Der neue Run auf grünen Strom

20. Feber 2026

Zuletzt war es still um die Produzenten von erneuerbarer Energie. Doch der extreme Stromhunger von KI-Rechenzentren lässt speziell die Aktien von nachhaltigen Produzenten wieder stark steigen.


Der deutsche Energieriese RWE hat gerade einen Stromliefervertrag über 110 Megawatt mit Amazon abgeschlossen. Eine Menge an Elektrizität, die rund 140.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen könnte. Der Strom wird aus einem Offshorewindpark bei der Insel Juist in der Nordsee kommen. Aber erst 2029.


Der Amazon-Vertrag zeigt die wachsende Nachfrage großer Technologiekonzerne nach langfristigen Liefergarantien, sogenannten Power Purchase Agreements (PPAs) von grünem Strom. Bei RWE werden bereits 50 Prozent der Gewinne aus Offshore-Wind und -Solaranlagen erzielt. Die Aktie hat in einem Jahr um 85 Prozent zugelegt. Und der S&P-Global-Renewable-Energy-Index ist in einem Jahr um 70 Prozent gestiegen und übertrifft damit sogar die Kursentwicklung der Techgiganten Nvidia oder Alphabet (beide rund 50 Prozent).


Auch Alphabet setzte bei der Energieversorgung ein deutliches Zeichen in Richtung Grün. Mit der Übernahme des Erneuerbare-Energie-Entwicklers Intersect für rund 4,75 Milliarden US-Dollar sicherte sich der Konzern nicht nur bestehende Projekte, sondern vor allem die Entwicklungspipeline für künftige Solarund Windanlagen. Intersect ist seit Jahren auf die Bereitstellung erneuerbarer Energie für Datenzentren spezialisiert und hatte bereits zuvor mit Alphabet zusammengearbeitet.


GRÜNES COMEBACK. Das Comeback von grünem Strom hat einen klaren Hintergrund: Erneuerbare Energien spielen bei den KI-getriebenen Techriesen eine elementare Rolle. Sie sind die günstigste und sauberste Möglichkeit, um den steigenden Strombedarf der Branche zu decken. Nach einer Phase der Ernüchterung bei den Aktien der Renewables hat sich das Sentiment der Investoren jetzt deutlich verbessert.


Und europäische Energielieferanten profitieren hier besonders. Neben RWE steht auch Siemens Energy als Lieferant von grünem Strom hoch im Kurs. Fast 60 Prozent werden bereits aus Windenergie oder Solaranlagen produziert. Die Aktie hat in einem Jahr um 150 Prozent zugelegt. Zuletzt gab es jedoch Gewinnmitnahmen. Wohl weil der Titel mit einem KGV um die 40 recht sportlich bewertet ist. JPMorgan sieht aber den Kurs nach aktuell 157 bald bei 200 Euro.
Auch Microsoft gehört zu den Techgiganten, die die Nachfrage nach grünem Strom anheizen. Der Softwareentwickler ist eine Partnerschaft mit Brookfield Renewable Partners eingegangen, einem Anbieter für erneuerbare Energiequellen in den USA. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, die Kapazitäten auszubauen, um die Microsoft-Datenzentren in den USA und Europa mit Strom zu versorgen. Microsoft-Boss Satya Nadella hat erst vor Kurzem gemeint. „Das größte Problem, das wir haben, ist nicht die Versorgung mit Chips, sondern die mit Strom.“


Brookfield Renewable ist ein in Europa noch wenig bekanntes Unternehmen, das aus Hydro-, Wind-und Solaranlagen nachhaltige Energielösungen anbietet. Es wächst schnell durch Übernahmen und zeigt eine dynamische Gewinnentwicklung. Die Aktie hat in einem Jahr bereits um 40 Prozent zugelegt. Dennoch geben drei Viertel der Analysten, die die Aktie beobachten, eine klare Kaufempfehlung.


KI-BOOM. Der KI-Boom ist nicht nur ein Technologie-, sondern auch ein Infrastrukturthema. Wo Rechenzentren entstehen, braucht es neben Stromerzeugung auch Netze und Speicher. Alexander Weiss, Fondsmanager für grüne Technologien bei der Erste Asset Management Gesellschaft: „KI benötigt eines ganz besonders – viel und verlässlich verfügbaren Strom. Erneuerbare Energien sind zuverlässiger und schneller als konventionelle Großkraftwerke und können effizient mit Speicherlösungen kombiniert werden.“


Für Anleger eröffnet diese Entwicklung neue Chancen. Neben Einzelaktien wie RWE, Siemens oder Brookfield gibt es Fonds wie etwa den Erste Green Invest oder auch ETFs, die auf nachhaltige Energie fokussieren. Der Amundi New Energy ETF enthält sowohl US-amerikanische als auch europäische Unternehmen aus dem grünen Energiebereich und hat in einem Jahr um 50 Prozent zugelegt.


Natürlich ist die Tech-Welt noch nicht ganz grün. Amazon hat kürzlich ein mit Kernkraft betriebenes Datenzentrum in Pennsylvania erworben, Microsoft und Alphabet haben gerade erst bedeutende Lieferverträge mit Kernkraftwerken abgeschlossen. Doch die großen Techkonzerne sind bestrebt, ihre Energieversorgung langfristig auf nachhaltigen Strom umzustellen. Zum einen, um das Image als Verursacher großer CO2 -Emissionen abzulegen. Zum anderen, weil sie ihre Listings mit den für institutionelle Investoren essenziellen ESG-Kriterien nicht verlieren wollen.

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