Rohstoffe für die Energiewende bleiben Europas Achillesferse, denn die EU ist hochgradig von Importen abhängig. Das soll sich ändern, doch bisher sind die Erfolge überschaubar. Nun kopiert man Japan.
Europa hat den Ernst der Lage erkannt. Nach zahlreichen Warnungen und Verwerfungen. Nachdem China seit praktisch drei Jahren immer wieder die Ausfuhr wichtiger Mineralien kappt. Eine sehr späte Einsicht, meinen Kritiker. Lieber spät als nie, sagen die Optimisten.
Jedenfalls: Seit gut zwei Jahren versuchen die 27 EU-Staaten, ihre Abhängigkeiten beim Import wichtiger Rohstoffe für den Energie-, Industrie- und Verteidigungssektor zu reduzieren. Mit einem Rohstoffgesetz vom März 2024 will man bis 2030 von keinem Land außerhalb der EU zu mehr als 65 Prozent abhängig sein. Zehn Prozent des Bedarfs sollen bis dahin selbst gewonnen, 40 Prozent auf eigenem Boden verarbeitet und 25 Prozent der Mineralien recycelt werden.
So klar die Ziele sind, so schwierig ist deren Umsetzung. Dabei überwogen zuletzt die positiven Nachrichten. Zuerst der Handelsdeal mit Mercosur, dann mit Indien – und zwischendrin ein Rahmenabkommen mit Vietnam. Ein bedeutender Schritt, denn das südostasiatische Schwellenland beherbergt enorme Mengen einiger jener Rohstoffe, bei denen die EU derzeit in den Fängen Chinas hängt.
Seltene Erden aus Vietnam
Das Problem: Bisher sind die geologisch nachgewiesenen Reserven großteils noch unerschlossen. Vietnam beherbergt 3,5 Millionen Tonnen an seltenen Erden, baut jährlich aber nur 300 Tonnen davon ab. Seltene Erden sind zwar alles andere als selten, ihre Veredelung ist aber ein hochkomplexer Prozess, den kaum jemand außerhalb Chinas beherrscht.
Benötigt werden die Mineralien für eine ganze Reihe von zivilen und militärischen Anwendungen. Oft braucht es nur geringe Mengen, die allerdings kaum zu ersetzen sind. Das gilt für Elektroautos ebenso wie für Windturbinen, Smartphones und moderne Luftfahrt- und Verteidigungssysteme.
Durch die finanzielle und unternehmerische Kooperation sollen Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe ausgebaut werden. Das gilt für seltene Erden ebenso wie für Gallium – in beiden Fällen dominiert China den Markt.
Bislang wenig Zählbares
Schon jetzt als wichtiger Lieferant etabliert hat sich Vietnam bei Wolfram, einem für die Rüstungs- und Elektronikindustrie unverzichtbaren Metall. Auch hier soll der Handel vertieft werden. Vietnam ist dabei zwar nicht das rohstoffreichste Land, nach China aber der wichtigste Produzent. Es ist die Antithese zur Lage bei den seltenen Erden.
So positiv all das klingt, so nüchtern muss man die aktuelle Situation betrachten. Zwei Jahre nach Verabschiedung des wegweisenden Rohstoffgesetzes hinkt Europa seinen Zielen hinterher – mit der Folge drohender Engpässe für den Energiesektor, wie der Europäische Rechnungshof (EuRH) nun warnt. Es ist eine Achillesferse der 27 EU-Staaten, die sich mitten in der Transformation von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen befinden.
Greifbare Ergebnisse stünden trotz zahlreicher Absichtserklärungen aus. In den letzten fünf Jahren habe die EU 14 strategische Partnerschaften geschlossen, die Hälfte davon mit nach Auffassung des EuRH politisch instabilen und damit womöglich unzuverlässigen Ländern. Hinzu kommt: Bei 13 der für den Energiesektor essenziellen Rohstoffe haben sich die Einfuhren aus den Partnerländern seither verringert.
