Muss man ohne russisches Gas frieren?

12. April 2022

Mehr als 900.000 Haushalte heizen mit Gas – das wird sich bis zum kommenden Winter kaum ändern.

Noch fließt Gas aus Russland nach Österreich. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verkündet eine weitere Frohbotschaft: „Wenn die Energie-Einsparpotenziale maximal genutzt und gleichzeitig die Lieferungen aus anderen Erdgaslieferländern so weit wie technisch möglich ausgeweitet werden, ist die deutsche Versorgung mit Erdgas auch ohne russische Importe im laufenden Jahr und im kommenden Winter 2022/23 gesichert.“

Allerdings ist schon der Wirtschaftsminister unseres Nachbarlands Robert Habeck weniger optimistisch und spricht von einer Unabhängigkeit von russischem Gas erst Mitte 2024. Klimaschutz- und Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) nennt überhaupt keinen Zeitpunkt für den Ausstieg aus russischem Erdgas. Aus ihrem Ministerium heißt es: „Die EU-Kommission arbeitet an einem Ausstiegsszenario bis 2027. Das ist ein ambitionierter Zeitplan. Österreich wird diese Arbeiten natürlich unterstützen.“ Im Durchschnitt wird der Gashunger Europas allerdings nur zu gut 40 Prozent aus Russland gestillt.

„Österreich hat eine besonders schwierige Ausgangssituation. Die Abhängigkeit von russischem Erdgas liegt bei 80 Prozent und ist damit außergewöhnlich hoch“, stellt man im Energieministerium fest. Der Ausstieg sei ein „Großprojekt, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann“.

In den rund 900.000 Haushalten in Österreich, die mit Gas heizen, bliebe im Moment ohne Gas durch die Jahreszeit bedingt zwar nur das Wasser und mancher Gasherd kalt. Im Herbst aber steigt der Bedarf wieder stark an. Was also lässt sich bis dahin tun? Oder: Warum ist ein Ersetzen der gesamten Gasmenge bis zum kommenden Winter wenig realistisch?

Die heimische Gasproduktion ging zurück.

Österreich fördert Erdgas. Die Produktion hat sich aber in den vergangenen zehn Jahren laut Statistik Austria von circa zwei auf weniger als eine Milliarde Kubikmeter Erdgas halbiert. Grob gesagt produziert Österreich rund ein Zehntel der 8,2 Milliarden Kubikmeter jährlichen Erdgasverbrauchs selbst. Das lässt sich auch nicht so einfach rückgängig machen. OMV-Sprecher Andreas Rinofner erklärt, dass Gasfelder im Laufe der Zeit schwieriger auszufördern sind. Sie werden „reif, weshalb es zu einem natürlichen Rückgang der Förderung kommt“. Die OMV sei „weltweit in einer führenden Position, reife Felder noch länger zu fördern“. Über Reserven könne man aber, weil börsenotiert, nicht spekulieren. Das Ziel in der aktuellen Situation sei es, „Fördermengen stabil zu halten“.

Österreich und die OMV hätten sich vor einigen Jahren dazu entschlossen, Erdgas-Vorkommen aus Klima- und Umweltschutzgründen nicht neu zu erschließen. Selbst in der Theorie aber ließe sich das nicht rasch ändern: Nach seismischen Untersuchungen erfolgten Explorationsbohrungen, bis danach Produktionsbohrungen möglich sind, dauere es fünf bis sechs weitere Jahre.

Auch die Gasmengen, die die Statistik Austria als „Exporte“ führt, sind keine, die man reduzieren können. Es sind Gastransfers durch Pipelines im Land mit anderen Zielländern. Diese könne man nicht kapern: „Das wäre ungefähr so, als wenn ich den Inhalt eines LKW auf einer österreichischen Autobahn für das Land reklamiere“, erklärt Günter Pauritsch, bei der Österreichischen Energieagentur für Energiewirtschaft, -infrastruktur und -partnerschaften zuständig.

Norwegisches oder LNG-Gas statt russischem?

„Die „Regierung arbeitet mit aller Kraft daran, die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu reduzieren“, lautet die vollmundige Ansage aus dem Energieministerium. Ministerin Gewessler habe gemeinsam mit Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und OMV-CEO Alfred Stern in Katar über die Ausweitung bereits bestehender Lieferverträge gesprochen. Die EU-Kommission arbeite an einem gemeinsamen Erdgas-Einkauf. Möglich seien zusätzliche Lieferungen aus Nordafrika, Norwegen oder Aserbaidschan über Pipelines oder von LNG, also Flüssiggas, das per Schiff aus Katar oder den USA nach Europa transportiert werde.

Tatsächlich gibt es in Frankreich LNG-Terminals mit einer Kapazität von 34,3 Milliarden Kubikmetern, in Großbritannien welche mit 48,3 und in Spanien sogar mit einer Kapazität für 68,9 Milliarden Kubikmeter LNG – letztere übrigens nur zu einem Drittel genutzt. Wollte man die gesamte Menge Österreichs durch LNG ersetzen, bräuchte man alleine dafür rund 80 Tankschiffe. Und: „Die eine Frage ist, wie viel kann ich zusätzlich nach Europa transportieren. Die andere aber, wie verteile ich es innerhalb Europas. Österreich hat da ohne Hafen einen Standortnachteil“, stellt Pauritsch fest. Zwar hätten auch Länder wie Norwegen der EU zugesichert, die Gasförderung zu steigern. Allerdings produziert Norwegen im Moment bereits in einem ähnlichen Ausmaß Gas für EU-Länder wie Russland – am 5. April wurden laut dem Think Tank Bruegel 2,6 Milliarden Kubikmeter aus Norwegen und 2,5 Milliarden aus Russland in die EU importiert . Im gesamten Jahr 2021 kamen 22 Prozent aus Norwegen und 38 Prozent aus Russland. Noch weiter zur Decke strecken dürfte schwierig werden.

