenn alles finster ist, drückt die Hand instinktiv immer wieder drauf. Sonderlich lang mussten die Wienerinnen und Wiener in den vergangenen Jahrzehnten allerdings nie auf Elektrizität verzichten, kleinere Ausfälle waren meist schnell wieder behoben. Doch der tagelange Blackout nach einem Brandanschlag in Berlin führt vor Augen, wie verletzlich Energieinfrastruktur ist – und wie abhängig wir von ihr sind.
Der Anschlag in Berlin traf eine besonders sensible Stelle im Stromnetz, entsprechend aufwendig gestaltete sich die Reparatur. Ob es solche neuralgischen Punkte auch in Wien gibt und wie sie geschützt werden, dazu äußern sich die Wiener Netze nur eingeschränkt. „Über sicherheitsrelevante Aspekte sprechen wir nicht öffentlich, dafür sind die Informationen zu sensibel“, sagt Sprecherin Manuela Gutenbrunner zum STANDARD. „Dort, wo es nötig ist, setzen wir gezielt Schwerpunkte und stehen in ständigem Kontakt mit Polizei und Bundesheer.“ Ein direkter Vergleich sei zudem schwierig, betont Josef Kneisl, Krisenmanager im Wiener Rathaus: „Berlin steht vor anderen Herausforderungen, weil dort die Stromnetze von Ost- und Westberlin zusammenfließen.“
Nicht jeder Stromausfall ist ein Blackout, es gilt zwischen drei Stufen zu unterscheiden. Ein Stromausfall bezeichnet meist kurze, lokal begrenzte Unterbrechungen, etwa durch technische Defekte oder Unwetter. Bei einer Strom-Mangellage steht insgesamt zu wenig Strom zur Verfügung, weshalb größere Regionen stundenweise abgeschaltet werden müssen. Ein Blackout ist der großflächige Zusammenbruch des Stromnetzes, dessen Behebung mehrere Tage dauern kann. Ein Blackout definiert sich über die Größe des Ausfalls und nicht die Dauer. Experten schätzen einen Blackout grundsätzlich als unwahrscheinlich ein, die Beispiele aus Berlin und der Iberischen Halbinsel 2025 unterstreichen aber, wie drastisch die Folgen sein können.
Das Wiener Stromnetz gilt als sehr zuverlässig, die Regulierungsbehörde E-Control bescheinigt den Wiener Netzen eine Versorgungssicherheit von 99,99 Prozent. „Im Schnitt sind nach einem Stromausfall innerhalb von 90 Minuten alle wieder versorgt“, sagt Sprecherin Gutenbrunner. Möglich macht das die sogenannte „n-1“-Sicherheit: Fällt ein Betriebsmittel wie ein Kabel aus, übernimmt ein anderes.
In Berlin war dieses Prinzip zwar ebenfalls gegeben, durch den gleichzeitigen Ausfall mehrerer Komponenten brach dennoch alles zusammen. Selbst im Fall eines Blackouts könnte Wiens Stromversorgung laut Gutenbrunner „mithilfe schwarzstartfähiger Kraftwerke“ wieder aufgebaut werden. Das sind Kraftwerke, die ohne Strom von außen gestartet werden können und das Netz sukzessive wieder hochfahren. Kritische Infrastruktur, wie Krankenhäuser, ist mit Notstromanlagen ausgestattet, im AKH reicht die Batterie für rund drei Stunden, danach benötigt das Aggregat Diesel.
Störanfälligere Netze
Doch hohe Zuverlässigkeit im Alltag ist nicht gleich Krisenfestigkeit. Der international anerkannte Blackout-Experte Herbert Saurugg warnt regelmäßig davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Man befinde sich in der größten Infrastrukturtransformation aller Zeiten und Systeme würden fragiler und störanfälliger – was unter anderem an der Energiewende liegt, der Diversifikation der Netze und dass immer mehr Strom benötigt wird. Zur Einordnung: Seit Sommer 2024 gab es in Europa vier Blackouts (Berlin, Nordmazedonien, Iberische Halbinsel, Balkan), in den 50 Jahren davor nur zwei. Die Wiener Netze erwähnen gerne, dass es pro Netzkunde jährlich lediglich zu Versorgungsunterbrechungen von rund 21 Minuten kommt. Laut Saurugg ist das für den Ausbau des Vertriebsnetzes ein Top-Wert, es sagt aber nichts über die Systemstabilität aus.
Vor einem Jahr stellte der Rechnungshof (RH) Österreich kein gutes Zeugnis für die Blackout-Prävention aus. Es fehle ein gesamtstaatlicher Plan zur Information und Kommunikation. Laut RH seien Vorbereitungsmaßnahmen in unterschiedlichen Bundesländern nicht nur unterschiedlich fortgeschritten, nicht einmal die Definition von Blackout sei einheitlich. Beim Kompetenzzentrum Sicheres Österreich hieß es am Sicherheitsgipfel 2025 ebenso, dass Resilienz und Abstimmung zwischen Staat, Behörden sowie Wirtschaft essenziell sind und teilweise verbessert werden müssen. DER STANDARD hat im Rathaus nachgefragt, wie es um die Vorbereitung steht.
