Gas-Poker – Schnellere Elektrifizierung nötig

1. April 2022, Wien/Kiew (Kyjiw)/Moskau

Der Druck Russlands auf Bezahlung der Gasrechnung und Rubel und die grundsätzliche Gefahr, dass Gaslieferungen ausbleiben könnten, macht aus Sicht von Fachleuten nicht nur einen rascheren Umstieg beim Gasbezug nötig, sondern auch eine beschleunigte Elektrifizierung des Energiesystems.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) betonte am Donnerstagabend, man habe zu den neuen Zahlungswünschen von Präsident Wladimir Putin noch nichts Schriftliches vorliegen, es habe noch keine Situation gegeben, dass Moskau nicht geliefert habe. In den Gaslieferverträgen stünden Zahlungen in Dollar oder Euro, das sei im Falle Deutschlands so und auch bei der österreichischen OMV.

Eurelectric-Generalsekretär Kristian Ruby vermisste in der Trendforum-Diskussion von Oesterreichs Energie bisher eine klare, koordinierte Antwort der EU-Kommission auf diesen Wunsch Putins: „Die Frage ist, wie lange werden wir uns noch schwach stellen?“, so der Vertreter des Branchenverbandes der europäischen E-Wirtschaft. Auch um einen teilweisen Verzicht, eine Reduktion des Gasverbrauchs, werde man nicht herumkommen, „sonst bleiben wir in dieser Situation gefangen“.

Für Velina Tchakarova, Direktorin des Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES), ist der Vorstoß Putins „kein Bluff“, sondern soll die eigene Landeswährung stärken, indem die Bezahlung der Gasrechnungen auf ein Konto der Gazprombank zu leisten ist, wo sie dann in Rubel getauscht wird. Laut Experten wurden die Gaszahlungen schon bisher in Rubel getauscht, aber nur zu vier Fünfteln, wie Direktor Sebastian Dullien vom Düsseldorfer IMK am Donnerstag auf „tagesschau24“ erklärt hatte.

Die Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, Barbara Schmidt, sieht in der jüngsten Entwicklung den „letzten Warnschuss“, dass endlich das Energiesystem umgebaut werden müsse. Die Folgen des Ukraine-Kriegs und der Aussagen aus Moskau kenne man noch gar nicht genau, klar sei aber, dass „wir ohne Gas vor allem im Winter ein Problem hätten, auch in der Stromversorgung“.

Gas sei etwa für Reservekraftwerke zur Stromnetz-Stützung erforderlich, so Oesterreichs-Energie-Präsident Michael Strugl. Das Gas aus Russland müsste durch anderes ersetzt werden, etwa verflüssigtes Gas (NLG), es gebe aber auch mehr Möglichkeiten aus Norwegen, Algerien, Aserbaidschan oder selbst aus Österreich. Als nächstes sollte der Energieträger Gas durch andere ersetzt werden. Deutschland werde wohl länger bei Kohle und Atom bleiben, meinen Schramböck und Strugl. Für neue Gaspartner und die zukunftsträchtige Wasserstoff-Technologie müsse die Pipeline-Infrastruktur ausgebaut werden, hier vermisst die Ministerin Vorschläge Brüssels.

Papierindustrie-Manager Kurt Maier, CEO der Heinzel Group und Präsident von Austropapier, erinnerte daran, dass ohne Gas die Papier- und Zellstofffabriken stillstehen würden. Man produziere zwar zu 60 Prozent aus Erneuerbarer Energie, benötige aber noch immer 35 Prozent Gas. Selbst in den Zellstofffabriken seien zumindest 10 Prozent Gas nötig. Selbst produziere man Strom und Fernwärme für 100.000 Haushalte, wenn man das nicht mehr könnte, müsste es jemand anderer tun, dann aber ebenfalls mit Gas oder Kohle.

Vor Eingriffen in den Strommarkt warnten sowohl Eurelectric-Generalsekretär Ruby als auch Oesterreichs-Energie-Präsident Strugl, der auch Verbund-Generaldirektor ist. Dass man nun in Europa Eingriffe in den Strommarkt erwäge, „hat uns beunruhigt“, so Ruby. Denn das wäre schädlich für das Vertrauen der Investoren. Man sollte „nicht die Märkte kaputt machen“, der Investitionswille sei wirklich wichtig. „Vorsicht bei Eingriffen in den Markt, der uns die Preissignale setzt für die Investitionen und für den Umstieg weg von CO2“, so Strugl.

Für Strugl folgt aus der aktuell bewusst gewordenen Energiekrise: Es müsse der Erneuerbaren-Ausbau beschleunigt werden und mehr Tempo beim Ausbau der Infrastruktur und der Flexibilitäts-Optionen gemacht werden. Es werde den heimischen Stromkunden auch wieder günstigere Strompreise ermöglichen, wenn man mit eigenen Erneuerbaren dagegenhalten könne. Früher habe Österreich durch die gemeinsame Stromhandelszone mit Deutschland profitiert, etwa durch günstigen Windstrom aus dem Norden des Nachbarlandes. Seit der Trennung der Zone spüre man die Preisdifferenz, die zuletzt noch größer geworden sei. Früher seien es 3 bis 4 Euro je MWh gewesen, im Vorjahr über 10 Euro und heuer bereits 30 bis 40 Euro pro Megawattstunde, um die Strom in Österreich teurer sei als in Deutschland.

APA

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