Gaskrise trifft britisches Königreich hart

24. September 2021

Die stark steigenden Preise für Erdgas bedrohen kleinere Energieanbieter – die ersten Anbieter sind schon pleite

Die Gaskrise beschäftigt ganz Europa, aber Großbritannien trifft sie besonders hart. Wegen der stark gestiegenen Preise für Erdgas droht vielen britischen Energieversorgern die Insolvenz. Seit August gingen schon sieben kleinere Energieunternehmen pleite. Über die nächsten Monate könnten dutzende folgen. Doch der britische Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng will „schlecht geführten Unternehmen nicht helfen“ und „Versagen nicht belohnen“.
Kommentatoren nennen es den perfekten Sturm, der sich für Großbritanniens Energiesektor zusammengebraut hat. Die Gasförderung in der Nordsee hat seit den 1980er-Jahren, als man noch Nettoexporteur war, stark nachgelassen. Heute muss das Königreich rund die Hälfte seines Bedarfs importieren.

Mit dem Abebben der Corona-Pandemie ist die weltweite Nachfrage nach Erd- und Flüssiggas stark gestiegen. Das Königreich besitzt die niedrigsten Lagerkapazitäten in Europa und hat seinen Energiemix vor allem auf Gas, Atom und erneuerbare Energien ausgerichtet. Doch der Wind blies in den vergangenen Monaten viel schwächer, drei Nuklearreaktoren mussten wegen Reparaturen abgeschaltet werden, und ein Brand hat in der Vorwoche bei einer Versorgungsstation in Kent das Kabel beschädigt, das die Stromversorgung aus Frankreich sicherstellte.

Preisexplosion

All diese Faktoren haben dazu geführt, dass der Einkaufspreis für Gas seit Beginn des Jahres um mehr als 200 Prozent gestiegen und seit August um 70 Prozent explodiert ist. Für die Versorgerunternehmen ist das ein Problem, sie können die höheren Kosten nicht einfach an die Verbraucher weitergeben.

Die Regierung hatte im Jänner 2019 eine Preisobergrenze für die Energieversorgung erlassen, die ab Oktober 1277 Pfund im Jahr, umgerechnet 1480 Euro, für einen Durchschnittshaushalt beträgt. Bei den momentanen Großhandelspreisen ist das für Energieunternehmen ein Verlustgeschäft. Da bräuchte man, wie Industrieexperten der Financial Times erklärten, eine Erhöhung der Deckelung auf 1834 Pfund. Wirtschaftsminister Kwarteng lehnt das aber ab. Kleinere Unternehmen, die ihren Kunden niedrige Preise garantierten und kaum Rücklagen haben, stecken daher in Schwierigkeiten.

Der Energieversorger Green, der 250.000 Kunden hat, warnt vor drohenden Insolvenzen. „Man muss gar nicht auf die nächsten sechs Monate schauen“, sagte Geschäftsführer Peter McGirr, „schon in den nächsten drei Monaten wäre für uns Feierabend. Wir werden nicht ohne Unterstützung überleben.“ Doch Kwarteng will seinen thatcheristischen Instinkten treu bleiben und nicht intervenieren – zumindest nicht zugunsten kleiner Betriebe.

Bei den größeren könnte das anders aussehen. Da die Kunden insolventer Energieunternehmen von der Regulierungsbehörde Ofgem an andere Versorger verwiesen werden, wächst der Druck auf die besser kapitalisierten Anbieter. Sie verlangen von der Regierung ebenfalls Unterstützung und werden, so die Spekulationen, wohl staatliche Zwischenkredite erwarten können.

Interveniert hat Kwarteng schon bei der drohenden Kohlendioxid-Krise, auch hat er dem US-Unternehmen CF Industrie Subventionen in zweistelliger Millionenhöhe versichert. CF Industrie hatte wegen der hohen Gaspreise zwei Düngemittelhersteller in England geschlossen. Bei der Ammoniakherstellung fällt aber das Nebenprodukt Kohlendioxid an. Die zwei Werke liefern 60 Prozent des britischen Bedarfs an CO2, das in der Lebensmittelproduktion verwendet, aber auch zur Kühlung von sechs britischen Atommeilern eingesetzt wird. Kein Wunder, dass Kwarteng eingriff, um leere Fleischregale oder abgeschaltete Kernkraftwerke zu vermeiden.

Die Presse

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 - Manchester, APA/AFP