„Stromversorgungskrisen- und Blackoutszenarien werden regelmäßig landesweit geübt“, sagt Krisenmanager Josef Kneisl. „Neben Großübungen gibt es zahllose Tests in unterschiedlichem Ausmaß in allen Bereichen, Abteilungen und Organisationen der Stadt.“ Dazu zählen unter anderem regelmäßige Überprüfungen der Notstromaggregate, mit denen Feuerwehren, Spitäler, Wasser- und Abwasseranlagen ausgestattet sind. Auch die Treibstoffversorgung für Einsatzfahrzeuge und Aggregate wird in eigenen Übungen abgesichert. Details lässt er offen – Krisenpläne würden nach der prognostizierten Dauer und dem Auslöser des Ausfalls beeinflusst. Kritischer sei die Lage klarerweise stets im Winter wegen der niedrigen Temperaturen. Als den häufigsten Fehler im Krisenmanagement nennt Kneisl „unnötige zeitliche Verzögerungen“, diese ließen sich aber durch automatisierte Abläufe nach einer fundierten Lageeinschätzung gut verhindern. „Vereinbarte Abläufe, fixe Treffpunkte und klare Entscheidung-Hierarchien ersparen den agierenden Personen außerdem von Beginn an unnötige Kommunikation.“
Caritas-Direktor Klaus Schwertner betont auf STANDARD-Anfrage die zentrale Rolle von Hilfsorganisationen und Pfarrgemeinden, deren Räume und Netzwerke wichtige Anlaufstellen seien. „Diese Rolle muss gesetzlich abgesichert und gut koordiniert sein, damit Hilfe im Ernstfall wirksam ankommt.“ Besonders wichtig sei es, vulnerable Gruppen systematisch in Krisenpläne einzubeziehen. Die Caritas bereitet sich gemäß den Vorgaben der Stadt Wien auf einen 72-stündigen autarken Betrieb vor und hält zentrale Angebote aufrecht.
Bevölkerung hat Verantwortung
Für die Bevölkerung setzt die Stadt auf Information und Prävention. Über die offizielle Präventionseinrichtung „Die Helfer Wiens“ werden Checklisten, Schulungen und Veranstaltungen zur Eigenvorsorge angeboten. Ziel all dieser Maßnahmen ist es, die Einsatzfähigkeit der Stadt auch bei einem länger andauernden Stromausfall aufrechtzuerhalten, kritische Versorgung sicherzustellen und die Auswirkungen für die Bevölkerung möglichst gering zu halten. Experten raten der Bevölkerung, im Ernstfall zu Hause zu bleiben. Es gibt jedoch eingeschränkte Transportmöglichkeiten. Der öffentliche Verkehr wird in Wien am ersten Tag eingestellt, spätestens ab dem zweiten Tag gibt es einen Notbetrieb mit Bussen – U-Bahn und Straßenbahn funktionieren ohne Strom nicht.
80 Prozent der Österreicher sind ihrer Meinung nach auf einen Stromausfall gut vorbereitet, vor allem die 60- bis 65-Jährigen sind zuversichtlich. Das ergab der Blackout-Readiness-Check der Beratungsorganisation Ernst & Young vergangenes Jahr. Fest steht jedenfalls, dass die Bevölkerung ebenfalls Verantwortung in der Vorbereitung trägt.
Für zwei Wochen vorsorgen
Experten und Zivilschutzorganisationen empfehlen, sich für mindestens 14 Tage mit dem Notwendigsten versorgen zu können: Lebensmittel, Trinkwasser, Koch-Utensilien, Erste-Hilfe-Ausrüstung, Medikamente. Es ist unwahrscheinlich, dass man zwei Wochen nicht einkaufen gehen kann, aber ein Blackout reißt Löcher in Lieferketten und es kann sein, dass die Regale noch tagelang leer stehen. Dank der Hochquellleitungen sind 95 Prozent der Haushalte aber auch bei einem Blackout mit Trinkwasser versorgt. Innerhalb des Wiener Gürtels gilt das für Haushalte bis zum sechsten Stock, außerhalb des Gürtels bis zum fünften Stock.
Wien ist auf viele Szenarien vorbereitet und das Stromnetz robust. Doch ein Blackout wäre kein technisches Einzelproblem, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Stresstest. Wie gut er bewältigt wird, hängt nicht nur von Netzen, Aggregaten und Krisenstäben ab, sondern auch davon, wie abgestimmt Staat, Organisationen und Bevölkerung handeln. Absolute Sicherheit gibt es nicht, wohl aber die Möglichkeit, die Folgen eines Ausfalls abzufedern.
Der Standard




