Deutschland geht das Gas aus – und Österreich?

5. Feber 2026, Wien

Die deutschen Gasspeicher leeren sich im Rekordtempo. Die Versorgung mit LNG aus Katar und den USA stockt. Die Industrie schlägt Alarm. Was heißt das für Österreich, das den Großteil seiner Gasimporte aus Deutschland bezieht?


In Doha lädt Katars Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani dieser Tage zum großen LNG-Gipfel. Die CEOs der größten Öl- und Gaskonzerne, Energiehändler und politische Entscheidungsträger treffen dort aufeinander, um den wachsenden Markt für Flüssiggas neu zu verteilen. Katar will dabei künftig eine Schlüsselrolle spielen. Der Staatskonzern QatarEnergy baut seine LNG-Tankerflotte in den nächsten Jahren auf 200 Schiffe aus.


Gleichzeitig zeigt sich, wie politisch der Markt geworden ist: Doha hatte im Herbst offen mit Konsequenzen für Europa gedroht, falls das EU-Lieferkettengesetz für katarische Unternehmen zu weit geht. Und selbst wenn global genug LNG verfügbar scheint, landet es nicht automatisch in Europa. „Die Kataris liefern den Großteil ihres Flüssiggases an asiatische Abnehmer“, sagt Energieexperte Johannes Benigni zur „Presse“: „Und ich wüsste nicht, dass derzeit überhaupt Exporte von Katar nach Europa stattfinden.“ Schon im Verlauf des vergangenen Jahres waren die LNG-Importe aus Doha Richtung Europa deutlich rückläufig.


Besonders betroffen von ausbleibenden Lieferungen aus dem Emirat ist Deutschland. Kanzler Friedrich Merz hat sich für Donnerstag mit einer großen Wirtschaftsdelegation in Katar angesagt. Verlässliche LNG-Lieferungen aus dem Emirat seien in Zukunft von „zentraler Bedeutung“, heißt es aus dem Kanzleramt. Aktuell ist die Situation am deutschen Gasmarkt akut angespannt, wie ein Blick auf die rasch sinkenden Gasreserven der Bundesrepublik zeigt. Das liegt neben rückläufigen Lieferungen aus Katar auch an den seit Wochen unterdurchschnittlichen Temperaturen vor allem im Norden Deutschlands.


Speicherfüllstände sinken


Die deutschen Speicher haben sich zuletzt rasch geleert, die Füllstände liegen aktuell bei 31 Prozent ihres Volumens. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr waren es im selben Zeitraum noch mehr als 50 Prozent, der Tiefstwert wurde mit dem Ende der Heizsaison erst Anfang April erreicht. „Wenn sich die Lagerbestände so verhalten wie letztes Jahr, dürften die deutschen Speicher Mitte Februar nur noch zu rund 20 Prozent gefüllt sein, Ende Februar sogar nur noch zu zwölf Prozent“, warnt Benigni. Er spricht von einer „dramatischen Entwicklung“. Auch dem Energiekonzern Uniper zufolge sei die Versorgungssicherheit derzeit „nicht garantiert“. Schon bald könnte Gas für manche Industriekunden rationiert werden, fürchtet man in der energieintensiven Industrie.


Die Politik beruhigt: Trotz historisch niedriger Speicherstände will der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, nicht von einem Gasmangel in Deutschland sprechen. „Es gibt keine Gasmangellage, weil die Versorgung mit Gas in Deutschland und Europa stabil ist“, sagte er Anfang der Woche. Es gäbe heute mehr Möglichkeiten, Gas nach Deutschland zu bekommen. Norwegen, die Niederlande und Belgien sind die wichtigsten Lieferanten. Jeweils rund 45 Prozent der deutschen Gasimporte kommen derzeit via Pipeline aus Norwegen, sowie über Flüssiggas-Terminals in Belgien und den Niederlanden. Rund zehn Prozent kommen über LNG-Terminals an der deutschen Ost- und Nordseeküste.


Auch Deutschlands Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will von einer drohenden Gasmangellage nichts wissen. „Sorgen sind nicht angebracht“, so die Ministerin, die sich dieser Tage in mehreren arabischen Ländern vorstellig macht, um neue Energie-Partnerschaften anzubahnen. Reiche verweist auf hohe Importkapazitäten an den deutschen Terminals. Diese seien derzeit aber trotz des hohen Verbrauchs alles andere als ausgelastet, sagt Analyst Benigni. Vor allem die zuletzt stark ausgeweitete Versorgung über amerikanische LNG-Tanker sei derzeit nicht gewährleistet, warnt er.


