Die Zukunft liegt unter der Erde

9. Feber 2026, Wien

Österreichs Regierung will das Speichern von CO2 in alten Öl- und Gasfeldern erlauben. Doch das Gesetz allein wird nicht reichen. Was fehlt, sind designierte Lagerstätten, Pipelines und offene Worte.


Das Thema war gut versteckt in der 112 Seiten langen Industriestrategie, die ÖVP, SPÖ und Neos zu Jahresbeginn präsentiert haben. Auf gerade einmal acht Zeilen verspricht die Koalition den Industriebetrieben darin wieder einmal, dass sie jene Treibhausgasemissionen, die sie beim besten Willen nicht loswerden können, schon bald tief unter der Erde verpressen dürfen. Das seit 2011 geltende Verbot der sogenannten CCS-Technologie (CCS steht dabei für Carbon Capture and Storage) soll noch heuer aufgehoben werden.


Dabei geht es vor allem um die Emissionen aus der Müllverbrennung sowie der Stahl-, Chemie- und Zementindustrie, die ihre Treibhausgase prozessbedingt gar nicht so weit reduzieren können, wie es die EU-Ziele vorsehen. Fünf bis zehn Millionen Tonnen CO2 seien auch zur Jahrhundertmitte in der heimischen Industrie nicht vermeidbar, sagen Forscher. Um nicht zusperren zu müssen, sollen die Betriebe sie nun direkt am Schornstein abfangen und vergraben dürfen. Das Ende des CCS-Verbots ist für die Branchen überlebenswichtig. Aber mit dem dürren Bekenntnis in der Industriestrategie kommen sie nicht weit.


Das weiß kaum jemand besser als Haimo Primas, Österreich-Chef des Schweizer Zementherstellers Holcim. Das Unternehmen wartet seit Jahren darauf, bei seinem Werk im burgenländischen Mannersdorf eine halbe Milliarde Euro investieren zu dürfen, um klimaschädliches CO2 abzufangen und in stillgelegten Öl- und Gasfeldern zu speichern. Doch solang Österreich die Technologie verbietet, solang weder Lagerstätten noch Infrastruktur geplant sind, macht es nicht einmal viel Sinn, sich um notwendige Fördermittel des europäischen Transformationsfonds anzustellen. Bis April 2026 müsste der Antrag im heurigen Jahr eingereicht werden. Gibt es bis dahin kein Gesetz, wird wieder kein Projekt aus Österreich zum Zug komme.


„Wir fahren gegen eine Betonwand“


Denn die anderen Staaten Europas legen bei der Umsetzung der entsprechenden EU-Verordnung ein viel schärferes Tempo vor. Der Deutsche Bundestag hat eben erlaubt, dass klimaschädliches Kohlendioxid künftig an der deutschen Küste unter dem Meeresboden gespeichert werden darf. Norwegen und Dänemark waren überhaupt als Erste dran und ziehen die CO2-Speicherung auf hoher See als großes Geschäft auf. Am bekanntesten ist das norwegische Longship-Vorhaben mit seinem Leuchtturm-Projekt Northern Lights, das es zum Ziel hat, industrielle Emissionen aus halb Europa in großem Stil in der Nordsee verschwinden zu lassen.


Auch Deutschland sieht im Export seines Kohlenstoffs langfristig die beste Chance und arbeitet daran, die eigene Industrie über Pipelines an die Speicher im Norden anzuschließen. Der Nachbar Österreich kommt in den Planungen der Netzbetreiber mangels gesetzlicher Grundlage nicht vor. Und selbst wenn ÖVP, SPÖ und Neos das Verbot jetzt schnell zu Fall bringen, ist eine Anbindung an die Nordsee-Speicher vor 2040 nicht realistisch.


Wer spricht mit den Menschen?


Aber wohin dann mit den Emissionen? Immerhin laufen die Gratis-CO2-Zertifikate der Industrie ab 2028 langsam aus. Dann wird auch der unvermeidliche Treibhausgasausstoß der Fabriken zur existenzgefährdenden Belastung. Nicht ohne Grund drängt Österreich in Brüssel darauf, die Gratiszertifikate ein wenig länger laufen zu lassen. Das helfe den Betrieben natürlich kurzfristig, sei aber keine echte Lösung für das Problem, heißt es dazu in der Industrie. „Wir fahren gegen eine Betonwand“, sagt etwa Sebastian Spaun, Geschäftsführer der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie. Er sieht die Industriestrategie für CCS „eher als Rückschritt“. Immerhin war die Aufhebung des Verbots schon unter Türkis-Grün beschlossene Sache. Über ein Jahr später sei man keinen Meter weiter, dafür sei alles komplizierter geworden. Gleich drei Ministerien – Landwirtschaft, Wirtschaft und Finanz – sind irgendwie mit dem Thema befasst. Und damit offenbar niemand so richtig.


Dabei wäre es höchste Zeit, dass die Politik zusätzlich zur Finalisierung des legistischen Akts auch „die Basisarbeit rundherum“ angehe, sind sich Unternehmen aus allen betroffenen Sparten einig. Der Anschluss an die Offshore-Speicher wird noch dauern. Österreich muss daher, anders als Deutschland, seine unvermeidbaren Emissionen vorerst im eigenen Land einspeichern, wenn die Branchen eine Überlebenschance haben sollen. „Die Menschen werden nicht klar genug darauf vorbereitet“, kritisiert Spaun.


Passende Lagerstätten haben die Wissenschaftler mehr als genug gefunden. Das größte Potential bieten poröse, salzwasserhaltige Gesteinsschichten (saline Aquifere), die allerdings noch zu wenig erforscht sind. Doch auch in alten Gas- und Öllagerstätten im Wiener Becken und in Oberösterreich könnten 250 bis 300 Millionen Tonnen CO2 untergebracht werden, so eine Studie des Energieinstituts der Johannes Kepler-Uni. Diese Speicher seien geologisch dicht, das CO2 bleibe sicher unter der Erde.


Allein mit diesen Lagerstätten könnte Österreich problemlos die Zeit bis zum Anschluss an die Projekte in der Nordsee überbrücken und dabei noch Geld sparen. Mit reinen Speicherkosten von bis zu sieben Euro je Tonne sind sie zwei Drittel billiger als die Offshore-Speicher. Insider wissen das. Doch mit den Menschen und Bürgermeistern in den betroffenen Regionen spricht bisher niemand über das Thema– und so sind Widerstände programmiert.


Rettung kommt mit Verzögerung


Genauso ungeklärt ist die Frage, wie das CO2 eigentlich vom Schornstein zu den Lagerstätten gelangen soll. Mit dem Lkw wird das nichts. Für eine Million Tonnen Kohlendioxid wären 50.000 Tanklaster unterwegs. Also müssen Pipelines geplant, ausgeschrieben, gebaut und betrieben werden. All das kostet Zeit. Zeit, die viele mittelständische Produzenten nicht mehr haben. Kommt das Land jetzt nicht in die Gänge, werden etliche von ihnen die Ankunft ihrer Retter nicht mehr erleben.
Österreich wird seine Emissionen im eigenen Land vergraben müssen. Aber wer erklärt das den Menschen in den betroffenen Regionen?

Von Matthias Auer

Die Presse