COP26 – Soziale Treiber machen 1,5-Grad-Ziel unplausibel

15. Oktober 2021, Wien/Hamburg/Glasgow
Ist eine weltweite tiefe Dekarbonisierung bis 2050
 - Salzburg, APA

Ab 31. Oktober soll bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow all das realisiert werden, worauf sich die Staatengemeinschaft vor zwei Jahren in Madrid bei der COP25 nicht einigen konnte. Es herrscht Aufholbedarf, denn in Spanien gelang Einiges nicht: Weder der Wunsch der Entwicklungsländer und Inselstaaten auf einen internationalen Fonds zur Bewältigung realisierter Klimaschäden erfüllte sich, wie auch die Ausgestaltung von Artikel 6 des Pariser Klimavertrags erneut scheiterte.

Selbst wenn das Ziel der Vereinten Nationen, die Erderhitzung bei 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, technisch und ökonomisch noch möglich erscheint, so ist das Ziel dennoch gesellschaftlich unplausibel. Zu diesem Ergebnis ist heuer im Juni eine Studie des Forschungsclusters Climate, Climatic Change and Society (CLICCS) der Universität Hamburg gekommen. Die Forscherinnen und Forscher haben untersucht, ob die sozialen Treiber ausreichen, bis 2050 die Dekarbonisierung zu schaffen

Einige der Triebkräfte – nämlich etwa die Klimapolitik der Vereinten Nationen oder transnationale Initiativen – würden die Dekarbonisierung zwar unterstützen, „aber ohne ausreichende Dynamik, um eine tiefe Dekarbonisierung bis 2050 voranzutreiben“. Darüber hinaus stünden zwei weitere Triebkräfte – Konsummuster und Unternehmensreaktionen – der Dekarbonisierung derzeit noch entgegen.

„Daher stellen wir fest, dass eine weltweite tiefe Dekarbonisierung bis 2050 nicht plausibel ist, wenn die Rahmenbedingungen diese Treiber in den kommenden Jahren nicht radikal ankurbeln“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. „Das Ergebnis impliziert, dass, selbst wenn technisch-ökonomische Optionen für die Dekarbonisierung theoretisch verfügbar sind, das Erreichen einer tiefen Dekarbonisierung bis 2050 eine gesellschaftliche Herausforderung darstellt, die möglicherweise viel größer ist als von vielen angenommen.“ Mit tiefer Dekarbonisierung meinen die Wissenschafter eine Netto-Null-Bilanz der Kohlendioxidemissionen, bei der sich die Mengen an emittiertem und absorbiertem Kohlendioxid aufheben.

Forscher zeichnen düsteres Bild mit Lichtblicken

Da das Klima zudem stärker auf die Treibhausgase reagiert als bisher angenommen und es Stand heute unwahrscheinlich ist, dass die Menschheit den CO2-Ausstoß in diesem Jahrhundert auf niedrigem Niveau hält, kommen die Autoren in ihrem Ausblick zu folgendem Schluss: „In Kombination mit dem kürzlich identifizierten, engeren Bereich der Klimasensitivität deutet dies darauf hin, dass eine Begrenzung der globalen Oberflächenerwärmung unter etwa 1,7 Grad bis 2100 derzeit nicht plausibel ist.“ Andererseits sei es auch unplausibel, dass sich die Erde bis Ende Jahrhunderts um mehr als 4,9 Grad erwärmt.

Die Forscher zeichnen jedoch nicht nur ein düsteres Bild. Denn sechs der insgesamt zehn bewerteten sozialen Treiber würden zumindest in die richtige Richtung zeigen und hätten damit Potenzial, die gesellschaftlichen Normen zu verändern. Zumindest eine teilweise Dekarbonisierung bis Mitte der Jahrhunderts sei deshalb plausibel.

Als einen der zehn sozialen Treiber identifizierte das Forscherteam um den Ozeanografen und Klimawissenschafter Detlef Stammer übrigens auch den professionellen Journalismus. Soziale Medien wurden bewusst beiseitegelassen, da Zeitungen, Radio, Fernsehen und deren Online-Auftritte für viele Menschen nach wie vor die Hauptquelle für Informationen über den Klimawandel seien. Zwar sei der Effekt einzelner Artikel begrenzt, die kumulative Wirkung von Nachrichten über längere Zeit habe aber großes Potenzial bei der Dekarbonisierung. Der Klimawandel habe zwischen 2006 und 2009 viel mediale Aufmerksamkeit erhalten, diese sei dann jedoch wieder gesunken – bis es 2018 und 2019 zu extrem heißen und trockenen Sommern kam und weltweit junge Menschen angeführt von der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg auf die Straße gingen.

Da das zukünftige Auftreten von Dürren und anderer klimabedingter Katastrophen fast sicher sei, sei auch eine anhaltende Medienaufmerksamkeit für den Klimawandel garantiert. Abseits der von Klimaschäden, Protesten oder Klimakonferenzen getriebenen Berichterstattung sei das Level der Medienberichterstattung bei nur einem Prozent aller publizierten Artikel über die Jahre unverändert geblieben. Außerdem habe die Ausgewogenheitsnorm im Journalismus lange Zeit als Eintrittspforte für die Leugnung des Klimawandeln gedient.

Mehr zum COP26: Vier Jahrzehnte der Auseinandersetzung mit der Erderwärmung

APA

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