Ohne Netzausbau kann es bald finster werden

12. Oktober 2021

Blackout. Österreichs Industrie ist gegen einen eventuellen Stromausfall relativ gut gewappnet, aber es braucht dringend mehr Flexibilität in der Energieversorgung.

In der „Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2021“ des Bundesheeres wird ein Blackout als das größte Risiko für eine Systemkrise in Österreich eingestuft. Seit Jahrzehnten gilt ein lahmgelegtes Stromnetz als Schreckensszenario der Industrie, ohne echte Störfälle bleibt es aber abstrakt. Generell ist Österreich eines der Länder mit der höchsten Versorgungssicherheit. Laut den Energieversorgern sind die großen Industriebetriebe zudem für einen Ausfall überdurchschnittlich gut gerüstet. Die meisten halten sich bei dem Thema aber bedeckt. Sorgen machen die kleineren Betriebe. Hier hat zumindest Corona zu einer Sensibilisierung beigetragen, wie schnell das Unvorhergesehene eintreffen kann.


Weckruf zu Jahresbeginn
Anfang des Jahres gab es einen „Wachrüttler“. Frequenzstörungen im europäischen Verbundsystem führten zu einem Beinahe-Blackout. Die Energieversorger konnten die Balance innerhalb kürzester Zeit wiederherstellen – in Österreich mithilfe von Wasserkraft, thermischen Kraftwerken und Batteriespeichern. Die Experten ließen aber durchklingen, dass man an einem Blackout nur knapp vorbeischrammte. Die Industrie ist teilweise sogar bei kleineren Frequenzstörungen betroffen, die Halbleiterproduktion ist beispielsweise auf eine gleichbleibende Frequenz angewiesen, heißt es vonseiten der Industriellenvereinigung. Welche Szenarien sich in der heimischen Industrie abspielen würden, wenn plötzlich für mehrere Tage der Strom ausfällt, hängt stark von der jeweiligen Branche ab. Die Fragen: Wie stromintensiv ist die Produktion? Gibt es Eigenversorgungsquellen? Wie flexibel sind maschinelle Prozesse im Hoch- und Herunterfahren? Fest steht, der volkswirtschaftliche Schaden wäre enorm: Gemäß Johannes-Kepler-Universität Linz kostet ein Tag ohne Strom die österreichische Volkswirtschaft rund eine Milliarde Euro, berichtet die IV, die seit Jahren vehement Maßnahmen einfordert. „Durch vermehrte Einspeisung volatiler erneuerbarer Energien ohne entsprechenden Netzausbau ist unser Stromsystem bereits jetzt am Limit.“ Weil die stark schwankende Stromproduktion der Erneuerbaren wächst, muss der Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) nahezu täglich stabilisierend eingreifen. Daher der dringende Appell der IV: Die Versorgungssicherheit muss bei sämtlichen energie- und klimapolitischen Überlegungen konsequent und umfassend mitgedacht werden. Konkret braucht es wesentlich mehr Flexibilität im Stromsystem. Das heißt insbesondere bedarfsgerechten, raschen Netzausbau, ausreichend rotierende Massen und Speicher. Dies bedingt wiederum deutlich raschere Genehmigungsverfahren. Die IV führt das Beispiel Salzburgleitung an, das über acht Jahre durch drei juristische Instanzen ging.


Zeitweilig Selbstversorger
„Ohne elektrischen Strom würde die heutige Welt nicht funktionieren. Umso wichtiger ist es, die Sicherheit von dauerhaftem Strom zu gewährleisten“, sagt Peter Loidolt, CSO von Sapotec, einem Spezialisten im Bereich Sicherheitsstromversorgung. „Wir gehen davon aus, dass Energieversorgungsunternehmen alles unternehmen, damit wir nicht im Dunkeln stehen. Sollte doch einmal das Licht ausgehen, muss man grundsätzlich von zwei Szenarien ausgehen: einem kurzen Stromausfall bis 60 Minuten, der in der Regel durch eine unterbrechungsfreie Stromversorgungsanlage (USV-Anlage) abgefedert wird, oder einen längeren Stromausfall, bei dem mit einem Netz-Ersatz- bzw. Notstromaggregat Abhilfe geschaffen werden kann.“ In allen Bereichen bietet Sapotec Lösungen. „Die besten Systeme nützen nichts, wenn rundherum nichts funktioniert. Insbesondere die Treibstoffversorgung, um etwa die Aggregate länger betreiben zu können“, gibt Loidolt zu bedenken. Er ist überzeugt, dass es in Zukunft vermehrt zu Stromausfällen kommen wird. „Wobei wir hier die Meinung der Energieversorger teilen, dass diese Unterbrechungen maximal eine halben bis ganzen Tag dauern werden.“ Ein Szenario, wie Marc Elsbergs Bestseller „Blackout“, in dem der Strom für mehrere Tage wegbleibt, scheint eher unwahrscheinlich.

von Christian Scherl

Die Presse

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