Russischer EU-Botschafter: Komplettausfall Nord Stream 1

17. Juni 2022, Moskau/Berlin/Wien
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Nach der Reduzierung von russischen Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 ist wohl auch ein komplettes Runterfahren der wichtigsten Versorgungsleitung für Deutschland nicht ausgeschlossen. Russlands EU-Botschafter Wladimir Tschischow meinte beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg, wegen der Probleme bei der Reparatur von Turbinen in Kanada könne die Leitung komplett stillgelegt werden.

„Ich denke, das wäre eine Katastrophe für Deutschland“, sagte er nach Angaben der russischen Zeitung „Kommersant“. Deutschland solle darüber nachdenken, die Turbinen lieber auf seinem eigenen Gebiet zu reparieren, damit sie nicht nach Kanada gebracht werden müssten, meinte der Diplomat. Der russische Energiekonzern Gazprom hatte wie angekündigt in der Nacht zum Donnerstag seine Gaslieferungen nach Deutschland durch Nord Stream weiter reduziert. Der Gasriese begründete den Schritt mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten.

Auch Österreich ist mit reduzierten Gaslieferungen aus Russland konfrontiert. Ein Sprecher des heimischen Öl- und Gaskonzerns OMV sagte, der russische Lieferant Gazprom habe über eine Reduzierung informiert. „Wir werden diese Mengen, sofern aufgrund des geringeren Gasbedarfs überhaupt notwendig, durch Speichermengen und Mengen vom Spotmarkt ersetzen. Die Versorgung unserer Kunden ist derzeit sichergestellt.“

Das heimische Klimaministerium will die Situation in Österreich jedenfalls genau beobachten. „Wir überwachen die Situation und sind mit der OMV in engem Austausch“, hieß es in einer Stellungnahme an die APA. „Zur Stunde gibt es keine Anzeichen für einen Lieferstopp, wir sind aber auf alle Szenarien vorbereitet.“

Auch der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck nannte die Situation zwar ernst, sie gefährde die Versorgungssicherheit in Deutschland aber nicht. Auch der deutschen Bundesnetzagentur zufolge sei die Gasversorgung in Deutschland stabil. „Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist derzeit gewährleistet“, steht im Lagebericht. Die Behörde beobachte die Lage sehr genau und stehe in ständigem Kontakt zu den Unternehmen der Gaswirtschaft. Dennoch fordert sie zum Energiesparen auf.

Entgegen der Darstellung Gazproms, der Grund für die Drosselung seien Verzögerungen bei Reparaturarbeiten, vermutet Habeck dahinter allerdings eine politische Entscheidung. Kremlsprecher Dmitri Peskow wies das zurück. Die Probleme hingen vielmehr mit den vom Westen gegen Russland verhängten Sanktionen zusammen, meinte er. „Uns ist nur bekannt, dass es dort wirklich Probleme mit den Turbinen und mit der Reparatur gab, einige Turbinen kommen nicht zurück, sie werden irgendwo zurückgehalten.“ Es handle sich nicht um Absicht von russischer Seite: „Das ist ein Problem, das gar nichts mit uns zu tun hat.“ Auch der Energietechnikkonzern Siemens Energy hatte mitgeteilt, dass eine in Kanada überholte Gasturbine aufgrund der Russland-Sanktionen derzeit nicht aus Montréal zurückgeliefert werden könne.

Bereits am Dienstag hatte Gazprom die Reduktion des bisher geplanten Tagesvolumens von 167 Mio. um rund 40 Prozent auf 100 Mio. Kubikmeter Gas pro Tag verkündet und auf Verzögerungen bei der Reparatur von Gasverdichtern verwiesen. Die neuerliche Reduktion in der Nacht zum Donnerstag auf nun noch 67 Mio. Kubikmeter bedeutet eine Drosselung um rund 60 Prozent innerhalb von zwei Tagen. Russland hatte immer wieder für die Inbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 2 geworben.

APA/dpa

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