Fragile Energiesicherheit

25. Feber 2026

Wie der Ukrainekrieg zu einem raschen Umbau des Energiesystems in Europa geführt hat, wie neue Konfliktlinien geschaffen wurden und wie Erneuerbare die Versorgungssicherheit stärken.

Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine hat sich die energiepolitische Lage Europas grundlegend verändert. Was als akute Versorgungskrise begann, hat inzwischen zu einem strukturellen Umbau der europäischen Energiearchitektur geführt. Die Bilanz fällt ambivalent aus: Die Abhängigkeit von russischen Gas-, aber auch von Ölimporten ist deutlich gesunken, gleichzeitig sind neue Risiken entstanden.


Seit 2022 steht die ukrainische Energieinfrastruktur unter russischem Beschuss. Kraftwerke, Netze und Umspannwerke wurden wiederholt beschädigt. Allein in den vergangenen zwölf Monaten wurden mehr als 30.800 Drohnen- und sonstige Luftangriffe im Land registriert, 1380 davon auf die Energieinfrastruktur. Diese Zahlen gab der Direktor des Austria Instituts für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES), Michael Zinkanell, am Montag bekannt.
Die Folgen dieser Angriffe reichen über die Landesgrenzen hinaus: Europäische Staaten mussten ihre Stromnetze stärker koordinieren, um die Stabilität der Region zu sichern. Zugleich rückte die Verwundbarkeit kritischer Energieanlagen stärker ins Bewusstsein der europäischen Politik, auch der österreichischen. Die Angriffe verdeutlichten, dass Energiesysteme zunehmend Teil geopolitischer Konflikte geworden sind. Von Energie, die als Waffe eingesetzt wird, ist die Rede. Schutzmaßnahmen, Cybersicherheit und Reservekapazitäten gewinnen in dem Zusammenhang immer mehr an Bedeutung.


Vor dem Krieg bezog Europa einen Gutteil des Gases aus Russland. Österreich als erstes westeuropäisches Land, das 1968 einen Vertrag mit der früheren Sowjetunion zum Bezug von Pipelinegas unterschrieben hat, war vorn dabei. Nach dem Weckruf vom 24.2.2022, als russische Truppen die Ukraine überfielen, wurden diese Abhängigkeiten binnen weniger Jahre drastisch reduziert. Neue LNG-Terminals entstanden in Deutschland und den Niederlanden, Lieferbeziehungen zu den USA, Norwegen und Katar wurden ausgebaut.


All dies ging aber mit höheren Kosten und einer stärkeren Einbindung in globale Märkte einher. Preisschwankungen auf dem Weltmarkt wirken sich seither unmittelbarer auf europäische Verbraucher aus. Was Gas betrifft, ist Norwegen zu einem noch wichtigeren Lieferanten für einzelne EU-Staaten wie Österreich geworden, Pipelineanbindung inklusive. Bei Flüssigerdgas (LNG) haben die USA mit knapp 60 Prozent Anteil bei Europas Importen eine herausgehobene Stellung. Manche warnen bereits vor einer neuen Abhängigkeit.


Parallel zur Diversifizierung der Gasimporte ist beim Ausbau erneuerbarer Energien Gas gegeben worden. Wind- und Solarprojekte wurden schneller genehmigt, auch wenn es auch in Österreich noch Luft nach oben gibt. Energieeffizienzprogramme wurden ausgeweitet, der Gasverbrauch ist insgesamt geschrumpft. Dennoch bleibt Erdgas ein zentraler Bestandteil der Versorgung – insbesondere als Übergangstechnologie in Zeiten schwankender Stromproduktion.


Das sieht auch Franz Angerer, Geschäftsführer der Energieagentur so: „Der heurige Jänner war ein Worst-Case-Monat mit wenig Wasser, wenig Windstrom, kaum Photovoltaik und zudem kalt“. Die Gaskraftwerke liefen auf Hochtouren, zusätzlich musste viel Strom importiert werden. „Gas werden wir auch in Zukunft brauchen, wenn auch in kleineren Mengen“, sagt Angerer.


Windräder dezentral


Interessenvertreter, darunter der Präsident der IG Windkraft, Josef Plank, plädieren für einen raschen Ausbau erneuerbarer Energien. 214 Windräder könnten, weil alle Genehmigungen vorliegen, sofort errichtet werden. Diese würden, wenn sie erst einmal am Netz seien, der Stromproduktion ganz Vorarlbergs entsprechen. Wie so häufig gebe es da und dort aber noch Bremsen, die gelöst werden müssten.


Wären schon jetzt mehr Windräder am Netz, hätte das die Situation im Jänner etwas entspannt, insbesondere wenn diese nicht nur auf den Ostteil Österreichs konzentriert blieben. Während in Niederösterreich und im Burgenland im besagten Monat über weite Strecken Windflaute herrschte, gab es anderswo in Österreich sehr wohl windige Tage. Dort gab und gibt es aber bis dato kaum Windräder

Der Standard