Energie gemeinsam nutzen – klappt das?

24. Jänner 2022

Gemeinden, Betriebe und Bürger sollen beim Ausbau der Ökoenergie eine tragende Rolle spielen. Doch Strom zu produzieren ist gar nicht so einfach.


Energiegemeinschaften gelten als Motor für die Umrüstung Österreichs auf 100 Prozent Ökostrom. Die Idee: Vom Blasmusikverein über Firmen und Gemeinden bis zu Haushalten erzeugen und verbrauchen alle gemeinsam Strom mit Photovoltaikanlagen oder kleinen Wasser- oder Biomassekraftwerken. Wer weiß, wann und woher der Strom kommt, geht anders damit um. Und spart dabei Geld, weil weniger Netzgebühren und keine Energieabgaben anfallen. Knapp 80 Energiegemeinschaften haben sich in Österreich zusammengefunden, seit im Sommer die gesetzliche Basis dafür geschaffen wurde bzw. im November die notwendigen Regeln für die Netztarife. Eine Handvoll davon rechnet schon Strom ab.


Österreich ist europaweit Vorreiter für die neue Art der Stromproduzenten, die erstmals Strom über Grundstücks- und Ortsgrenzen handeln können. Blaupausen gibt es noch nicht. „Wir sehen halt doch, dass es die eine oder andere Hürde gibt“, sagt Eva Dvorak, die beim Klima- und Energiefonds eine eigens eingerichtete Koordinierungsstelle für Energiegemeinschaften leitet.


Für die Netzbetreiber sei es eine ganz neue Rolle. Sie müssten plötzlich mit Kunden kommunizieren und auf Anfragen rasch reagieren. Dvorak hofft, dass mit den Erfahrungen der Pioniere, mit Organisationsformen, Abrechnungsvarianten oder Verbrauchsmustern die Umsetzung für die vielen, die sich ebenfalls interessieren, leichter wird.
„Es gibt sehr viele Anfragen“, bestätigt Markus Schwarz, in der landeseigenen Anlaufstelle des Salzburger Instituts für Raumordnung & Wohnen (SIR) zuständig für Energiegemeinschaften. 40 der 140 Salzburger Kommunen hätten Interesse signalisiert und viele grundsätzliche Fragen. „Das eine Rezept haben wir noch nicht“, sagt Schwarz.
Eines der Leuchtturmprojekte entsteht in Thalgau. Die in Sachen Klima engagierte Gemeinde will die PV-Anlagen auf ihren Gebäuden einbringen und weitere dazuholen. 30 interessierte meldeten Haushalte sich. Start soll im Juli sein.
Noch weiter ist die Druckerei Roser in Hallwang, eine der modernsten und nachhaltigsten der Branche, nicht nur in Österreich. Er habe sich zum Ziel gesetzt „die erste private Energiegemeinschaft“ zu initiieren, sagt Geschäftsführer Peter Buchegger. Schon vor dem Gesetzesbeschluss habe er mit der Arbeit begonnen und im Sommer einen Vertrag mit der Salzburg AG geschlossen. Energieversorger sind zwar so wie Großunternehmen von Energiegemeinschaften ausgeschlossen, sie dürfen aber Dienstleistungen anbieten oder das Management übernehmen. So können sie einen Teil des Geschäfts retten, das sie verlieren, wenn immer mehr Kunden selbst Strom produzieren oder vom Nachbarn beziehen.


Fünf Interessenten sind an Bord, die Samstag und Sonntag Sonnenstrom von der Druckerei abnehmen wollen. Von Montag bis Freitag wird jede Kilowattstunde selbst verwendet und noch mehr gebraucht. Daher laufen Verhandlungen mit Unternehmen und Privaten in der Umgebung für weitere PV-Anlagen. Die technischen Voraussetzungen wie Smart Meter seien gegeben und die Vereinsgründung fast erledigt, sagt Buchegger. Aber der Teufel steckt oft im Detail. Starten wolle man „so schnell wie möglich“.


Der finanzielle Aspekt spielt eine untergeordnete Rolle. Natürlich brauche es wirtschaftliche Anreize, „aber Energiegemeinschaften sind nicht dazu da, den großen Reibach zu machen“, sagt Schwarz. Ein durchschnittlicher Haushalt könne sich 50 Euro im Jahr ersparen, Großverbraucher mehr. Angesichts der hohen Strompreise steige aber das Interesse.


So sieht es auch der Energietechniker Andreas Schneemann. Er entwickelt mit seiner Firma Energiekompass seit Jahren innovative Lösungen vor allem für Kommunen und schmiedet nun mit fünf Gemeinden im Südburgenland – darunter der Thermenort Stegersbach – die erste regionale erneuerbare Energiegemeinschaft. „Einsparungen sind wesentlich, aber es entstehen ein Community-Gedanke und ein sozialgemeinschaftliches Gefüge in der Region. Das ist eine Triebfeder.“ Die Rechnung mit den Energiegemeinschaften werde aufgehen, „aber man muss die Idee weiterentwickeln. Es ist ein Infrastrukturprojekt“, sagt Schneemann.

von MONIKA Graf

Salzburger Nachrichten

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