Energiekunden droht neuer Schock

27. Dezember 2021


Die Strompreise sind im vergangenen Jahr um gut 18 Prozent geklettert, die für Gas sogar um fast 50 Prozent – und die nächsten Erhöhungen sind angekündigt.

Die Turbulenzen an den weltweiten Energiemärkten treiben die jährlichen Kosten für private Energieverbraucher um mehrere Hundert Euro nach oben. 2021 sind die Preise für Strom, Gas und Heizöl so stark gestiegen wie noch nie – und zum Jahreswechsel müssen Millionen Kunden weitere Preiserhöhungen akzeptieren.


Seit Jahresbeginn ist der durchschnittliche Verbraucherpreis für Strom um 18,4 Prozent gestiegen. Musste ein Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden (KWh) zu Jahresbeginn noch 1171 Euro bezahlen, sind es im Dezember 1386 Euro. Damit hat sich Strom für solch einen repräsentativen Haushalt um 215 Euro pro Jahr verteuert.


Das ergibt eine Auswertung des Verbraucherportals Verivox für das Handelsblatt. Und zum Jahreswechsel wird es noch teurer. Für Januar und Februar 2022 haben schon 280 der rund 800 regionalen Stromversorger in Deutschland Stromerhöhungen von im Schnitt 7,6 Prozent angekündigt. Das bedeutet für den repräsentativen Haushalt Mehrkosten von rund 98 Euro pro Jahr.


Bei Gas sieht es nicht besser aus: Aktuell liegen die jährlichen Kosten eines repräsentativen Haushalts mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden bei durchschnittlich 1704 Euro pro Jahr. Zu Jahresbeginn waren es noch 1162 Euro. Der Haushalt muss damit 46,6 Prozent mehr bezahlen beziehungsweise 542 Euro.
Und für Januar und Februar haben bisher 515 der rund 700 Gasversorger Preiserhöhungen angekündigt – von durchschnittlich 23,1 Prozent. Auf den repräsentativen Haushalt kommen damit Mehrkosten von rund 339 Euro pro Jahr zu. In den bisher von Gaspreiserhöhungen betroffenen Gebieten liegen knapp 32 Millionen Haushalte.
„Die Energiepreisexplosion ist ein Schock für viele Haushalte“, hält Energieexperte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen fest. Und eine Entspannung sei nicht in Sicht. „Das bereitet große Sorgen“, sagt Sieverding.


Eigentlich sah es bei Strom nach einer Entlastung aus
Die Verbraucher leiden unter den sprunghaft gestiegenen Notierungen an den Großhandelsmärkten. Allein bei Strom hatte sich am Terminmarkt eine Megawattstunde (MWh), die im kommenden Jahr geliefert werden soll, im laufenden Jahr von 51 Euro auf 252 Euro verteuert. Der Preis hat sich also fast verfünffacht. Im langjährigen Mittel kostete eine MWh zwischen 35 und 55 Euro.


Die Gründe für die Preisrally sind vielfältig: Der kalte Winter im vergangenen Jahr, ein schlechter Ertrag bei der Windenergie, steigende Preise für Kohle, Öl und Gas durch die anziehende Weltwirtschaft, die auch den Strompreis getrieben haben – und eine Nervosität an den Märkten wegen der Spannungen zwischen dem Gasexporteur Russland und der Ukraine.


Bei den Stromkunden schlägt die Entwicklung zwar etwas abgeschwächt durch. Die Großhandelspreise machten zuletzt nur rund ein Sechstel der Stromrechnung aus. Der Rest entfiel auf Steuern, Umlagen, Netzentgelte und die Vertriebsmarge. Der Anteil dürfte sich aber jetzt deutlich erhöht haben. Außerdem haben viele Verbraucher länger laufende Verträge mit fest vereinbarten Konditionen. Auf sie wartet erst bei der nächsten Preisanpassung die unangenehme Überraschung.


