Überraschendes Comeback für die Kohle

15. September 2021

Quelle: Handelsblatt, 14.09.2021 (S. 019-019)

Der Anteil der erneuerbaren Energien an der deutschen Stromproduktion ist im ersten Halbjahr gesunken.

Erst im vergangenen Jahr hatte Windkraft Kohle als wichtigste Stromquelle vom ersten Platz verdrängt. Im ersten Halbjahr 2021 sorgte ein windarmes Frühjahr nun allerdings für eine überraschende Renaissance des fossilen Energieträgers. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der gesamten in Deutschland erzeugten Strommenge von 258,9 Milliarden Kilowattstunden stammte nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts in diesem Zeitraum aus konventionellen Quellen wie Kohle, Erdgas oder Kernenergie.

Das ist ein Anstieg um über 20 Prozent innerhalb eines Jahres. Der Anteil erneuerbarer Energien wie Wind, Solarenergie und Biogas sank hingegen zum Vorjahreszeitraum um 11,7 Prozent auf 44 Prozent.

Solche Schwankungen seien allerdings normal, erklärte Patrick Graichen, Chef des Berliner Thinktanks Agora Energiewende im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Grund für den Wechsel an der Spitze sei nicht nur die Flaute der vergangenen Monate, sondern auch der stockende Windkraftausbau. „Solche Schwankungen könnten ausgeglichen werden, wenn wir mehr Windräder an Land hinzubauen würden“, sagte der Agora-Chef. Der Windkraftausbau stockt in Deutschland allerdings seit ein paar Jahren.

Für das gesamte Jahr 2021 rechnet der Bundesverband Windenergie mit einem Netto-Zubau zwischen 2,2 und 2,5 Gigawatt an Leistung. In den Spitzenjahren zwischen 2014 und 2017 sind dagegen zwischen 3,5 und knapp 4,9 Gigawatt an neuen Windrädern an Land gebaut worden.

Grund für den langsamen Ausbau ist die Umstellung von festen Vergütungen auf freie Ausschreibungen, bei denen nur noch der günstigste Wettbewerber den Zuschlag bekommt. Ebenso wie jahrelange Genehmigungsverfahren und zunehmende Klagen von Windkraftgegnern. In vielen Regionen sind außerdem gerade mal 0,9 Prozent der Landesfläche für Windräder vorgesehen. Benötigt werden laut Experten aber mindestens zwei Prozent der Fläche je Bundesland.

Dass im ersten Halbjahr die Kohle- und nicht die Erdgaskraftwerke eingesprungen sind, um den fehlenden Windstrom auszugleichen, dürfte an den derzeit hohen Gaspreisen liegen. Die niedrigen Stände der Gasspeicher in Deutschland und die weltweit steigende Gasnachfrage haben die Spotmarktpreise für Gas im Laufe des Jahres mehr als verdoppelt.
Der Grund für den rasanten Anstieg: Nach einem Corona-bedingten Rückgang im Frühjahr 2020 wuchs die Gasnachfrage 2021 auf den größten europäischen Märkten stark. Hinzu kommt, dass China in den ersten fünf Monaten 2021 im Vergleich zum Vorjahr 25 Prozent mehr Gas eingeführt hat.

Braunkohle ist günstiger als Erdgas

Nach einem milden Winter 2019 20 folgte ein vergleichsweise harter Winter 2020 21. In diesem Frühjahr und Sommer müssen deshalb Speicher weltweit gefüllt werden. Das treibt die Preise nach oben. Braunkohle hat sich im Vergleich zum teuren Erdgas also wieder gerechnet.

Die Kohlekraftwerke steuerten mit 70,2 Milliarden Kilowattstunden in den vergangenen sechs Monaten gut ein Drittel (35,5 Prozent) mehr bei als vor Jahresfrist. Kohle machte damit in den ersten sechs Monaten 27,1 Prozent der eingespeisten Strommenge aus, nach 20,8 Prozent ein Jahr zuvor.

Die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle ist wegen des Klimawandels zunehmend umstritten. Laut bisheriger Gesetzeslage soll Deutschland spätestens 2038 ganz auf die Kohlekraft verzichten. Klimaschützer fordern ein früheres Auslaufen. Damit das passieren kann, müsse aber erst einmal erheblich mehr Windkraft ausgebaut werden, fordern Experten.

von Kathrin Witsch

Handelsblatt

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