Deutschland schlecht auf Blackout vorbereitet

16. Feber 2022, Berlin
Deutsche Versicherer fürchten Blackout
 - Burbank, APA/AFP Symbolbild

In Deutschland mangelt es nach Einschätzung des Versicherungsverbands GDV an Vorsorge für längere Stromausfälle mit potenziell katastrophalen Folgen. „Leider sind wir in Deutschland auf die Folgen eines flächendeckenden Stromausfalls nicht ausreichend vorbereitet“, sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Das gehe aus einer Befragung von Katastrophenschützern und Krisenmanagern hervor.

Für einen auf der GDV-Webseite erschienenen Beitrag befragte der Verband mehrere Katastrophenschützer und Krisenmanager. Albrecht Broemme, der frühere Präsident des Technischen Hilfswerks, hält demnach Hackerangriffe für die größte Gefahr. Auch Anschläge oder Extremwettereignisse könnten an neuralgischen Punkten die Netzstabilität in ganz Europa gefährden. „Die Sensibilität für die Folgen eines Blackouts ist in keiner gesellschaftlichen Gruppe vorhanden“, wird Broemme vom GDV zitiert. „Auf einen Blackout ist Deutschland überhaupt nicht vorbereitet.“

Ein Blackout gehöre „zu den größten Risiken für unser Land“, sagt laut GDV auch Wolfram Geier, Abteilungsleiter für Risikomanagement und Internationale Angelegenheiten im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Passend zu den Warnungen gab die Deutsche Telekom am Mittwoch bekannt, dass sie gemeinsam mit Hitachi Energy und dem Sicherheits- und Wachdienst Securitas Schutz für Energieversorger anbieten will.

Die drei Unternehmen kombinieren IT-Sicherheit mit althergebrachtem Werk- und Anlagenschutz in Form von Wachleuten und Alarmanlagen. Schließlich könnten Kriminelle oder Terroristen Kraftwerke, Leitungen und andere Einrichtungen auch altmodisch mit Waffen angreifen.

„Ein erfolgreicher, präziser Angriff auf diesen Bereich der kritischen Infrastruktur würde das Leben, wie wir es kennen, lahmlegen“, erklärte Thomas Fetten, Chef der Telekom Security. „Deswegen bündeln wir unsere Expertise im Kampf gegen physische Angriffe wie gegen Attacken aus dem virtuellen Raum.“

Große Besorgnis in der Energiebranche hatte im Mai vergangenen Jahres eine Cyberattacke auf die Colonial Pipeline ausgelöst, die größte Benzinleitung der USA. Die Angreifer wurden vom FBI der in Russland vermuteten Hackergruppe Darkside zugeordnet. Sie legten die Pipeline für fünf Tage lahm und erpressten mehrere Millionen Dollar.

Unabhängig von möglichen kriminellen oder terroristischen Attacken gibt es die Befürchtung, dass die Stabilität des Stromnetzes in Deutschland und Nachbarländern unter der Energiewende leiden könnten.

Ende dieses Jahres sollen die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Gravierende Stromausfälle hat es in Deutschland bis jetzt nicht gegeben, aber die Zahl der Eingriffe der Netzbetreiber zur Stabilisierung des Stromnetzes ist deutlich höher als vor Beginn der Energiewende.

Denn die Stromerzeugung in Deutschland wird mit steigendem Anteil wetterabhängiger Sonnen- und Windenergie schwankungsanfälliger und weniger planbar. Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch. Dies gilt insbesondere für Süddeutschland, wo der Strombedarf wegen der vielen Industrieunternehmen besonders hoch ist. Der geplante Bau zweier Stromtrassen aus Nord- und Ostdeutschland in den Süden liegt – nach dem Muster anderer Großprojekte in Deutschland – hinter dem Zeitplan.

Eine Umfrage des Onlineportals Verivox aus dem September deutet darauf hin, dass der Gedanke an einen längeren Stromausfall für die Mehrheit der Bevölkerung bislang tatsächlich keine Rolle spielt. 65 Prozent der Befragten gaben demnach an, sich noch nie mit dem Thema befasst zu haben. Doch auch von den übrigen 35 Prozent sah demnach knapp die Hälfte keinen Anlass für persönliche Vorbereitungen. Ein Beispiel wäre ein Vorrat von Kerzen, Lebensmitteln und Bargeld.

Was die finanziellen Schäden eines großen Blackouts betrifft, gibt es für Bürger und Unternehmen gleichermaßen nur begrenzte Möglichkeiten, sich vorbeugend zu schützen. „Manche Folgen eines Stromausfalls lassen sich mithilfe einer Versicherung auffangen, aber nicht alle“, warnt GDV-Hauptgeschäftsführer Asmussen. Wie bei der Pandemie wären die Schäden katastrophaler Blackouts nach GDV-Einschätzung zu hoch, als dass die Versicherungsbranche diese allein auffangen könnte. „Versicherbar sind vor allem Sachschäden wie verdorbene Ware oder die Folgen von Wassereinbrüchen oder Bränden“, sagt Asmussen.

APA/dpa

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