Wintershall Dea geht nun außerhalb Russlands auf Expansion

28. April 2022, Frankfurt/Kassel

Der Öl- und Gasförderer Wintershall Dea hält trotz des Krieges in der Ukraine an seinen Beteiligungen in Russland fest. Das Kasseler Unternehmen, an dem der Chemiekonzern BASF derzeit 67 Prozent und die Investorengruppe Letter One des russischen Milliardärs Michail Fridman 33 Prozent hält, hat zwar bereits angekündigt, keine neuen Projekte zur Öl- und Gas-Förderung in Russland mehr voranzutreiben und Zahlungen in das Land einzustellen.

Der Vorstand habe sich aber nach intensiven Diskussionen entschieden, die Beteiligung an den bestehenden Projekten in Russland aufrecht zu erhalten, sagte Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. „Bei einem Rückzug würden Milliardenwerte an den russischen Staat fallen.“ Der Krieg sei aber ein „fundamentaler Wendepunkt“ für das Unternehmen, das nun sein Portfolio außerhalb Russlands stärken wolle – etwa in Norwegen.

Wintershall Dea werde jeden Stein umdrehen, um seine Produktion außerhalb Russlands mittel- bis langfristig auszubauen und zu diversifizieren, erklärte Finanzchef Paul Smith. Kurzfristig werde dies vor allem durch eine Optimierung der Produktion angestrebt. Seine enge Zusammenarbeit mit Russland, für die Wintershall in der Vergangenheit durchaus Kritik einstecken musste, hatte das Management stets verteidigt. Mehren hatte wiederholt betont, dass es ohne Russland für Europa keine Energiesicherheit gebe. Gasimporte aus Russland könnten ersetzt werden, aber nicht schnell, sagte er nun. „Ein ‚Weiter so‘ mit Russland kann es jetzt nicht geben.“

Wintershall Deas Abhängigkeit von Russland ist groß: Der Konzern erzielt dort rund 48 Prozent seiner Produktion und ist an drei Förderprojekten am Erdgasfeld Juschno Russkoje sowie der Achimov-Formation des Urengoi-Felds in Sibirien beteiligt. Selbst wenn seine russische Gasproduktion eingestellt würde, würde Wintershall Dea aber noch zwei Drittel seines derzeitigen Betriebsgewinns und freien Cashflows behalten, sagte Finanzchef Smith. Die bestehenden Projekte finanzierten sich selbst, sie benötigten keine zusätzlichen Investitionen von Wintershall Dea. „Wir schicken kein frisches Geld nach Russland“, betonte Mehren. Wenn das aber in einigen Jahren bedeute, dass die Produktion dadurch zurückgehe, dann sei dies so.

„Unser klares Ziel ist es, unser Portfolio außerhalb Russlands zu erweitern“, betonte Mehren. Im Blick hat der Manager etwa Norwegen, wo Wintershall Dea bereits mehr als 100 Lizenzen auf dem norwegischen Kontinentalschelf hält und bei rund einem Drittel davon Betriebsführer ist. Derzeit ist der Konzern dort an drei neuen großen Projekten beteiligt und strebt an, die Förderung Ende dieses Jahres zu starten. Wintershall Dea führe zudem „intensive Verhandlungen über weitere Wachstumsmöglichkeiten“ in Algerien und prüfe auch in Deutschland Optionen, um die heimische Förderung stabil zu halten. „Wir werden gleichzeitig aber auch die Augen nach neuen Chancen offenhalten – sowohl in den Ländern, in denen wir bereits aktiv sind. Aber auch in den Ländern, in denen wir es noch nicht sind.“

Im ersten Quartal rutschte Wintershall Dea wegen einer milliardenschweren Abschreibung auf die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 tief in die roten Zahlen mit einem Nettoverlust von einer Milliarde Euro nach einem Gewinn von 161 Millionen Euro vor Jahresfrist. Der Konzern verbuchte Wertminderungen von insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro im Zusammenhang mit der Finanzierung von Nord Stream 2 und seinem Russlandgeschäft. Operativ lief es dagegen rund: Der bereinigte Betriebsgewinn stieg auf 1,84 Milliarden Euro von 704 Millionen im Vorjahreszeitraum. Die Produktion erhöhte Wintershall Dea um zwei Prozent auf 669.000 Barrel Öläquivalent (BOE) pro Tag.

Das Kassler Unternehmen hatte Nord Stream 2 im März vollständig abgeschrieben. Wintershall Dea, der Versorger Uniper, die österreichische OMV, die französische Engie und Shell hatten zur Hälfte die Finanzierung von Nord Stream 2 übernommen. Die rund 9,5 Milliarden Euro teure Pipeline, die dem russischen Gaskonzern Gazprom gehört, liegt nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine auf Eis.

APA/ag

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