Gemeinde unter Strom

22. Juni 2022

Die Gemeinde Tattendorf in Niederösterreich will Klimapionierin sein. Bürgerinnen und Bürger haben sich dort zu einer Energiegemeinschaft zusammengeschlossen, um grünen Strom regional zu produzieren und zu vermarkten. Es ist nicht die einzige solche Initiative im Land.

Auf den ersten Blick wirkt Tattendorf wie so viele andere Gemeinden in Niederösterreich: Schon vom kleinen Bahnhof aus sieht man den Lagerhausturm, im Ort grüßt jeder jeden. Auf knapp 1500 Einwohnerinnen und Einwohner kommen gut 30 Heurige. Doch es sind nicht allein die vielen Winzerbetriebe, die Tattendorf zu einem besonderen Ort machen – sondern dass sich die Gemeinde mehr als viele andere dem Klimaschutz verschrieben hat.

Im Osten von Tattendorf drehen sich zahlreiche Windräder, die Dächer vom Gemeindeamt, dem Kindergarten und vieler Privatpersonen sind mit Photovoltaikanlagen geschmückt. Und mitten im Ort wird mit der Wasserkraft der Triesting Strom produziert. Die lokal erzeugte Energie soll vor allem den Bewohnerinnen und Bewohnern der Gemeinde zugutekommen.

Tattendorf wurde so als eine der ersten österreichischen Gemeinden zu einer Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft (EEG). Bei einer EEG schließen sich mehrere Menschen und Betriebe innerhalb der Gemeinschaft zusammen, um Energie aus erneuerbaren Quellen regional zu produzieren und konsumieren – und das zu einem möglichst günstigen Tarif.

Erneuerbare in der Region ausbauen

In Tattendorf wurde dafür mit Thermenstrom eine Genossenschaft gegründet. Rund 60 Personen und Betriebe haben sich bislang angeschlossen – und auch die Gemeinde ist mit von der Partie. Mit 50 Euro können sich Bürger, mit 100 Euro Unternehmen an dem Projekt beteiligen. Die Genossenschaft ist gemeinnützig konzipiert – sollte am Ende des Jahres Geld übrig bleiben, wird wieder reinvestiert. So sollen erneuerbare Energiequellen in der Region sukzessive ausgebaut werden.

Trotz des Gemeinschaftsgedankens wird zuerst der Eigenbedarf gedeckt: Wer selbst eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hat, nützt die Energie in erster Linie für sich. Für die EEG sind die Überschüsse relevant.

In der Gemeinde ist man stolz auf die Pionierrolle. „Uns hat der Klimawandel angetrieben, die Erdgaskrise hat dem Ganzen noch einen Turbo verliehen“, erzählt Umweltgemeinderat Christian Mesterhazi (SPÖ). Der Hauptfokus liege derzeit auf Photovoltaik, die Windräder im Ort liefern an die EVN. Langfristig kann sich der Politiker aber vorstellen, dass auch die Genossenschaft ein Windrad aufstellt.

„Mitmachen kann jeder“, sagt Mesterhazi, egal ob man selbst grünen Strom produziert oder nicht. Derzeit habe rund die Hälfte der Teilnehmenden eine PV-Anlage auf dem Dach – und versorgt mit ihrem Strom die übrigen Mitglieder.

„Der Sinn der Energiegemeinschaft muss sein, dass genau das, was jetzt passiert, nicht mehr passiert“, sagt der Gemeinderat und spricht von den starken Preisschwankungen am Energiemarkt. Er zählt an seinen Fingern die aus seiner Sicht vielen Vorteile einer Energiegemeinschaft auf – sie könne etwa einen konstanten Strompreis bieten und die regionale Wertschöpfung stärken.