Die Produktionsmengen von Biogas sind gering

Als es im Bundesrat ums Gas ging, sprach Ministerin Gewessler von einer „Zeitenwende“. Erst diese Woche gab sie gemeinsam mit Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) bekannt, mit stolzen 300 Millionen Euro Fördergeld Investitionen von 850 Millionen Euro in kleine und mittlere Solar-, Biomasse-, Wind- und Wasserkraftanlagen auslösen zu wollen. Mit dem Erneuerbaren-Ausbaugesetz soll Strom übers Jahr hinweg zu 100 Prozent erneuerbar erzeugt werden. 2030.

Biogas-Verbandsobmann Norbert Hummel vermisst Förderungen für sein Geschäftsfeld: Er spricht von 40 Prozent des derzeitigen Gasverbrauchs, den Österreich „in Zukunft“ durch im Land produziertes Biomethan decken könnte. Eine Studie der Energieagentur zeigt ein weit weniger optimitisches Szenario: Demnach würde Österreich im Jahr 2040 zwischen 89 und 138 Terawattstunden (TWh) erneuerbares Biogas benötigen. Das realisierbare Potenzial an erneuerbarem Gas aus biogenen Reststoffen wie Grasschnitt oder Abfällen aus der Lebensmittelproduktion und der Gasproduktion aus Holz werde dann aber nur bei 20 TWh liegen.

Im Moment gibt es dafür weder Anlagen noch Sammelstellen für die biogenen Reststoffe. 2020 wurden nur geringe 0,14 TWh Biogas ins heimische Netz eingespeist. Bezogen auf den Erdgasbedarf der Haushalte entspricht das einem Beitrag von etwa 0,2 Prozent.

„Rascheres“ Umsteigen beim Heizen dauert Jahre

Zwar ist das Erneuerbaren-Wärme-Gesetz immer noch in Arbeit. Das Ministerium versichert aber auch hier, dass „der Umstieg aus alten Gasheizungen im Vordergrund“ stehe. Die Regierung stelle 1,9 Milliarden Euro als Förderungen dafür zur Verfügung – bis 2025. Der Umstiegsbedarf ist enorm: Im Moment heizen 23 Prozent der knapp vier Millionen Haushalte mit Erdgas. Auch die Fernwärme, mit der weitere 30 Prozent Haushalte heizen, wird circa zur Hälfte mit Erdgas erzeugt.

Das Umstiegsproblem ist außerdem nicht gleichmäßig verteilt: Von den 900.000 Haushalten mit Gasheizung befinden sich 440.000 in Wien. Von Seiten der Wien Energie wird versichert, dass man Notfallpläne auch für mögliche Gasengpässe vorbereite. Man prüfe etwa auch einen Ölbetrieb der Werke. Zwar nicht die beiden großen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen in Simmering und Donaustadt, wohl aber die vier Heizkraftwerke zur Spitzabdeckung im Arsenal, Spittelau, Inzersdorf und Leopoldau könnten „in Ausnahmefällen – etwa einem Gas-Engpass – auch mit Heizöl leicht betrieben werden. Eine Umstellung ist relativ kurzfristig möglich“.

Kalt bleiben müssten Wohnungen aber auch deshalb nicht unbedingt, weil mit den Müllverbrennungsanlagen, Biomasse, industrieller Abwärme und Großwärmepumpen in Wien bereits „ein vielfältiger Anlagenpark zur umweltfreundlichen Wärmeerzeugung zur Verfügung“ stehe. Bis 2040 sollen darüber hinaus 55 Prozent der Wärme aus Großwärmepumpen und Geothermie erzeugt werden.
Für den kommenden Winter ist das aber noch nichts. Die Forschung zu Geothermie, die Wien 2016 startete, wird im Moment erst abgeschlossen. Jetzt geht es ans Nutzbarmachen fürs Heizen. „Bis 2030 wollen wir rund 125.000 Haushalte mit Fernwärme aus Tiefer Geothermie versorgen“, heißt es von Seiten der Wien Energie – ein ambitionierter Plan bei 420.000 Fernwärme-Kunden insgesamt im Moment.

Umverteilen und Gas sparen im Notfall

Für den Fall, dass Russland tatsächlich kein Erdgas mehr nach Österreich liefert, entwickelt die E-Control gemeinsam mit Ministerin Gewessler einen Notfallplan zur Energielenkung . Sowohl Politik als auch Behörde halten sich aber bedeckt, wie dieser aussieht oder aussehen wird. Klar ist aber die Priorisierung, wer zuerst auf Erdgas verzichten muss: Großkunden aus der Industrie vor den Haushalten und wichtiger Infrastruktur wie etwa Spitälern.
Laut Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung der E-Control, versucht man neben dem Plänewälzen den Füllstand der österreichischen Gasspeicher von derzeit knappen 13 TWh , was weniger als 15 Prozent entspricht, zu erhöhen. Denn: „Kurzfristig ist es so, dass wir fehlende Gasmengen nur durch Speicherentnahmen ersetzen können.“ Im Notfall werde versucht, das Gas mittels Einsparungen wo möglich zu strecken. Zum Einsparen beitragen können auch Haushalte: Ein Grad Raumwärme weniger bedeutet sechs bis zehn Prozent weniger Verbrauch – allerdings nicht jetzt im April, sondern in Spitzenzeiten im Jänner.

Kurzfristig ist ein Ausstieg aus dem Heizen mit Gas kaum möglich. Mittel- und langfristig aber gibt es Alternativen – auch zum Wohle künftiger Generationen. Foto: stock.adobe.com / nikkytok

Wiener Zeitung

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