Die Sorge um russisches Gas

11. Feber 2022, Wien

Gas. Angesichts der Ukraine-Krise steht auch ein Aus von Nord Stream 2 als Sanktion gegen Russland zur Debatte. Was würde die Maßnahme für Europa bedeuten?

Für US-Präsident Joe Biden ist die Sache klar: Komme es zu einer russischen Invasion in der Ukraine, werde es die Pipeline Nord Stream 2 nicht geben, sagte er am Montag. Die mögliche Sanktion soll Russland wehtun. Aber welche wirtschaftliche Bedeutung hat die politisch umstrittene Gasleitung, die von Ust-Luga am finnischen Meerbusen bis zum deutschen Greifswald am Grund der Ostsee verläuft, für Europa?

1 Braucht Europa Nord Stream 2, um seinen Gasbedarf in Zukunft decken zu können?

Die Frage bei Nord Stream 2 ist nicht, ob die Ostsee-Pipeline abgedreht wird, sondern ob sie überhaupt in Betrieb genommen wird. Also nein, Europa ist auf die Gasleitung nicht angewiesen. Die Kapazitäten haben bisher ausgereicht, um genügend Gas aus Russland zu importieren. Und sie werden es noch auf absehbare Zeit tun.

Voraussetzung ist allerdings, dass die bestehenden Kapazitäten genutzt werden. Derzeit ist das nicht der Fall. Die Erdgasleitung Jamal, die den Rohstoff aus dem Norden Russlands via Belarus und Polen nach Europa bringt, liefert kaum Gas. Auch via Ukraine kommt derzeit weniger Gas nach Europa als sonst. Nur durch Turkstream und Nord Stream 1 flossen zuletzt ähnliche Mengen an russischem Gas wie 2021.

Europa und die USA werfen Moskau jedenfalls vor, die Gaslieferungen absichtlich zu verknappen, auch um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 zu erreichen. Russland wolle erreichen, dass die Ukraine als Transitland für Europa energiepolitisch weniger bedeutsam wird.

Laut Richard Grieveson vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) geht es in der Frage um Nord Stream 2 jedenfalls weniger darum, wie viel Gas nach Europa kommt, sondern auf welchem Weg. Trotzdem könne ein Aus der umstrittenen Pipeline die ohnehin bereits hohen Gaspreise weiter nach oben treiben, so der Ökonom. Die Sanktion könnte auf dem Markt für Unsicherheit mit Blick auf die Gasversorgung in der Zukunft sorgen. Möglich, dass Unternehmen bereit sind, noch einmal höhere Preise für Gaslieferungen in der Zukunft zu bezahlen.

2 Was passiert, wenn Russland als Reaktion den Gashahn ganz zudreht?

Österreich bezieht rund 80 Prozent seiner Gaslieferungen aus Russland. Europaweit kamen 2020 rund 44 Prozent der Gasimporte aus Russland. Auch deshalb, weil die Transportkosten hoch sind und die Staaten stark von der bestehenden Pipeline-Infrastruktur abhängen. Amerikanisches Flüssiggas etwa ist dreimal teurer als russisches Gas und keine dauerhafte Alternative. Der Import lohnt sich nur bei dauerhaft hohen Preisen für russisches Gas. Kurzum: Europa ist stark abhängig von russischen Gasimporten und ein Lieferstopp würde laut einer neuen Studie des WIIW in Europa zu einer Verteuerung von Energie und noch höherer Inflation führen.

Aber: Russland ist ähnlich stark auf Europa angewiesen wie umgekehrt. Im Zuge der Krim-Krise etwa gab es Sanktionen, Russland hat aber trotzdem Gas geliefert, sagt Wifo-Ökonom Josef Baumgartner. Moskau brauchte die Einnahmen aus dem Europa-Geschäft. Heute fragt China zwar mehr russisches Gas nach als damals. Trotzdem würde Russland nicht nur den Europäern wehtun, wenn es seine Gasexporte als Reaktion auf ein mögliches Aus von Nord Stream 2 deutlich herunterfahren sollte — sondern auch der eigenen Wirtschaft schaden. Das WIIW nennt einen Importstopp — oder, je nach Perspektive, Exportstopp — für russische Energieträger jedenfalls die „nuklearste“ aller Sanktionen; und hält sie deshalb für höchst unwahrscheinlich.

3 Wie lang reichen Österreichs Gasvorräte, sollte es zu einem Lieferstopp kommen?

Auf österreichischem Boden gibt es Lagerkapazitäten für ein ganzes Jahr. Die Lager sind derzeit zu einem Viertel gefüllt. Für die unmittelbare Versorgung in den nächsten Monaten würde das reichen, sagt Baumgartner. Kritisch könnte es werden, wenn nicht nur russische Gaslieferungen gestoppt würden, sondern der Winter auch noch eine Kältewelle bringe. Schlimmstenfalls würden dann die Haushalte prioritär mit Heizenergie versorgt und nicht die Industrie.

Allerdings, betont Baumgartner, gehören die Gasspeicher auf österreichischem Boden nicht der Republik Österreich — sondern zu einem großen Teil der russischen Gazprom, für die Versorgung anderer EU-Länder. Im äußersten Notfall müsste man die Speicher verstaatlichen, will man mit dem in Österreich lagernden Gas die heimische Versorgung sichern.

4 Was würde ein Aus der Pipeline für die OMV bedeuten?

Der teilstaatliche Ölkonzern OMV ist einer von fünf Finanzierungspartnern der Pipeline und hat rund 729 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Was ein Aus bedeuten würde, wollte man nicht näher kommentieren.

von Aloysius Widmann

Die Presse

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