Anderen Gemeinden, die zur EEG werden wollen, rät Mesterhazi, zunächst den Bürgermeister, Gemeinderat und -verwaltung an Bord zu holen. Wichtig sei auch, sich früh zu überlegen, wie die Gemeinschaft aufgebaut wird und wer welche Aufgabe übernimmt. „Es ist eine Menge Arbeit“, erklärt Mesterhazi. „Am Anfang macht man das in der Begeisterung, dann beginnen die Diskussionen.“ Damit die Bürokratie nicht ausufert, sei es daher ideal, wenn sich mehrere Gemeinden innerhalb einer Region zusammenschließen – wie beim Projekt Thermenstrom.

Möglichst lokale Produktion

Alexander Wilhelm war einer der ersten Bürger im Ort, die sich an der Genossenschaft beteiligt haben. „Ich habe gefunden, dass es eine wichtige Sache ist“, erklärt der 68-Jährige seine Motivation. „Es ist das Beste, wenn man die erzeugte Energie and Ort und Stelle nutzen kann.“ Ihm gefalle die Idee, dass der Strom – „so wie früher“ – im eigenen Ort produziert und verkauft wird. „Back the roots“, sagt der großgewachsene Mann lächelnd. Wichtig sei für ihn, dass sich die Bevölkerung aktiv in das Projekt einbringen kann, aber auch die Themen Versorgungssicherheit und mögliche Blackouts hätten ihn zur Teilnahme bewegt.

Wilhelm kennt sich in der Materie wahrscheinlich wie kaum ein anderes Genossenschaftsmitglied aus. Seit vielen Generationen führt seine Familie ein Kleinwasserkraftwerk im Ort. „Ich erzeuge Tag und Nacht Ökostrom“, sagt er stolz bei einer Führung durch die Anlage. Derzeit fließt die von seinem Kraftwerk erzeugte Energie aber noch nicht an die Energiegemeinschaft, an der er als Privatperson beteiligt ist – das soll sich künftig allerdings ändern. Ihm sei die Dezentralisierung ein großes Anliegen. Kleine Betriebe wie seiner könnten mit Atomkraftwerken oder Kohlekraftwerken im Osten, die „ohne Umweltauflagen und mit Braunkohle verstromen“, nicht mithalten, sagt er stirnrunzelnd.

„Autarkie ist das erklärte Ziel“, erzählt auch Tattendorfs Bürgermeister Alfred Reinisch. der Δtandard trifft auf der Straße auf den Politiker, er rollt mit seinem „Golfwagerl“, wie er es nennt, durch den Ort – „natürlich elektrisch“, sagt er schmunzelnd. Die Entscheidung, eine EEG zu werden, sei mit dem Beschluss des Erneuerbare-Energie-Gesetzes klar gewesen – auch wenn die Planung früher startete. Nur einen Tag nach dem Beschluss im Parlament wurde die Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft in Tattendorf gegründet. Das Projekt wurde einstimmig im Gemeinderat beschlossen, Reinisch selbst sitzt im Vorstand.

Positive Rückmeldungen

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien sehr positiv, meint der Bürgermeister der UHL, der Unabhängigen Liste Tattendorf. „Die Menschen sind fast ungeduldig“, sagt Reinisch und fährt über das Lenkrad seines Wagerls, „sie wollen uns schon operativ sehen, es braucht aber immer ein bisschen einen Vorlauf.“ Ob er selbst auch eine PV-Anlage aufdem Dach habe? „Bestellt ist sie, aber montiert noch nicht“, sagt Reinisch beinahe zerknirscht mit Verweis auf derzeitige Lieferengpässe.

Nicht nur auf seinem Dach sollen schon bald Solarkollektoren Strom erzeugen, auch auf vielen weiteren im Ort: Vor kurzem wurden südlich der Gemeinde Freiflächen umgewidmet, um auch dort Strom aus Sonnenenergie zu produzieren. Dabei handle es sich um ehemalige Deponiestandorte und landwirtschaftlich minderwertige Flächen, sagt Reinisch. Aber auch Agro-PV-Anlagen, bei denen zugleich Strom produziert und landwirtschaftlich gearbeitet wird, seien in Planung.

