„Dann können wir uns das aufzeichnen“

5. Mai 2022

Erneuerbare Energie. Macht die Bevölkerung nicht mit, dann gibt es keinen Ausbau der Alternativenergie, warnt Verbund-Chef Michael Strugl

Per Anfang Mai hat auch der Verbund-Konzern die Strompreise erhöht. Konzern-Chef Michael Strugl nimmt dazu Stellung.

KURIER: Haben Sie auch eine höhere Stromrechnung bekommen?

Michael Strugl: Ja. So wie alle Beschäftigten in unserem Konzern. Mich trifft es nicht so hart wie Menschen mit kleinerem Einkommen.

Sie verstehen also den Ärger der Menschen über die explodierenden Strompreise?

Absolut. Mir macht das Sorgen, was die Teuerungswelle für viele Menschen bedeutet. Und glauben Sie mir, auch uns geht das unter die Haut.

Tun Sie etwas dagegen?

Wir erarbeiten gerade Maßnahmen, wie wir betroffene Kundinnen und Kunden gut durch diese schwierige Situation bringen können.

Gibt es also eine Art Fonds?

Es geht um Härtefälle. Wir gehen dem nach und arbeiten an Lösungen. Wir wollen in den nächsten Wochen unsere Kunden und Kundinnen darüber informieren.

Die Strom- und Energieversorger machen alle tolle Gewinne. Und alle sind im öffentlichen Eigentum. Und trotzdem schnalzen die Preise hinauf?

Das hat rechtliche Gründe. Vom Aktienrecht bis zum Kartellrecht. Das Kundengeschäft erfordert eine wettbewerbsrechtlich konforme, marktbasierte Preisbildung.

Der Verbund erzeugt aber Strom überwiegend aus Wasserkraft. Donau- und Gletscherwasser sind ja nicht teurer geworden.

Im Markt bestimmt nicht das Wasserkraftwerk den Preis, sondern das Gaskraftwerk. Das Gas braucht man zum Ausgleich der Nachfrageschwankungen. Das ist in ganz Europa seit Jahrzehnten das Marktmodell. Durch den Krieg zeigt der Markt extreme Verwerfungen. Wir erleben einen Gaspreisschock. Mit allen Konsequenzen.

Was macht der Verbund mit dem verbleibenden Gewinn?

Den investieren wir in den Ausbau unserer erneuerbaren Erzeugung und Infrastruktur, also etwa in neue Stromleitungen und Speichersysteme. Unser Plan für 2022 bis 2024 sieht drei Milliarden Euro an Investitionen vor, allein heuer rund eine Milliarde.

Was halten Sie davon, die Sondergewinne der Stromkonzerne höher zu besteuern?

Da die Regierenden in Bund und Land die Eigentümervertreter der Stromkonzerne sind, ist das deren Entscheidung.

Und jetzt die alles entscheidende Frage: Wie geht es mit dem Strompreis weiter?

Wir müssen vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen davon ausgehen, dass wir auch in den kommenden Jahren höhere Strompreise haben werden.

Von welchem Zeitraum sprechen wir denn da?

Auf den Terminmärkten sehen wir für die Jahre bis 2025 relativ hohe Preise. Eine gewisse Tendenz nach unten ist sichtbar, aber auf einem sehr hohen Niveau.

Was heißt das über 2025 hinaus?

Mittel- bis langfristig müssen wir so viel Erneuerbaren-Erzeugung in ganz Europa dazu bauen, dass wir diesen Preisauftrieb wieder in den Griff kriegen. Je schneller wir sind beim Ausbau, desto schneller geht’s nach unten.

Aber sobald irgendwo in Österreich auch nur ein Windrad gebaut werden soll, gibt es einen Aufstand.

Wir wollen in Österreich die Erneuerbaren, gleichzeitig verhindern wir sie. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, wird nicht mehr funktionieren. Von der Flächenwidmung bis zum Bau einer Anlage selbst: Das muss jetzt rasch gehen. Wenn es für den Ausbau der Erneuerbaren aber keinen gesellschaftlichen und politischen Konsens gibt, dann können wir uns das aufzeichnen.

Müsste die Politik nicht mutiger werden, bis hin zu Enteignungen, wie wir sieauch vom Straßenbau kennen?

Ich glaube, niemand hat Freude damit, wenn man enteignen muss. Leider ist es manchmal so, dass es nicht mehr anders geht.

Was ist eigentlich Ihre Meinung zum bevorstehenden EU-Öl-Embargo?

Der Krieg hat zu einem Preisschock geführt. Österreich ist aus guten Gründen gegen ein Gasembargo. Auch ein Ölembargo kann die Versorgungssituation anspannen, die Preisausschläge muss man dann irgendwie verkraften.

Was wäre bei einem Gasembargo?

Es würde der Energielenkungsfall eintreten. Mit massiven Einschränkungen für die Industrie. Alles in allem wäre das eine enorme wirtschaftliche Bedrohung für den Standort.

Das ukrainische Stromnetz wurde mit dem europäischen verbunden. Haben wir ein Blackout, wenn Russland das ukrainische Stromnetz hackt?

Man kann sich schnell trennen, wenn in der Ukraine etwas passiert. Ein Blackout-Risiko gibt es aber immer.

Kurier

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