Überlastete Stromnetze als Risiko für Wachstum und Wohlstand

9. Jänner 2026, Wien

Der weltweite Stromhunger wächst, doch die Netze stoßen an ihre Grenzen. Sie können mit den gesellschaftlichen Ambitionen und Entwicklungen nicht Schritt halten. Das ruft selbst in wohlhabenden Ländern Bedenken hervor – denn es geht um die wirtschaftliche Zukunft.


Forschungsergebnisse zeigen seit Jahrzehnten, dass eine zuverlässige Stromversorgung entscheidend für wirtschaftliches Wachstum ist. Reiche Länder sahen sich diesen Fragen lange nicht ausgesetzt, weil Deindustrialisierung den Strombedarf trotz wachsender Wirtschaft über Jahre stabil hielt oder sogar sinken ließ. Doch der Aufstieg der künstlichen Intelligenz, der Boom bei Elektroautos und die zunehmende Elektrifizierung vieler Wirtschaftssektoren rufen selbst in wohlhabenden Ländern erste Bedenken hervor.


Der Chipausrüster ASML Holding ist so bedeutend, dass Schwankungen in seiner Geschäftsentwicklung sowohl die niederländische Volkswirtschaft als auch die weltweite Entwicklung künstlicher Intelligenz beeinflussen können. Jetzt hängt einer der größten Expansionspläne des Unternehmens – der Bau eines neuen Campus mit bis zu 20.000 Arbeitsplätzen in der Region Eindhoven – davon ab, ob ASML überhaupt einen Stromanschluss erhält.


Trotz der Tragweite ist nicht garantiert, dass der Konzern die benötigte Versorgung bekommt. ASML gehört zu rund 12.000 Unternehmen in den Niederlanden, die auf einen Netzanschluss warten. Netbeheer Nederland, der Verband der niederländischen Netzbetreiber, rechnet damit, dass die Engpässe noch bis zu zehn Jahre anhalten können – selbst wenn jährlich acht Milliarden Euro in das Netz fließen.


Ein Grund ist, dass der Stromverbrauch weit schneller gestiegen ist als erwartet. „Die Niederlande verbrauchen bereits so viel Strom, wie ursprünglich erst für das Jahr 2030 erwartet wurde“, sagte Debby Dröge von Netbeheer Nederland. „Das physische Netz kann mit den gesellschaftlichen Ambitionen und Entwicklungen nicht Schritt halten – es sei denn, wir verändern grundlegend, wie wir es gestalten und nutzen.“ Eine exklusive Analyse von Bloomberg Economics zeigt, dass nahezu alle G20-Länder in den vergangenen Jahren wachsende Netzbelastungen verzeichnen – von stagnierender Versorgung bei steigendem Bedarf über volatile Preise bis hin zu klimabedingten Schäden und Übertragungsverlusten. Die Analyse hat zudem gezeigt, dass höhere Netzbelastung auch zu einem Rückgang der Kapitalausgaben führt – also bei staatlichen und privaten Investitionen in langfristige Vermögenswerte.


Je reicher, desto mehr Strom


„Geringere Investitionen bedeuten langfristig ein geringeres Wirtschaftswachstum“, sagt Maeva Cousin, Chefökonomin für Handel und Klima bei Bloomberg Economics. Die wachstumsfördernden Effekte von Elektrifizierung zeigen sich weltweit – von Indien und China bis zu zahlreichen afrikanischen Staaten – und seit dem späten 19. Jahrhundert durchgängig bis heute. Typischerweise gilt: Je reicher ein Land ist, desto mehr Strom verbraucht es.


Das überrascht kaum, doch eine ähnlich enge Korrelation gibt es bei anderen Energieformen nicht. Kohleverbrauch etwa steigt mit wachsender Wirtschaftskraft zunächst an, sinkt jedoch wieder, sobald ein Land vom mittleren ins hohe Einkommensniveau übergeht. Hochlohnstaaten in Europa verbrauchen pro Kopf nur einen Bruchteil der fossilen Energieträger, die in ebenso wohlhabenden Ländern Asiens oder Nordamerikas genutzt werden. Schweizer verdienen im Schnitt rund 50 Prozent mehr als Kanadier, verbrauchen aber nur ein Viertel der fossilen Energie.


Eine Studie ergab, dass die Niederlande ohne schnellere Netzverstärkung jährlich acht bis 30 Milliarden Euro an Wirtschaftskraft und Nachhaltigkeitsgewinnen verlieren könnten – bis zu 1800 Euro pro Einwohner. In Deutschland warnen regionale Unternehmensverbände, dass fehlende sichere und schnelle Stromversorgung die industrielle Basis gefährde. In Großbritannien zahlten Netzbetreiber 1,6 Milliarden Euro allein in diesem Jahr, um teurere Gaskraftwerke laufen zu lassen und günstigere Windparks im Norden abzuregeln, weil Leitungen in Richtung Verbrauchszentren fehlen.

(duc/Bloomberg)

Die Presse