Kaum Recycling
Ohne Importe kommt Europas Industrie jedenfalls nicht weit. Bei 15 der 26 Rohstoffe werden über 98 Prozent des Bedarfs aus dem EU-Ausland eingeführt. Das liegt auch an der niedrigen Recyclingquote in der EU. Bei zehn Rohstoffen wird derzeit laut EuRH überhaupt nicht recycelt, bei sieben weiteren liege die Quote bei unter fünf Prozent. Einzig bei Kupfer, Wolfram und Aluminium läuft die Wiederverwertung jetzt schon besser, als das Ziel für 2030 vorgibt. Oft sind die Mengen (auch wegen niedriger Sammelquoten von Elektronikmüll) zu gering, um ein rentables Recyclinggeschäft aufzubauen.
Die Probleme reichen weit über seltene Erden und China hinaus. Bor, das in Solarmodulen verbaut ist, stammt zu 99 Prozent aus der Türkei. Und auch bei Lithium, Nickel, Kobalt und Kupfer kann man die Lieferanten an einer Hand abzählen. „Ohne kritische Rohstoffe wird es keine Energiewende, keine Wettbewerbsfähigkeit und keine strategische Autonomie geben“, warnt EuRH-Prüferin Keit Pentus-Rosimannus.
Das Positive: Viele Kritikpunkte des Rechnungshofs hat die Kommission bereits aufgegriffen. Mit dem Rohstoff-Aktionsplan vom Dezember des Vorjahres wurde der Grundstein für die Produktion auf europäischem Boden gelegt. 47 strategische Projekte profitieren von verkürzten Genehmigungen und besserem Zugang zu Finanzmitteln, etwa Kredite und Beteiligungen der Europäischen Investitionsbank. Drei Milliarden Euro sind dafür reserviert. Der EuRH ortet darin erhebliches Potenzial, 2030 dürfte aber zu knapp bemessen sein. Von Entdeckung bis Abbau dauert es im Schnitt zehn bis 15 Jahre.
Schnellere Genehmigung
Als Vorbild der jüngsten europäischen Rohstoffpolitik dürfte Japan herhalten. Über die Bündelung von Kompetenzen in der staatlichen Agentur Jogmec und strategische Lagervorräte hat man sich dort von China merklich entkoppeln können. Die Abhängigkeit bei seltenen Erden sank binnen eines Jahrzehnts von 91 auf 58 Prozent. Maßgeblich daran beteiligt war eben Jogmec, die dem australischen Bergbaukonzern Lynas in Krisenjahren mit Geld zur Seite gesprungen war und im Gegenzug große Mengen an „Seltenerdmetallen“ für die japanische Industrie gesichert hat. Auch die EU möchte nun ein Rohstoffzentrum samt koordinierter Bevorratung ins Leben rufen. Diskutiert wird darüber schon lange, noch im Frühjahr wird ein erster (zaghafter) Versuch gewagt, indem ein Pilotprojekt gestartet wird.
Kostspielig und riskant
Es sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Denn bislang läuft in Brüssel vieles zu unkoordiniert, bemängeln auch die EuRH-Prüfer. EU-Mittel gab es bislang nur in begrenztem Ausmaß – und noch dazu über verschiedenste, nicht aufeinander abgestimmte Förderstellen. 1,8 Milliarden Euro flossen laut Rechnungshof-Analyse über einen Zeitraum von 13 Jahren. Zuständig dafür waren acht Generaldirektionen der EU-Kommission mit insgesamt 14 unterschiedlichen Töpfen.
Umso problematischer erscheinen die Zahlen, als die Rohstoffprojekte enorm kostspielig und riskant sind. Nur eine von 1000 Explorationen führt zum kommerziellen Abbau. Die Rohstoffpreise schwanken gewaltig und unterliegen mitunter der Willkür der chinesischen Regierung, die ihre Marktmacht über Exportkontrollen und das Hochfahren der Produktion nach Lust und Laune ausüben kann. Nicht selten sind daran ausländische Explorationsfirmen zugrunde gegangen. Die Kosten sind sogleich hoch – das gilt für die Errichtung eines Bergbauwerks ebenso wie für den energieintensiven Betrieb.
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