Ist die Zeit reif fürs Autoteilen?

6. April 2022, Salzburg

Die Mehrheit in Österreich setzt auf das eigene Fahrzeug. Angesichts steigender Preise rechnen sich Carsharing-Anbieter aber mehr Chancen aus. Neue Modelle sind am Start und schaffen die Möglichkeit, Privatautos gemeinsam zu nutzen.

23 Stunden fährt ein Auto pro Tag im Schnitt nicht, hat der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) errechnet. „Sie sind also meist Stehzeuge, nicht Fahrzeuge“, formuliert es VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Maximal 10 Prozent der Pkw seien gleichzeitig unterwegs. In Summe ist das also alles andere als effizient.

Angesichts steigender Energie- und Autopreise, Fahrzeugmangel und Klimakrise wittern Carsharing-Anbieter Chancen. Zwei neue Anbieter wollen die vielen vorhandenen Autos im Land aktivieren. Das dänische Unternehmen GoMore ist vor wenigen Tagen in Österreich gestartet. Privatautos können per App geteilt werden. „Viele Leute haben Autos und brauchen sie, aber eben nicht immer. Wenn man das Fahrzeug mit jemandem teilen kann, der ab und zu ein Auto braucht, ist das doch eine gute Geschichte“, sagt Österreich-Chef Paul Stegmüller. GoMore verweist auf 2,8 Millionen Mitglieder in Dänemark, Finnland, Schweden, der Schweiz und Spanien. Nun hofft man auch in Österreich auf Nutzer. Die Zeit sei reif, sagt Stegmüller: „Der Nachhaltigkeitsgedanke wird wichtiger, aber natürlich spielen uns steigende Preise in die Karten.“ Den Mietpreis legt der Autobesitzer fest. Der Mieter sieht Kosten, Verfügbarkeit und Standort des Fahrzeugs in der App und kann das Auto so buchen. Ein Viertel der Summe geht an den Anbieter. Dafür sind Abwicklung und Versicherungsleistungen inklusive. Der Mietpreis liege bei kleineren Autos im Schnitt bei 40 Euro am Tag. „Bei einem Tesla natürlich mehr“, sagt Stegmüller.

Das Carsharing-Modell des Wiener Unternehmens Smart Move hat Firmenflotten im Blick. „Österreich ist das Land der Dienstwagen. Viele dieser Autos sind aber nicht gut ausgelastet“, sagt Florian Löschenberger. Der 42-jährige Salzburger hat vor Kurzem die Leitung von Smart Move übernommen. Über die Software könnten Unternehmen ihre Fahrzeugpools organisieren und die Autos gegen ein Entgelt auch den Mitarbeitern in der Freizeit oder anderen Menschen zur Verfügung stellen. Auch firmenübergreifende Lösungen seien möglich oder dass eine Gemeinde ihre Kleinlaster am Wochenende an ihre Bürger verleiht. Tests liefen beim BMW-Werk in Landshut und in Hotels am Katschberg. Jetzt will man das Angebot ausrollen. Man sehe Chancen gerade im ländlichen Raum, der von internationalen Carsharing-Anbietern kaum bedient werde.

In Wien sind Share Now, ein Zusammenschluss von Daimler und BMW, oder Eloop mit eigenen Fahrzeugflotten präsent. Auch Share Now meldet steigende Nachfrage. Abseits der Bundeshauptstadt ist man von einem flächendeckenden Angebot meist weit entfernt. Aber es wächst. Es gibt zahlreiche kleine Anbieter, oft mit kommunaler Unterstützung. Mehrere regionale Initiativen haben sich zum Verein Carsharing Österreich zusammengeschlossen und bieten die Nutzung von 90 Standorten zu einem einheitlichen Tarif an. Wer beim Mühlferdl im Mühlviertel Nutzer ist, kann also auch Elektroautos von Family of Power in Kärnten, der Steiermark oder Salzburg nutzen. Family of Power ist eine Genossenschaft. E-Autos werden in Zusammenarbeit mit Partnern, meist Gemeinden, Regionen oder Wohnbauträger, installiert. „Unsere ökosozialen Tarife können wir nur mit Co-Finanzierung erreichen. Das ist einfach nicht kostendeckend. Selbst die großen Anbieter machen ja so gut wie kein Geschäft“, sagt Gerd Ingo Janitschek von Family of Power. 40 Standorte betreibt man, darunter vier in Salzburg. Eben erst wurde ein neues Elektroauto vor dem Halleiner Rathaus platziert. „Die Nutzung ist definitiv im Steigen begriffen“, sagt Janitschek.

Dass das Autoteilen seine Tücken hat, diese Erfahrung machte die Salzburg AG. 2012 startete man gemeinsam mit Rewe das Carsharing-Projekt Emil. 2017 war Schluss: „Trotz vieler gesetzter Marketingmaßnahmen war die Zahl der aktiven Nutzer mit 200 Personen eindeutig zu gering, um das Projekt aufrechterhalten zu können“, sagt Sprecherin Saskia Heller. Man konzentriere sich nun auf das Ladenetz.

Laut einer aktuellen Deloitte-Umfrage nutzen 18 Prozent der Österreicher Carsharing. Die Hälfte davon sind sporadische Nutzer. Vier Prozent nehmen Carsharing im Schnitt ein Mal pro Monat in Anspruch. Ein Mal pro Woche oder öfter tun das nur vier Prozent. „Carsharing funktioniert, wenn man es den Verbrauchern so einfach wie möglich macht“, sagt Deloitte-Experte Matthias Kunsch. Hier gebe es ein Stadt-Land-Gefälle. „Die Frage ist, ob man überhaupt aufs Auto verzichten kann. Im ländlichen Raum ist das schwierig.“ Carsharing könne mit neuen Ansätzen aber abseits großer Städte funktionieren, auch durch privates Angebot. „Autobesitz ist aber ein emotionales Thema. Da ist viel Psychologie mit dabei.“ Viele würden ihr Auto nicht mit Fremden teilen wollen. Er ortet aber einen Generationsunterschied. „Jüngere sehen Autos eher als Transportmittel und haben weniger emotionale Bindung.“
„Das Carsharing-Angebot ist vielfältiger geworden“, sagt VCÖ-Sprecher Gratzer. Allerdings handle es sich aktuell um einen Fleckerlteppich. Er sieht im Umstand, dass öffentliche Verkehrsunternehmen stärker mitmischen, das größte Potenzial. Die ÖBB bieten an Bahnhöfen Rail and Drive an. In Graz und Linz gibt es Tim, in Vorarlberg Caruso und in Tirol eine E-Car-Flotte für Klimaticket-Besitzer. „Die Nutzer brauchen Mobilitätspakete“, sagt Gratzer. International gehe der Trend dahin. „In Skandinavien gibt es Flatrates, in denen Öffis, ein Kontingent an Taxifahrten, Carsharing und Räder kombiniert werden. Das wird auch bei uns kommen.“

von Iris Burtscher

Salzburger Nachrichten

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