Im Jahresverlauf haben 169 regionale Stromversorger die Preise erhöht. 143 Versorger haben zwar auch Preise gesenkt, aber nur moderat – die kräftigen Preissteigerungen konnte das nicht dämpfen. Verivox wertet die Preisentwicklung bei den rund 800 Regional- und Kommunalversorgern aus, sowie bei den 30 größten überregionalen Anbietern.
Zum Jahreswechsel hätte es eigentlich einen Spielraum für kräftige Preissenkungen gegeben. Die EEG-Umlage, mit der die Verbraucher den Ausbau der erneuerbaren Energien mit finanzieren, sinkt erstmals deutlich: Von 6,5 Cent auf 3,7 Cent pro Kilowattstunde (KWh). Rechnerisch könnte das einen Drei-Personen-Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 KWh um 133 Euro entlasten.


Gleichzeitig steigen aber die Netzgebühren für Strom im kommenden Jahr im bundesweiten Durchschnitt um vier Prozent an und erreichen ein neues Rekordniveau. Zudem sind eben die Großhandelspreise sprunghaft gestiegen.
„Die dringend notwendige Entlastung bei den Stromkosten lässt weiter auf sich warten. Trotz der Deckelung der EEG-Umlage wird sich Strom zum Jahreswechsel im Durchschnitt weiter verteuern“, sagt Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox.


Bei Gas waren die Entwicklungen im Großhandel nicht weniger dramatisch. Die Einfuhrpreise für Erdgas, die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle gemessen werden, haben sich seit Jahresbeginn verdreifacht.
An den Spotmärkten, wo Gas kurzfristig gehandelt wird, haben sich die Preise für Erdgas im Jahresverlauf sogar mehr als versiebenfacht. Aktuell steht der Preis für eine Megawattstunde bei rund 148 Euro. Zum Vergleich: Im langjährigen Mittel bewegte sich der Preis je Megawattstunde zwischen zehn und 25 Euro.


Verbraucherschützer raten zum Energiesparen
Zwischen Januar und Dezember haben 516 Gasgrundversorger ihre Preise angehoben – und nur 16 Grundversorger zwischenzeitlich gesenkt. „Im kommenden Jahr werden weitere preistreibende Effekte wirksam“, sagt Verivox-Experte Storck: Neben den höheren Großhandelspreisen steigt auch der CO2 – Preis für fossile Brennstoffe zum Jahreswechsel von 25 auf 30 Euro pro Tonne. Darüber hinaus werden höhere Netzgebühren fällig. Das zwinge fast alle Gasversorger dazu, ihre Preise teilweise kräftig nach oben anzupassen, erklärt Storck.


Mit dem Wiederanfahren der Weltwirtschaft nach dem ersten Coronaschock zogen im Jahresverlauf auch die Preise für Heizöl wieder an. Im Januar hatten 100 Liter Heizöl im Durchschnitt noch rund 49 Euro netto gekostet. Bis Dezember sind die Kosten auf rund 69 Euro geklettert. Das entspricht einem Plus von rund 41 Prozent.

„Die Heizölpreise folgen im Wesentlichen der Entwicklung der internationalen Rohölpreise. Im Zuge der Coronapandemie waren diese auf ein historisches Tief gefallen. Aktuell stehen die Heizölpreise höher als vor der Krise“, sagt Storck. „Durch den steigenden CO2 – Preis werden die Heizölpreise voraussichtlich im kommenden Jahr noch weiter steigen.“


Angesichts der hohen Energiepreise würden „Energiesparen und Investitionen in Energieeffizienz“ wichtig, sagt Verbraucherschützer Sieverding: „Hier ist viel möglich, auch geringinvestiv oder in Eigenleistung.“ Und die Kunden sollten nach Sieverdings Worten ihre Strom- und Gasverträge überprüfen: „Es geht um viel Geld, daher sollten Verbraucher sich mehr Zeit als üblich nehmen, um Tarife und Tarifbedingungen sorgfältig zu vergleichen.“

Handelsblatt

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