Infrastruktur. Künstliche Intelligenz hilft in Niederösterreich dabei, Milliarden Datensätze aus dem Stromnetz zu durchforsten und Optimierungspotenziale zu finden.
Die Energiewende hat die Aufgaben für heimische Netzbetreiber um einiges komplexer gemacht. Durch den Ausbau erneuerbarer Energien muss die Infrastruktur vergrößert werden. Das Management des Stromnetzes ist durch eine Vielzahl neuer Erzeuger und stärkere Erzeugungsschwankungen komplexer denn je. Künstliche Intelligenz soll dabei helfen, diese Komplexität zu bewältigen.
Besonders hohe Dichte
Die EVN-Tochter Netz Niederösterreich verwendet eine KI-gestützte Datenplattform, um den Betrieb von 56.400 Kilometern Stromleitungen und 13.800 Kilometern Gasleitungen zu optimieren. Entwickelt wurde die Plattform von Zühlke Austria, der heimischen Niederlassung eines Schweizer Innovationsdienstleisters. Die Plattform dient als Grundlage dafür, um Verbesserungspotenziale und Engpässe zu erkennen.
„Wir sind einer der am meisten geforderten Netzbetreiber“, sagt Netz Niederösterreich Geschäftsführer Werner Hengst. „Wir haben die meisten angeschlossenen Photovoltaik-Anlagen, die meisten Windkraftwerke und die meisten Teilnehmer an Energiegemeinschaften.“ Digitale Innovationen seien der einzige Weg, um das Zusammenspiel von Netzbetreiber, Kunden und anderen Marktteilnehmern zu administrieren und kostengünstig umzusetzen.
Frühzeitig erkannt
Die Grundlage seien Daten, die durch digitale Stromzähler (Smart Meter) und Sensoren in großer Menge vorhanden seien. „Früher haben wir zwei Millionen Datensätze von Kunden gehabt. Jetzt sind es zehn Milliarden“, sagt Hengst.
Mit KI können Netzdaten, die tagsüber gesammelt wurden, über Nacht ausgewertet werden, um Unregelmäßigkeiten festzustellen und am nächsten Morgen automatisch Aufträge an Wartungs-teams zu schicken. Sie können vor Ort überprüfen, was die Ursache dafür ist und dabei etwa Verschleißerscheinungen frühzeitig zu erkennen. „Bis jetzt gab es schon einige Tausend Fälle, wo wir Fehler gefunden haben, noch bevor es zu Störungen gekommen ist.“
Doppelter Nutzen
Auch im laufenden Betrieb kann durch KI-Einsatz höhere Effizienz erreicht werden. Ein Beispiel ist das sogenannte „Thermal Rating“. Bisher wurden Hochspannungsleitungen unter Berücksichtigung von Temperatur-Normwerten betrieben.
Bläst jedoch der Wind in einer bestimmten Region kräftig und es wird viel Windenergie erzeugt, kann man die Leitungskapazität über die Normvorgaben erhöhen – denn der Wind kühlt die Lei-tungen auch stärker als sonst. Um diesen Umstand zu nutzen, hat Netz Niederösterreich Temperatursensoren auf Leiterseilen installiert. Die dadurch erhobenen Daten werden mittels KI analysiert. „Das sind Synergien, die wir heben. Damit ersparen wir uns Netzausbau“, sagt Hengst.
In Zukunft wird KI außerdem einen wichtigen Beitrag für die Nutzung von Flexibilitäten im Netz leisten – etwa wenn es darum geht, Schwankungen im Netz durch Batteriespeicher auszugleichen. Durch die Technologie wird es etwa leichter, die Auswirkungen von Wetterlagen auf eine Vielzahl kleiner Erzeugungsanlagen abzuschätzen.
Mehr Transparenz
„Das Erlernen von Vorgängen im Netz ist das zentrale Thema bei KI“, sagt Sebastian Dvorak-Novak, Leiter des KI-Projekts bei Zühlke. „Durch die veränderte, kleinteiligere Struktur von Stromnetzen braucht es ganz andere Modelle als bisher.“ Bei der Nutzung von Flexibilitäten durch mehrere Stromnetzbetreiber sei Transparenz wichtig, sagt Daniel Clauss, Head of Energy bei Zühlke: „Hier ist noch Arbeit zu leisten.“ Das Thema müsse gesamteuropäisch betrachtet werden.
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