Experte warnt vor schleppender Vorbereitung auf Blackout

23. Feber 2022, Wien
Blackout kommt unvermutet
 - Salzburg, APA/THEMENBILD

Der Umgang mit dem Katastrophenszenario „Blackout“ – also einem längerfristigen ungeplanten großflächigen Stromausfall – beschäftigt Forscher, Techniker und Politiker seit Jahrzehnten. Die Vorsorge für diesen Ernstfall sei aber unzureichend, „weil es nicht leicht fällt, Zeit, Geld und Ressourcen in etwas zu investieren, von dem man nicht weiß, wann und ob es überhaupt je passieren wird“, analysierte der Psychologe John Haas den Status quo bei einem Pressegespräch am Dienstag.

„Österreich ist gar nicht gut auf ein mögliches Blackout vorbereitet“, warnte Haas. Laut einer kürzlich von der Universität Wien durchgeführten Studie sei nur ein Drittel der heimischen Bevölkerung im Ernstfall ausreichend mit Lebensmitteln, Medikamenten und Wasser versorgt. Einerseits, weil das Bewusstsein für die Folgen eines Blackouts fehle: „Man fragt sich als Sechsjähriger, wie der Strom aus der Steckdose kommt, dann noch einmal in der Schule und dann, wenn das Blackout schon da ist“. Andererseits, weil der Österreicher sich stark auf die Instanz des Staates verlasse: „Es wird erwartet, dass Regierung und Blaulichtorganisationen sofort zu Hilfe eilen, das ist aber aus logistischen Gründen gar nicht möglich“, sagte Haas.

Dazu komme die Ungewissheit des Zeitpunktes eines Blackouts, die dazu verleitet, Vorbereitungen hinauszuzögern: „Es ist kein Event, das im Kalender steht, aber: Ein Blackout wird immer wahrscheinlicher und folgenschwerer“, sagte der Experte und begründete das mit der stetig wachsenden technischen Komplexität, die in unseren Alltag Einzug gehalten hat. „Netzstrom wird für nahezu alles benötigt, ist eine Universalie für Fortschritt und Überleben, wird von uns aber als selbstverständlich und als jederzeit vorhanden hingenommen.“ Dabei seien die Gefahren, die ein Blackout auslösen könnten, vielfältig: vom Cyberangriff, über einen Zusammenbruch des Netzes wegen zu hohen Stromverbrauchs, bis zu Unwettern sei alles denkbar. „Am wahrscheinlichsten ist aber ein multisystemisches Versagen“, also eine Kombination mehrerer Faktoren, meinte Haas.

Ein Blackout könne übrigens grundsätzlich nur schwer verhindert werden, meinte der Experte, der zu darauf hinwies, dass Österreich alleine im Jahr 2021 drei Mal knapp daran vorbei schlitterte: „Man kann nur die Wahrscheinlichkeit eines solchen Events verringern und nach dem Eintrittsfall die Folgen eines Blackouts minimieren“, sagte Haas. Dabei helfen würden flächendeckende Informationskampagnen für die Bevölkerung, infrastrukturelle Maßnahmen der Netzbetreiber und Krisenpläne seitens der Regierung. „Es braucht die Infos für den Krisenfall vorab. Besonders auch für vulnerable Gruppen ist eine klare Gesundheitskommunikation notwendig“.

Neben Vorbereitungen auf dem Gesundheitssektor, der auch ohne Strom etwa Spitäler am Laufen halten muss, sei es jedenfalls wichtig, in der breiten Bevölkerung ein Bewusstsein für solch einen Ernstfall zu schaffen: Wie man damit umgeht, wenn frisches Trinkwasser, Fortbewegungsmöglichkeiten, Medikamentenkühlung, Lebensmittel nicht wie gewohnt vorhanden sind und Abfallbeseitigung und Kommunikation nicht wie üblich funktionieren. „Kurzfristig stehen die Menschen dann unter Schock, fühlen sich ängstlich“, sollte ein Blackout nur kurz dauern, dann könnte es aber auch als „künstlich geschaffene Auszeit“ wahrgenommen werden. Erst ein längerfristiger Stromausfall würde zu Aggression führen – „die meisten Leute verhielten sich aber auch weiterhin kooperativ“, hätten vergangene Vorfälle dieser Art gezeigt, sagte Haas.

Panik vor einem Blackout sollte übrigens zu keiner Zeit geschürt werden, meinte Haas, der zwar zu Taten, aber gleichzeitig auch zu Gelassenheit aufrief: „Die Bevölkerung soll wissen, das Thema gibt es, sie muss sachlich und angstfrei informiert werden, es soll aber nicht der Eindruck entstehen, ein Damokles-Schwert schwebt über uns.“

APA

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