Weniger LNG-Tanker aus USA


Die US-Energiefirmen seien derzeit mehr mit sich selbst beschäftigt. Der Polarwirbel, der in den vergangenen Wochen in Teilen Nordamerikas für extreme Kälte sorgte, führte einerseits dazu, dass LNG-Verflüssigungsstationen in den USA eingefroren sind. Gleichzeitig stieg der Gasverbrauch wegen der klirrenden Kälte und somit auch die Gaspreise in den USA kurzfristig so stark an, dass LNG-Tanker auf ihrem Weg Richtung Europa wieder umkehrten, um den eigenen Markt zu versorgen, erklärt Benigni. Er rechnet damit, dass auch in den kommenden Wochen noch weniger amerikanische LNG-Tanker an europäischen Terminals anlegen werden.


Zu den aktuellen Marktturbulenzen würden zum Teil auch die während der Energiekrise 2022 eingeführten EU-Mindestfüllstände beitragen, heißt es in der Rohstoffanalyse der Commerzbank von Dienstag. Die Maßnahme hätte zwar maßgeblich zur Sicherung der Versorgung beigetragen, werde inzwischen jedoch als Quelle marktverzerrender Signale betrachtet, die die Wiederbefüllung in den Sommermonaten verteuern. Das treibe Preisspekulationen weiter an, sagt Benigni: „Jeder Händler überlegt sich nun, wie viel Gas er jetzt noch braucht, um über den Winter seinen Bedarf zu decken. In der Hoffnung auf bald wärmeres Wetter hoffen nun alle, dass es sich ausgeht, und sie erst wieder bei niedrigeren Preisen nachkaufen müssen.“


Die prekäre Lage am deutschen Gasmarkt betrifft auch Österreich. Ein Großteil der heimischen Gasimporte wird über Deutschland nach Österreich geleitet. Zwar sind Österreichs Gasspeicher noch zu 44 Prozent gefüllt, doch auch hier sinken die Füllstände rapide. Zudem ist fast die Hälfte der heimischen Speichermengen im Eigentum nicht-österreichischer Kunden; 20,9 Prozent der Gesamtspeichermenge gehen auf die strategische Gasreserve zurück.


E-Control-Chef entwarnt


Die aktuelle Situation sei „kein Grund zur Sorge“, sagt Alfons Haber, Vorstand der Aufsichts- und Regulierungsbehörde E-Control, zur „Presse“: „Aktuell ist es angesichts der höheren Preise eben günstiger, Gas aus Speichern zu beziehen, als einzukaufen.“ Generell sei aber genug LNG am Markt verfügbar, um die Versorgungssicherheit über den Winter hinaus zu gewährleisten. Die Preiskurve an den Terminmärkten zeige zudem klar nach unten: Die europäischen Erdgas-Terminkontrakte fielen am Mittwoch auf rund 33 Euro je Megawattstunde – ein Rückgang von 18 Prozent gegenüber dem Höchstwert Ende Jänner. Damit liegt der Preis aktuell aber immer noch fast um ein Drittel höher als zum Jahreswechsel.


Bei österreichischen Industriebetrieben fürchtet man, dass sich Deutschland im Falle weiterhin stark sinkender Speicherstände auf eine 2017 in der EU eingeführte SOS-Notverordnung berufen könnte. Sollte der Staat geschützte Kunden (Privathaushalte, Krankenhäuser, ausgewählte Industrien) nicht mehr bedienen können, würde eine Art Beistandspflicht von Partnerländern greifen. Im Notfall könnten etwa Kapazitäten, die durch Deutschland nach Österreich geleitet werden, für den eignen Bedarf abgezweigt werden. Davon sei man derzeit aber weit entfernt, beruhigen Experten.


Dennoch sei „jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sich zurückzulehnen und abzuwarten“, sagt Energieanalyst Benigni. Auch in Berlin soll sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass die zuletzt sehr einseitige Abhängigkeit von amerikanischen LNG-Importen politisch riskant sein könnte. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, soll Deutschland bereit sein, mit arabischen Flüssiggas-Exporteuren Lieferverträge mit einer Laufzeit von bis zu 20 Jahren abzuschließen.

Von David Freudenthaler

Die Presse