Im Wasser schlummern Milliarden

22. März 2022, Wien

Erneuerbare Energien. Wasserstoff ist das große Thema beim Umstieg auf nachhaltige Energiequellen. Die Aktien profitieren vom Versuch des Westens, rasch die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl zu reduzieren.

Der Russland-Ukraine-Krieg sorgt weltweit für tiefrote Spuren an den Börsen. Aber nicht alle Aktien stürzen ab. Neben Rüstungsaktien zählen vor allem grüne Papiere zu den Gewinnern. Ganz vorn mit dabei sind Papiere von Unternehmen, die sich der Wasserstofftechnologie verschrieben haben. Die Kurse von Nel ASA, Plug Power, Power Cell und ITM Power haben im vergangenen Monat zweistellig zugelegt, obwohl es zwischendurch auch Korrekturen nach unten gab.
Die Suche der westlichen Welt nach alternativen Energiequellen, um sich aus der Abhängigkeit von russischem Gas und Öl zu befreien, hat das Augenmerk der Anleger auf Firmen gelenkt, die auf dem Gebiet erneuerbarer Energien aktiv sind. Neben Wind und Sonne ist das vor allem Wasserstoff.

Grüner und grauer Wasserstoff

Wobei Wasserstoff nicht gleich Wasserstoff ist: Bei der Elektrolyse, mit der Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird, benötigt man Strom. Kommt dieser aus erneuerbaren Quellen, ist der Wasserstoff „grün“. Werden fossile Brennstoffe eingesetzt, wird der Wasserstoff als „grau“ bezeichnet. Der Wasserstoff wird dann in Brennstoffzellen wieder zu Strom umgewandelt. Grüner Wasserstoff soll also nicht nur einen Beitrag zur künftigen Sicherung der Energieversorgung leisten, sondern auch die Reduktion von CO2 vorantreiben. Längerfristig könnte Wasserstoff 15 Prozent des globalen Energievolumens decken, heißt es in einer Studie der US-Großbank Goldman Sachs. Eine ähnliche Prognose kommt von der International Renewable Energy Agency.

Allein mit Erneuerbaren sei die „Nettonull“ nicht erreichbar, aber Wasserstoff sei vielfältig einsetzbar — vom Heizen über die Industrie bis zum Transport. „Wir brauchen etwas, was die heutige Rolle des Erdgases übernimmt, um saisonale Schwankungen und Unterbrechungen auszugleichen — und das ist Wasserstoff“, sagte Michele DellaVigna, Goldman-Spezialist für Rohstoffaktien, dem US-Sender CNBC. Die Technologie habe enormes Wachstumspotenzial. Laut Goldman Sachs soll der Markt von derzeit 125 Mrd. Dollar bis 2050 auf mehr als eine Billion Dollar wachsen. In dieselbe Kerbe schlagen Experten von Candriam, PGIM und Columbia Threadneedle, die von der Plattform efundreseaarch.com befragt wurden. Wasserstoff hat ihrer Meinung nach das Potenzial, die Kehrtwende in der Umweltpolitik voranzutreiben.

An diesem Milliardengeschäft können Anleger, die bei volatilen Kursverläufen nicht gleich die Nerven wegwerfen, partizipieren. Und zwar laut DellaVigna in zweierlei Weise: Man kauft Aktien von Elektrolyseur-Unternehmen, das sind jene Geräte, mit denen die Aufspaltung des Wassers erfolgt. Dazu zählen Nel ASA und ITM Power. Oder man investiert in Firmen, bei denen Wasserstoff einen Teil des Geschäfts ausmacht. Da steht der Industriegas-Spezialist Linde an vorderster Front. Zu den Brennstoffzellen-Spezialisten zählen wiederum Power Cell und Plug Power.
Einer der Pioniere ist Nel ASA. Die Norweger sind in der Herstellung, Speicherung und dem Vertrieb von grünem Wasserstoff tätig und bedienen Industrie-, Energie- und Gasunternehmen. Inzwischen produziert Nel ASA auch Elektrolyseure. Nel gilt als Marktführer in Europa und als am besten aufgestellt — obwohl im Vorjahr trotz Umsatzanstiegs ein Verlust von 1,66 Mrd. Kronen (168 Mio. Euro) anfiel. Ein ähnliches Bild gibt es bei der britischen ITM Power.

Hohe Rohstoffpreise belasten

Rote Zahlen schreiben viele Firmen — und das wird wohl noch einige Zeit so sein, denn der Weg, eine neue Technologie profitabel zu machen, ist hart und kostet Geld. Das erinnert frappant an die Dotcoms. Zudem machen den Firmen Lieferketten-Unterbrechungen und steigende Rohstoffpreise das Leben schwer. Auch die Konkurrenz nimmt zu, Newcomer versuchen, Fuß zu fassen, in Europa wie den USA. Zu den schon bekannten Brennstoffzellenherstellern (die Brennstoffzellen sollen herkömmliche Batterien ersetzen) in den USA zählt Plug Power. Die Produkte kommen in der Elektromobilität zum Einsatz. Bei einem im Vorjahr von 306 auf 502 Mio. Dollar gestiegenen Umsatz gab es nicht weniger als 460 Mio. Dollar Verlust. Allerdings lag das Minus 2020 mit knapp 600 Mio. deutlich höher. Der schwedische Konkurrent Power Cell macht auch Verluste, er hat aber Bosch als Partner und Großaktionär im Rücken.

Jetzt setzen alle Firmen darauf, dass die Nachfrage angesichts des kriegsbedingten rascheren Umdenkens in der Energiepolitik sprunghaft steigen könnte. Auch wenn die Börse immer eine Wette auf die Zukunft ist — zu einer allzu großen Euphorie sollte man sich dennoch nicht hinreißen lassen. Denn die Herstellung von grünem Wasserstoff kostet derzeit zwei- bis viermal so viel wie bei grauem Wasserstoff, heißt es in der Goldman-Sachs-Studie. Auch, weil besonders viel Energie notwendig ist.

Auf jeden Fall braucht man bei Wasserstoff-Aktien nicht nur gute Nerven, sondern auch einen langen Atem. Auf Fünfjahressicht steht bei Plug Power ein Plus von 2070 Prozent, bei ITM Power sind es sogar 2160 Prozent. Power Cell und Nel ASA bringen es immerhin auf 550 bzw. 610 Prozent.

Etablierte Firmen

Wer dennoch ein Investment in diese Aktien scheut, kann sich bei etablierten Unternehmen engagieren: So haben sich Air Liquide, Daimler Truck, Hyundai, Linde, OMV, Shell und Total Energies zur H2 Mobility zusammengeschlossen, dem weltweit größten Wasserstoff-Tankstellenbetreiber. Das Konsortium ist auch in Österreich aktiv, mit dem Ziel, dass bis 2030 auf den Straßen 2000 wasserstoffbetriebene Lkw rollen.

Die Presse

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