Gaspreis: Kälte in den USA trifft Europas verwundbarste Stelle

30. Jänner 2026, Wien

Energie. Ein Kälteeinbruch in den USA sorgt in der EU für Kopfzerbrechen. Die Gaspreise steigen, die Speicher leeren sich im Rekordtempo. Taumelt Europa von einer Abhängigkeit in die nächste?


Eine arktische Kältewelle in den USA hat die Preise für amerikanisches Erdgas binnen weniger Tage mehr als verdoppelt. Aber nicht nur der Heizbedarf in Amerika selbst ist drastisch gestiegen, auch manche Gasleitungen und Bohrlöcher in den wichtigen Fördergebieten in Texas und Louisiana sind eingefroren, was die Produktion des weltgrößten Gasexporteurs drastisch beeinträchtigt, zeigen Daten des Finanzmarktdatenanbieters LSEG. Zwar sind die extremsten Preisspitzen wieder vorüber. Doch die Folgen des Wintersturms sind auch diesseits des Atlantiks nicht mehr zu übersehen.


So ist der für Europa relevante TTF-Gaspreis am niederländischen Handelsknotenpunkt seit Jahresbeginn um knapp 40 Prozent nach oben geschossen. Neben dem kalten Winter in den USA und auch in Europa befeuerten Analysten zufolge auch geopolitische Unstimmigkeiten den Preisanstieg. So hätten vor allem auch die diplomatischen Unstimmigkeiten rund um Donald Trumps Besitzansprüche auf Grönland den Händlern zu denken gegeben, was mit dem europäischen Gaspreis passieren könnte, wenn der US-Präsident den Erdgaspreis als politisches Druckmittel einsetzt.


„Weckruf für Europa“


Die notwendige Marktmacht hätten die Vereinigten Staaten allemal. Schon heute stellen die USA rund 27 Prozent der gesamten europäischen Gasimporte. Bei den Flüssiggaslieferungen liegt die Quote noch einmal deutlich höher. Schwört die Europäische Union ab Ende 2027 tatsächlich auch den letzten russischen Gaslieferungen ab, wird sie etwa zwölf Prozent ihrer bisherigen Erdgas-Importe ersetzen müssen, schätzt die Internationale Energieagentur.
In der Pole-Position stehen dafür abermals die Flüssiggas-Lieferanten aus den USA. Perspektivisch könnte schon bald die Hälfte der Gaslieferungen in die EU aus Amerika kommen. „Diese starke Abhängigkeit setzt Europa höheren Kosten, Preissprüngen und geopolitischen Risiken aus“, heißt es in einer Studie des Clingendael-Instituts und des norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten. Und auch der dänische EU-Energiekommissar Dan Jørgensen sprach von einem „Weckruf“ für die europäische Energiepolitik. „Wir riskieren, die eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen.“


Heikel wird die Situation vor allem dann, wenn keine ausreichenden Reserven mehr vorhanden sind. Genau das ist in Europa gerade der Fall: Der Kontinent brennt sich aktuell in beachtlichem Tempo durch seine Gasspeicher. Der Füllstand der europäischen Erdgasspeicher liegt laut Daten der Plattform Agsi bei 43,5 Prozent. Niedriger war der Wert zu diesem Zeitpunkt des Jahres zuletzt 2022, kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Im Schnitt der vergangenen zehn Jahre waren die europäischen Speicher Ende Jänner zu 58 Prozent gefüllt. In Österreich zeigt sich ein ähnliches Bild: Die heimischen Speicher sind derzeit noch zu 47,8 Prozent gefüllt. Ein Drittel davon ist die strategische Reserve der Republik, ein weiteres Drittel ist allerdings für ausländische Kunden reserviert. Im Vorjahr war der Speicher Ende Jänner noch zu 63,8 Prozent voll.


Das Spiel mit dem Gaspreis


Setzt sich dieser Trend fort, könnte Europa am Ende der Heizsaison weniger als 30 Prozent in seinen Speichern haben, haben Reuters-Analysten anhand historischer Daten errechnet. Und dann wird das Wiederbefüllen der hiesigen Gasreserven im Sommer nicht nur aufwändig, sondern auch teuer.
Schon heute ist der Gasmarkt in der paradoxen Situation, dass Erdgas im Sommer, wenn die Speicher gefüllt werden, an der Börse oft teurer ist als im Winter. Profitabel ist das Anlegen dieser Reserven freilich nur, wenn das Erdgas billig eingekauft und im kalten Halbjahr teuer verkauft werden kann. Die EU hat im Vorjahr zwar ihre politischen Speichervorgaben gelockert, um den Preis nicht zusätzlich in die Höhe zu treiben. Am grundsätzlichen Muster hat das aber nicht viel geändert.


Ursachen für diese Anomalität seien nicht nur die Geopolitik und das kalte Wetter, sagt Seb Kennedy, Gründer von Energy Flux. Seit dem Ukrainekrieg hätten professionelle Spekulanten die ökonomisch verwundbarste Flanke der Europäer für sich entdeckt und wollen daraus Profit schlagen, sagt er. In der Vorwoche hielten etwa 444 Hedgefonds Positionen am TTF-Markt. Drei Mal so viele wie 2022.


Angebot an LNG steigt


All das treibt die europäischen Gaspreise und damit potenziell auch den Strompreis in die Höhe. Warum heute dennoch keine große Panik vor Versorgungsengpässen ausbricht, hat einen einfachen Grund: Anders als zu Beginn des Ukrainekriegs, ist mehr als genug Erdgas verfügbar und daran wird sich so rasch auch nichts ändern.
Die meisten LNG-Produzenten – allen voran die USA – weiten ihre Erzeugung deutlich aus. Alleine heuer sollen zusätzliche 40 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas auf den Markt kommen, schätzt die IEA.
Zudem können die LNG-Lieferanten zumindest theoretisch rasch ausgetauscht werden. Woher der Tanker kommt, ist am Hafen in Rotterdam oder Wilhelmshaven egal. Europa wird also auf absehbare Zeit genug Erdgas bekommen. Die Frage ist, zu welchem Preis.

Die Presse