Deutschland will seine Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke ersetzen. Hierzulande gibt es ebenfalls dringenden Bedarf.
In den vergangenen Wochen war Österreichs Strommix weniger ökologisch als im Jahresdurchschnitt. Etwa ein Drittel kam aus den heimischen Gaskraftwerken, ein weiteres Drittel aus dem Ausland – vor allem aus deutschen Kohlekraftwerken bzw. französischen oder tschechischen Atomkraftwerken. Wenn, wie seit Jahresbeginn, kaum Wind geht, die Sonne kaum durch die Wolken- oder Nebeldecke dringt und die Wasserführung der Flüsse historisch tief ist, klafft eine ziemliche Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch. Im kalten Jänner musste Österreich im Durchschnitt 30 Prozent des verbrauchten Stroms importieren, an manchen Tagen waren es 50 Prozent, obwohl die verbliebenen Gaskraftwerke bis zum Anschlag gelaufen sind – und laufen.
In Deutschland läuft derzeit eine Debatte, wie mögliche Versorgungsengpässe in solchen „Dunkelflauten“ geschlossen werden, wenn die Kohlekraftwerke schrittweise vom Netz gehen. Die Regierung in Berlin will – mit staatlicher Unterstützung – dafür sorgen, dass zunächst 10 bis 15 neue Gaskraftwerke (10 Gigawatt) gebaut werden, dann noch mehr.
In Österreich übt man sich in der Sache noch in Zurückhaltung. Im Regierungsprogramm wurde eine „Kraftwerksstrategie“ in Aussicht gestellt, die Arbeit ist aber dem Vernehmen nach noch „ganz am Anfang“. In der neuen Industriestrategie der Dreierkoalition heißt es dazu, dass der „strategische Ausbau und Aufbau flexibler Erzeugungskapazitäten zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit notwendig“ sei. Das umfasse auch „die Prüfung moderner, hocheffizienter Gaskraftwerke zur Strom- und Wärmeerzeugung, die auch wasserstofftauglich sind, bzw. die Nachrüstung bestehender Anlagen“.
Österreich spielt Trittbrettfahrer
Fünf große Gaskraftwerksstandorte mit jeweils mehreren Blöcken sind hierzulande noch in Betrieb (Wien-Simmering bzw. -Donaustadt, Mellach, Timelkam und Theiß). Die installierte thermische Leistung liegt bei 3500 Megawatt (MW). „Die brauchen wir auf jeden Fall weiterhin, das hat der Jänner gezeigt“, sagt der Vorstandssprecher des Hochspannungsnetzbetreibers APG, Gerhard Christiner, zu den SN. Schon jetzt sei Österreich nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen, sondern verlasse sich darauf, dass jederzeit Strom aus dem Ausland kommt. „Da sind wir schon ein bisserl Trittbrettfahrer“, sagt Christiner.
Diese Sicherheit gehe aber langsam verloren. Ein aktueller Bericht des Verbands der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (Entso-E) für 2030 bis 2035 zeigt, dass die Ressourcen von gesicherten Erzeugungstechnologien in der EU zurückgehen bzw. die notwendigen Netze fehlen, um den Strom weiterzuleiten. Auch in (Süd-)Osteuropa steigt der Bedarf. „Das System wird immer knapper.“ APG-Vorstandssprecher Gerhard Christiner. Nach Ansicht des APG-Vorstands sollte sich die Politik rasch Gedanken machen, was Österreich braucht. Viele der heimischen Gaskraftwerke, insbesondere in Wien, nähern sich in den nächsten zehn Jahren dem Ende ihrer Lebensdauer – einige Blöcke sind schon abgeschaltet. „Entscheidend ist, wie es mit den Bestandsanlagen weitergeht“, sagt Christiner. Es werde über längere Zeit noch Gaskraftwerke brauchen, weil es, abgesehen von Pumpspeichern, bisher keine Möglichkeit gebe, überschüssigen Strom vom Sommer in den Winter zu bringen.
Die Regulierungsbehörde E-Control analysiert derzeit Österreichs Kraftwerksbedarf nach 2030 – erstmals unter Berücksichtigung der gesamteuropäischen Entwicklung. Das Ergebnis soll im Sommer vorliegen. „Die bisherigen Analysen bis 2030 zeigen, dass der Bedarf bis dahin gedeckt ist“, sagt Vorstand Alfons Haber. Zur Sicherung der Versorgung gebe es Maßnahmen wie die soeben verlängerte Netzreserve.
Auch Haber ist überzeugt, dass Gaskraftwerke in Österreich noch länger laufen müssen – gegebenenfalls mit grünem Wasserstoff (H2), sofern dieser verfügbar und die Anlagen nachgerüstet sind. Die Fragestellung sei ähnlich wie in Deutschland: Wo braucht es gesicherte Leistung und wie sehen die Netzkapazitäten aus?
Doch die Stromversorger zögern mit den Investitionen, denn je nach Wind- und Wetterlage laufen die Gaskraftwerke nur wenige Stunden oder Tage. Auch wenn sie dann gut verdienen, würden sich die Anlagen nicht rechnen, wird argumentiert. Die Wien Energie (die schon eine H2-Beimischung von 15 Prozent mit Erfolg getestet hat) will sich nicht genauer äußern. Man werde „in den nächsten Jahren Milliarden in den Umbau des Energiesystems“ investieren, betont der städtische Versorger, und setze dabei auf erneuerbare Energien. Flexible Kraftwerke würden weiter benötigt, wobei die Betriebsdauer vor allem vom technischen Zustand abhänge.
Der größte österreichische Stromerzeuger, die teilstaatliche Verbund AG, hat keine Lust, Gaskraftwerke zu bauen. Verbund habe mit Mellach ein hochmodernes Gas-Kombi-Kraftwerk, das die gesamte Kältephase hindurch voll gelaufen sei, zur Sicherung der Strom- und Fernwärmeversorgung von Graz. „Darüber hinaus investiert Verbund nicht mehr in CO2-emittierende Technologien, sondern nur noch in Erneuerbare“, heißt es aus dem Konzern. Die Erfahrungen mit Mellach waren schmerzhaft genug: Das Kraftwerk musste kurz nach der Fertigstellung zur Gänze wertberichtigt werden.
Monika Graf
Salzburger Nachrichten