Damit aber eben nicht nur die Grundstückseigentümer von den neuen Freiflächenanlagen profitieren, habe man mit den Betreibern ausverhandelt, dass sie 100 Häuser in Tattendorf mit PV-Anlagen ausstatten. Die Vergabe soll demnächst über eine Ausschreibung geregelt werden. Sollte der Bedarf größer sein, will die Gemeinde die Vergabe auf 200 aufstocken.

Tattendorf ist jedenfalls nicht die einzige Gemeinde in Österreich, die sich ökologischer ausrichten will. Mit Stand Ende Mai sind rund 50 Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften in Betrieb. Laut dem Klima- und Energiefonds befinden sich bereits zahlreiche weitere in Planung.

Und auch für Menschen, die keine Nachbarinnen und Nachbarn mit ähnlichen Öko-Interessen finden, gibt es die Möglichkeit, sich an Energiegemeinschaften zu beteiligen. Eine davon ist Our Power mit Sitz in Wien. Bei der sogenannten Bürger-Energiegemeinschaft (BEG) können Erzeuger und Konsumentinnen aus dem ganzen Land mitmachen. Auch Our Power ist genossenschaftlich organisiert. Vor rund vier Jahren sei man mit 19 Mitgliedern gestartet, mittlerweile seien knapp 600 dabei, erzählt Peter Molnar, Vorstand der Initiative.

Mitglieder müssen pro Anteil hundert Euro zahlen, wenn sie ihren Strom verkaufen wollen. Wer keinen eigenen Strom einbringt, muss keinen Anteil kaufen – aber kann den grünen Strom dennoch beziehen. Rund 200 Ökostromkraftwerke quer durchs Land versorgen die Kundinnen und Kunden. Dabei greift die Organisation auf Energie aus Wind, Sonne, Wasserkraft und auf eine Bio-Gas-Anlage zurück. „Mit dem Mix können wir sicherstellen, dass immer eine der Anlagearten Strom produziert“, erklärt Molnar. Das Angebot sei europaweit einzigartig.

Nichtsdestotrotz gibt es eine gewisse Wahlfreiheit: Online können sich Kunden selbst den bevorzugten Energiemix zusammenstellen – und bekommen einen entsprechenden Fixpreis dafür angeboten. Wer selbst eine PV-Anlage hat und den Überschuss verkaufen will, kann auf dem digitalen Marktplatz eigenen Preis festlegen – der allerdings nicht über zwölf Cent pro Kilowattstunde liegen darf.

Die Bevölkerung an Bord holen

Im Vordergrund stehe die Idee, dass sich Bürgerinnen und Bürger in die Energiewende einbrächten, heißt es bei Our Power. Und auch, dass diese in Erneuerbare statt in Immobilien oder andere Wertanlagen investierten: „Von Betongold zu Sonnengold“, sagt Molnar. So können Interessierte beispielsweise in PV-Anlagen investieren, die nicht auf dem eigenen Dach montiert werden – und daraus Rendite erzielen. Eine Anlage würde sich durchschnittlich nach rund zehn Jahren amortisieren, bei den jetzigen Strompreisen schneller. Im Juni will Our Power noch ein Gemeinschaftskraftwerk präsentieren. Wer sich beteiligt, kann zwischen einer monetären Verzinsung von zwei bis drei Prozent oder Strombezug für bis zu zehn Jahre wählen.

Zudem könne eine BEG langfristig einen stabilen Strompreis garantieren. „Es hat plötzlich einen starken Wert bekommen, Marktgegebenheiten nicht mehr ausgeliefert zu sein“, sagt Molnar. Das bekomme die Organisation derzeit selbst zu spüren. Die momentan hohen Energiepreise würden für einen ungewöhnlich großen Andrang sorgen: „Derzeit werden wir regelrecht überrannt.“

„Es ist das Beste, wenn man die erzeugte Energie an Ort und Stelle nutzen kann.“

Alexander Wilhelm, Mitglied der Genossenschaft Tattendorf

Der Standard

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