Experte: Österreich sollte Erdgasbezug breiter streuen

4. März 2022, Wien
Erdgasempfangstation
 - Lubmin, APA/dpa

Nach Ansicht des Energieexperten Walter Boltz hat es Österreich in der Vergangenheit verabsäumt, seine Gasbezugsquellen breiter zu streuen. „In der Politik hat sich niemand des Themas so wirklich angenommen“, sagte der frühere E-Control-Vorstand am Freitag im ORF-Radio. Die Politik hätte natürlich den Marktanteil eines dominanten Lieferanten beschränken können. Da wären auch EU-Vorgaben in der Lage gewesen, dass Österreich das hätte machen können, so Boltz.

Österreich ist zu 80 Prozent von russischem Erdgas abhängig, Deutschland zu 55 Prozent und die EU insgesamt zu 40 Prozent. Der wichtigste Grund für den hohen Anteil sei, dass Österreich in den 1960er-Jahren als erstes Land außerhalb der kommunistischen Wirtschaftsregion COMECON Gas gekauft habe. „Daher waren die Marktanteile immer sehr hoch“, wobei russisches Erdgas tendenziell auch immer etwas günstiger als anderes gewesen sei, so Boltz.

Dass Russland den Gashahn zudreht, erwartet Boltz nicht. Er rechne nicht damit, dass das länger geschehe. Allenfalls für einige Tage oder zwei Wochen halte er eine Unterbrechung für möglich, länger sei „nicht wahrscheinlich“. Auch andere Fachleute beruhigen dahingehend: Gazprom habe erklärt weiter zu liefern, und das sei auch aktuell so der Fall.

Auch über ein Gasbevorratungsgesetz hätte sich Österreich nach Meinung von Boltz früher den Kopf zerbrechen können. „Ich denke schon, dass wir säumig sind. Wir hätten das schon vor ein paar Jahren machen können.“ Die österreichische Gaswirtschaft habe solche Maßnahmen aber immer abgelehnt und die Regierung habe sich in den letzten 20 Jahren hier nie emanzipiert. Auch auf EU-Ebene habe sich Österreich immer gegen eine Regulierung der Gasspeicher ausgesprochen.

Jetzt plant Österreich ja ein Gasbevorratungsgesetz, das spätestens Anfang Oktober wirken soll. Es soll einen mindestens 80-prozentigen Füllstand für die heimischen Erdgasspeicher vorschreiben, orientieren soll sich das Gesetz an den besten ausländischen Beispielen. Zuletzt lag der Speicherstand bei knapp einem Fünftel, jedoch sind Winter und Heizperiode bald vorbei. Bereits seit Mitte Februar seien die Gasentnahmen deutlich zurückgegangen, der Inlandsverbrauch werde offenbar durch Importe gedeckt, so ein Fachmann. 2021 lag der Speicherstand gegen Ende der sommerlichen Einspeichersaison bei recht niedrigen 54 Prozent, weil wegen der schon hohen Preise das Gas lieber rasch verkauft als auf Vorrat gelegt wurde. Das 80-Prozent-Ziel sehen Experten als durchaus realistischen Wert, in früheren Jahren waren es manchmal sogar mehr.

Die Erdgasspeicher in Österreich werden laut Boltz faktisch maximal zu einem Viertel für Österreich verwendet, der Rest sei für die Unterstützung des Gashandels bzw. des Gastransits gedacht. Laut aktuellen Angaben eines anderen Experten aus der Gasbranche haben die Speicher auf österreichischem Gebiet insgesamt ein Fassungsvermögen von 8,8 Mrd. Kubikmetern, wobei davon 5,7 Mrd. m3 dem Marktgebiet Ost und 2,9 Mrd. m3 dem Marktgebiet Deutschland (Haidach, im wesentlichen Gazprom) zuzurechnen sind. Der heimische Erdgasverbrauch lag in den letzten Jahren bei ungefähr 8 Mrd. m3.

Dass Gazprom in Österreich soviel Speicherkapazität gebucht hat, liegt laut Boltz auch daran, dass es in der Vergangenheit bei entsprechenden Ausschreibungen für den an sich teuren Speicherausbau nur von dort Interesse gegeben habe: „Da kann jeder buchen, und wenn es genug Buchungen gibt, macht man den (Speicher-)Ausbau. Einzig Gazprom wollte damals kaufen.“ Vielleicht habe sie damit gegenüber ihren Kunden auch demonstrieren wollen, dass man hier viel Gas habe. Hätte die Gazprom nicht gebucht, gäbe es die Speicher teilweise vielleicht gar nicht, meinte der Ex-E-Control-Vorstand.

Dass 2021 so wenig Gas eingespeichert worden sei, sei „auffällig“. Er könne sich vorstellen, dass da in Russland „Gespräche geführt“ worden seien zwischen der Politik und dem staatlichen Gazprom-Konzern. Ähnlich wie bei uns hätten sich die Russen auch in Deutschland und den Niederlanden verhalten. „Da kann man annehmen, dass eine Strategie dahinterstand.“

Diese Ansicht hatte Boltz schon vor einer Woche nach dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine vertreten: „Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Gazprom ziemlich genau gewusst hat, was sich im Herbst und Winter tun wird – und absichtlich wenig Gas in die Speicher gelagert hat.“ Ähnlich damals Energieexperte Johannes Benigni von JBC Energy: „Vor Beginn dieser Heizsaison war in Österreich wesentlich weniger Gas gespeichert als in früheren Jahren. Das liegt unter anderem daran, dass die Speicher zweier russischer Firmen in Österreich nur zu etwas mehr als 50 Prozent befüllt wurden.“

Ein Ausstieg aus Gasheizungen ginge aus Sicht von Boltz in Österreich nur langfristig. „Wir sprechen hier über zwanzig Jahre plus“, meinte er am Freitag in der ORF-Wirtschaftsmagazin „Saldo“. Ein Ausstieg sei „sicher eine sinnvolle Maßnahme“, die Österreich aber nicht schon bis 2030, sondern wohl erst bis 2050 helfen könnte.

Für Haushaltskunden könnte sich die Gasrechnung für den nächsten Winter aus Sicht von Boltz mehr als verdoppeln – was den etwa 40-prozentigen Anteil betrifft, der auf die Energiekomponente entfällt (der Rest sind Netzkosten und Steuern). Insgesamt könnte es dann zwei- bis dreimal so teuer wie 2019 werden, meinte er. Für Betriebe sei die Preissituation noch viel dramatischer. Teils würden Unternehmen, die Gasgroßverbraucher sind, die Produktion kürzen, wenn sie die höheren Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben können. Haushalte und Stromproduktion würden in einer Krise bevorrangt weiter mit Gas beliefert, sehen die heimischen Regeln vor.

Die Energiewende mit noch mehr Erneuerbaren-Strom kann laut Boltz die Gasthematik nicht entschärfen. „Wir bräuchten für den Ersatz des Gases durch Erneuerbare zehnmal mehr Photovoltaik und Wind als wir in den letzten 15 bis 18 Jahren Ökostromgesetz geschafft haben.“ Um diesen Zahlen auch nur nahe zu kommen, sei „eine sehr lange Vorlaufzeit nötig“. Der Erneuerbaren-Ausbau werde sich zwar nun beschleunigen, eine Unabhängigkeit sei aber nicht so rasch erreichbar.

APA

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